Frankfurter Gemeine Zeitung

Leben? Mit oder ohne Arbeit?

UnnahbarkeitDass es so wie die Jetztzeit sich zeigt, nicht funktioniert, dürfte wohl jedem klar sein. Mir fällt es oft schwer unter dem Visier das Gesicht zu erkennen. Ist es ausser mir noch niemanden aufgefallen, dass fast jeder einen Schutzpanzer mit Visier trägt, Coolness, Unnahbarkeit? Enzensberger, den ich gar nicht mag, hat ganz treffend gesagt, man könne daran, wie weit die Gesellschaft ihr Visier herunterlässt, erkennen, wie totalitär sie ist. Wir sind die Knechte unserer Mutlosigkeit und Feigheit. Wir opfern die Menschlichkeit für einen Wohlstand, der in Wirklichkeit nur ein Warenhaufen ist.

Was aber heisst Mutlosigkeit, man schaut nach links, man schaut nach rechts, nirgends findet man etwas, das seinen Vorstellungen entspricht, wenn man sie jetzt aus sich heraus nach aussen bringt, liefert man sich der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen. Doch um sich zu verwirklichen, muss es heraus. Mut heisst, Mut sich den Kopf abschlagen zu lassen. Denn “es ist nicht möglich unverwundbar zu sein.” (Judith Butler)

Arbeit, Arbeit, Arbeit …

Die Angst, sich lächerlich zu machen oder als naiv zu gelten. Die Angst, Angst zu zeigen. Das ist der Ursache der Coolness, sie ist Maske, ist Fassade, ist Schutz, aber auch Isolation.

Der gefragte Mensch sieht sich genötigt, selbstbeherrscht sein Leben zu meistern. Um seinen Marktwert zu behaupten, ist er einem Dilemma ausgesetzt, zum einen darf er sich nicht zu weit vom common sense wegbewegen, und auf der anderen Seite muß er auffallen, sich herausheben. Pseudoindividualität, konform und individuell zugleich. Der Markt liebt das Zwitterwesen, unterwürfig und selbstbewusst, Chimären, halb Mensch, halb Hund mit Visier, das bei Bedarf heruntergelassen werden kann. Aber solange das Spiegelbild sich nicht entsetzt, besteht kein Grund darüber besorgt zu sein.

Während in der noch ungebildeten Zeit, der Mensch mit Zucht dem Stock und göttlichem Zwang zum Dienen gedrängt wurde, ist die offene Gewalt heute in der aufgeklärten Zeit obsulet geworden. Der moderne Mensch optimiert sich selbst, seine mentale Toleranzschwelle, seinen ganzen Habitus. “Den Stock, mit dem man sie einst geschlagen, den tragen sie jetzt in ihrem Innern” (Heinrich Heine). Aber wie sich der Mensch auch abmüht, die Anforderungen steigen und wenn die letzte Kraft verbraucht ist, folgt der Absturz. Dafür gibt es kein Pardon, so wie er die Verlierer einst verachtete, so wird er jetzt verachtet.

Der zweite und der dritte Arbeitsmarkt, das ist nur Jammer, das ist die Strafe, die Galeere, ein Lohn, von dem man nicht leben kann, eine Arbeit, die unerträglich oder zerstörend ist und immer diese Unsicherheit und Ungewissheit, wie es weiter geht “es ist aber ein Irrtum, sich einzubilden, man könne das Schicksal ermüden und den Grund von etwas erreichen.” (Victor Hugo)

Dann kommt Hartz IV, der letzte Faden, die Entwürdigung.

Es ist falsch, hier von Schicksal zu sprechen, denn all dieses Elend produziert Gewinn, Profiteure des Billiglohns und Subventionen, Schmarotzer, Feinde der Menschlichkeit.

Im ganzen Umfeld der Arbeitslosigkeit zeigt die herrschende Wirklichkeit ihr wahres Gesicht. Jenseits vom schönen Schein und der Blendung, dem besinnungslosen Konsum, entstehen durch den Verlust an der Teilhabe Zweifel, an der “schönsten und besten der möglichen Welten” (Voltaire). Rigoros werden etwa einem Viertel der Bevölkerung die kulturelle Teilhabe an der Gesellschaft streitig gemacht. Die Medien, die sich fast vollständig in den Händen der herrschenden Schicht befinden, verschweigen dieses Problem, schlimmer noch, sie ignorieren die Tatsache, dass es da ein Problem gäbe. Das Scheitern am Arbeitsmarkt wird zum persönlichen Scheitern erklärt, somit der Ausschluss als Versagen umgedeutet. Selbst ein Teil der Betroffenen, durch Religon, Erziehung und Medien verdorben, empfindet Scham und Selbstzweifel, ohne zu erkennen, dass diese Scham von aussen in sie hineingetragen wird und dass sie dadurch erst zur Ausbeutung gefügig gemacht werden.

