Frankfurter Gemeine Zeitung

Nicht ganz so clever: Linksjugend zeigte Xavier Naidoo und Kool Savas an

Es ist wohl nicht zu leugnen:

Auf Ihrem Album „Gespaltene Persönlichkeit“ haben Xavier Naidoo und Kool Savas, die sich zusammen kurz „Xavas“ nennen, mit dem Hidden-Track „Wo sind“ einen ziemlich dämlichen Text verfasst.

Inhaltlich ergehen die beiden sich darin in einer Verschwörungsphantasie, nach der irgendwelche finsteren Geheimgesellschaften systematisch Jagd auf unschuldige Kinder machen um diese dann zu missbrauchen und abzuschlachten. Mit der Realität hat das natürlich recht wenig zu tun, doch Naidoo und Savas ergehen sich in einer gehörigen Portion „gerechten Zorns“ und phantasieren darüber, den Missetätern Arme und Beine abzuhacken und sie dann anal zu vergewaltigen. Am Ende des Liedes rufen sie  nach Führern und starken Männern, die hier wohl endlich mal so richtig aufräumen sollen.

Als Gesamtkonzeption ist dieses Lied schon ziemlich beschissen und irgendwo auch ein Bisschen latent fascho, egal wie die Beiden sich das nun medial schönreden. Letztlich sind sie trotzdem in bester Gesellschaft. Egal ob Schauspieler, Politiker oder sonstiger Promi: Mit ein paar gepflegten Hasstiraden gegen Kinderschänder kann man sich quasi für lau eine Menge Sympathiepunkte beim Durchschnittbürger einsammeln.

Dabei ist es durchaus hilfreich, dass Kinderschänder eigentlich keine signifikante Bevölkerungsgruppe darstellen und ihre Bedeutung als Projektionsfläche für Aggressionen und Ängste weitaus größer ist, als ihre tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung.

In diesem Sinne dürften Xavier Naidoo und Kool Savas wahrscheinlich wirklich überrascht gewesen sein, dass ihr fragwürdiges Machwerk nun tatsächlich derart in die öffentliche Kritik geraten ist.

Mit ein Bisschen Nachdenken müsste es ihnen allerdings klar sein warum: Wer massive Gewaltphantasien mit einer Forderung nach starken Männern und Führer kombiniert, wird aufgrund gewisser historischer Erfahrungen nun einmal schief angeschaut, selbst wenn er dabei doch eigentlich nur „völlig legitime“ und allgemein akzeptierte Mordphantasien gegen Kinderschänder formulieren wollte.

Die Frage warum die bösen Schinderkänder… äh… Kinderschänder…  nicht mal endlich eine Möse ficken könnten (wie jeder andere „normale Mensch“ auch!) war nun auch nicht ganz so clever, da Schwule diese unter Umständen auch auf sich beziehen könnten.

Auch haben sich Naidoo und Savas mit ihrem Text für ein dringend notwendiges Nachsitzen im Geschichtsunterricht qualifiziert, da die Ritualmordlegende zum klassischen Inventar des europäischen Antisemitismus gehört.

Ich nehme an, die beiden waren aber wirklich so hohl und haben beim Verfassen des Textes nicht bemerkt, mit wem sie sich da in ein Boot setzen. Schließlich sind die beiden sonst ja eher pro-multikulti, definitiv gegen rechts und es heißt ja auch „im Zweifel für den Angeklagten“. Wenn nur die Wahl zwischen dem Vorwurf der Dummheit und dem der Böswilligkeit bleibt, so erscheint der Vorwurf der Dummheit als der geringere.

Das Erziehungsmittel das die Linksjugend ´solid in Gestalt einer Anzeige wegen Volksverhetzung anwenden wollte, halte vor diesem Hintergrund für völlig ungeeignet, den beiden spätpubertären Künstlern politische Bildung beizubringen. Außerdem hat sich ´solid damit leider selbst zum Affen gemacht, denn dass die Sache mit der Anzeige ausgeht, wie das Hornberger Schießen, war zu erwarten.

Einem Großteil der Fans von Xavas dürfte es übrigens ähnlich ergehen, wie den beiden Künstlern. Sie werden schlicht nicht verstehen, was denn an „völlig akzeptablen“ Gewaltphantasien gegen böse Kinderschänder so falsch sein soll und die Verweise auf gesellschaftliche und historische Zusammenhänge schlicht für Spitzfindigkeiten miesmacherischer und überempfindlicher Linker halten.