Bildungsferne Schicht

Das ist die Sprache des Ausschlusses, so spricht die Verachtung, denn man sieht sie nicht mehr als zugehörig, der Gesellschaft entrückt. Wir sind hier und gebildet, die sind dort und ungebildet. Und mit der Teilhabe verlieren sie auch die Anerkennung und den Status. Die Konsequenz als Inhaber der bildungsfernen Schicht, lässt man sie nicht mehr zu Wort kommen oder hört ihnen gar nicht mehr zu, sie werden damit immer unsichtbarer. Viele Politiker, Medien und andere Verleumder füllen diesen Meinungsraum mit gefährlichen Verallgemeinerungen.

Zuweilen macht eine Einschätzung die Runde, das es in den, wie sie sagen, bildungsfernen Schichten ein Mangel an ausdifferenzierten sprachlichen Fähigkeiten bestehe. Dieser Mangel sei nun die Ursache, dass jene die eigene Situation nicht angemessen in den Blick nehmen können; sie sich dadurch nicht integrieren lassen, zudem die Sprachlosigkeit ein Selbstauschluss vom öffentlichen Diskurs bedeute, woraus Isolation und Machtlosigkeit entstünde.

Anscheinend sind solche Betrachtungen das Ergebnis oder Studien einer telemedialen Sichtweise. Ich glaube, es ist unangebracht, solchen Verallgemeinerungen mit Nachsicht zu begegnen. Allein schon der Begriff “bildungsferne Schichten” ist Verachtung genug.

Die Sprachlosigkeit der Armen, derjenigen, die im Elend leben müssen, ist nicht das Ergebnis eines Sprachunvermögens, sondern in erster Linie die Folge eines gesellschaftlichen Ausschlusses. Wir wissen ja, dass die soziale Position, also gesellschaftliche Stellung, darüber entscheidet, wie und in welcher Weise Kompetenz zugesprochen wird. Laut Habermas ist der Diskurs allein das Vermittelnde, das ist aber ein Irrtum der vor allem Denkern im Elfenbeinturm unterläuft, das ist Idealismus der Theoretiker. Die Sprache bezieht ihre Kompetenz vor allem von aussen und nicht allein aus dem Sprachvermögen. Es ist die soziale Position, welche die Autorität im Sprechen verleiht. Ein klärender Diskurs à la Habermas ist also nicht in jedem Fall möglich. Ich schätze die Auffassung von Habermas sehr, aber diese Ungleichheit muss einbezogen werden.

Wenn z.B. ein Antragsteller von Sozialhilfe auf einem Amt dem Sachbearbeiter sprachlich oder auf Grund von Erfahrungen total überlegen ist, was oft genug der Fall ist, so darf er seine Überlegenheit nicht zeigen. Ein Verstoss kann die ganze beamtliche Willkür zum Nachteil werden lassen und damit zum Existenzrisiko werden. Auf dem Arbeitsmarkt ist das ganz genau so. Es ist immer die soziale Position oder moderner ausgesprochen, der anerkannte Marktwert, der die Bedeutungshoheit der Sprache bestimmmt. Diese ungleiche Machtstruktur ist positionsbedingt und durch ein Gespräch nicht lösbar.

Das gilt für die Armut im besonderen Masse, denn die Wahrheit ist, man lässt die Armut nicht zu Wort kommen, aber gleichzeitig wirft man ihr ihr Schweigen vor. Mediale soziologische Halbdenker, deren Wahrheit nur auf einem Bein steht, erlauben sich im Sinne ihrer Auftragsgeber den Leumund der Armut herabzuwürdigen, denn sie sind die Urheber solcher Ausdrücke wie “bildungsferne Schichten”. Zum Glück ist die Soziologie selbst eine ehrbare Wissenschaft, wenn auch eher nutzlos.


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