Linke Bewegungen sind ohnehin immer mehr dabei, in den Ruf als politisch überkorrekte, meinungszensierende und überempfindliche Politspinner zu geraten und rechte Think-Tanks arbeiten kräftig daran, diesen gesellschaftlichen Eindruck zu festigen und die angeblich erdrückende „Meinungszensur durch Linksfaschisten“ zu geißeln.

Ein Bisschen rassistisch zu sein, gilt hingegen inzwischen als lustig, sexy und subversiv und im Herzen ein Bisschen faschistisch zu sein, gilt so Manchem schon als „nüchterner Realismus“.

Wer sich die Resultate davon anschauen will, der muss nur auf Facebook-Seiten wie „Mein Humor ist so schwarz, ich könnte damit Baumwolle pflücken“ gehen und bekommt dort „voll total lustigen“ Rassismus, Sexismus u.s.w. geboten. Wer´s nicht mag, der ist ein Spießer!

Die Seite wird beileibe nicht nur von Nazis geliked, eher im Gegenteil: Beinharte Nazis dürften dort eher die Ausnahme sein, stattdessen tummelt sich dort ein guter Querschnitt der Gesellschaft unter 35.

Ich selbst muss es zugeben: Ich lache auch durchaus über einige der dort präsentierten Witze.

An und für sich befürworte ich auch einen entspannteren Umgang mit Tabus. Grandios finde ich zum Beispiel das Lied „Everyone´s a little bit racist“ aus dem genialen Musical Avenue Q.

Das Problem ist allerdings, dass mit vielen “politisch unkorrekten Aussagen” tatsächlich auch Bilder transportiert werden, die verinnerlicht werden. Wer gerne über rassistische Witze lacht, könnte auf die Dauer auch eine größere Akzeptanz eines „wahren Kerns“ in tatsächlich rassistischer Ideologie entwickeln.

Die Empörungs-Keule halte ich gleichwohl für das falsche Mittel auf solche Dinge zu reagieren, da sich diese abnutzt und außerdem den Spaß daran weckt, durch echte oder vermeintliche Tabubrüche weitere Empörung zu produzieren.

Schließlich basiert ein großer Teil der modernen öffentlichen Kommunikation auf dem schlichten Generieren von Aufmerksamkeit.

In diesem Sinne könnten sich Xavas (traurigerweise) auch noch bei ´solid für die kostenlose Publicity bedanken.

Jedoch haben wir hier ein Dilemma:

Bestimmte Dinge können und sollten nicht totgeschwiegen werden, andererseits allerdings schafft ein öffentliches Agitieren gegen entsprechende Äußerungen auch eine unerwünschte Aufmerksamkeit.

Was kann man also tun?

Ich denke, es kommt darauf an, den Einzelfall genau zu bedenken und sich nicht nur mit den Äußerungen selbst, sondern auch mit der Position und Verflechtungen deren Verfassers auseinanderzusetzen und darauf bezogene Handlungsstrategien zu entwickeln.

Die pathetische Geste einer Strafanzeige, die keinerlei realistische Aussichten auf Erfolg hat, ist in diesem Sinne eine miserable Handlungsstrategie.

Ich denke, die Linke Bewegung sollte es (wieder) lernen, Humor als Waffe einzusetzen. Und Angriffsfläche für Spott bietet der bigotte Hampelmann Naidoo nun wirklich genug.

Nachtrag:

Ein entspannter  Umgang mit etwas bedeutet nicht dessen kritiklose Akzeptanz.

 


Leben? Mit oder ohne Arbeit?

UnnahbarkeitDass es so wie die Jetztzeit sich zeigt, nicht funktioniert, dürfte wohl jedem klar sein. Mir fällt es oft schwer unter dem Visier das Gesicht zu erkennen. Ist es ausser mir noch niemanden aufgefallen, dass fast jeder einen Schutzpanzer mit Visier trägt, Coolness, Unnahbarkeit? Enzensberger, den ich gar nicht mag, hat ganz treffend gesagt, man könne daran, wie weit die Gesellschaft ihr Visier herunterlässt, erkennen, wie totalitär sie ist. Wir sind die Knechte unserer Mutlosigkeit und Feigheit. Wir opfern die Menschlichkeit für einen Wohlstand, der in Wirklichkeit nur ein Warenhaufen ist.

Was aber heisst Mutlosigkeit, man schaut nach links, man schaut nach rechts, nirgends findet man etwas, das seinen Vorstellungen entspricht, wenn man sie jetzt aus sich heraus nach aussen bringt, liefert man sich der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen. Doch um sich zu verwirklichen, muss es heraus. Mut heisst, Mut sich den Kopf abschlagen zu lassen. Denn “es ist nicht möglich unverwundbar zu sein.” (Judith Butler)

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