Frankfurter Gemeine Zeitung

Korpsgeist Rheinmain: Der Finance Hub feiert sich

Wirklich geläufig war mir der Begriff „Finance Hub“ vor Beginn der 15. Euro Finance Week nicht, doch inzwischen erschloss sich mir die Bedeutung ein Stück weit. „Finance Hub“ meint eine Drehscheibe für Geld, ein Knoten, an dem Kohle gezapft wird, und das nicht zu knapp. Gezapft für den Shareholder Value und andere Renditen, für Boni und Luxusimmobilien. Frankfurt nimmt bei den Finance Hubs gloabal Platz 9 ein, auch wenn viele vor Ort wenig Gutes davon spüren. Den Rang gilt es aber zu verteidigen, zum Beispiel mit Veranstaltungen wie der Euro Finance Week, passgenauer Stadtpolitik und Stadtkultur. Schwarz-Grün arbeitet eifrig daran.

London, die Nummer 1 im weltweiten Zapfgeschäft der Financial Hubs, befürchtet seine langjährige Pole Position zu verlieren. Beim Hub-Tabellenplatz spielen nämlich die Boni eine zentrale Rolle, und die sind in London von ca. 15 Milliarden Euro im Jahr vor der Krise auf zuletzt knapp 10 Milliarden gefallen. Pro Jahr verstehen sich diese Zahlen und nur an eine gewisse, sorgsam ausgewählte Bankerschicht – natürlich neben den eigentlichen Renditen der Eigentümer von Finanztiteln, auch das versteht sich. Soweit funktioniert es in der Financewelt genauso zu im Rest der Gesellschaft.

Dieses Gefühl eigener, schwacher Position stellte sich vermutlich auch bei den vorbeihuschenden Gestalten aus der zweiten, dritten und vierten Reihe der Banktürme ein, von denen sich viele am Freitag an den Gittern eines komplett gesperrten Opernplatzes entlang drückten. Sie vermieden möglichst den Blick auf die beleuchtete Fassade der Alten Oper, während vor ihr die Limousinen vorfuhren. Die Karossen wurden geschützt und eingewiesem vom billigen Wachdienst vor Ort, der herbeibeorderten hessischen Polizei. Gegenüber den eminenten Fahrzeuginsassen und Gästen zu Fuß erschienen die Polizeieinheiten wie eine Geisterarmee, schlicht keines Blickes würdig. Wie denn auch: Für die Peanuts, die lächerlichen Monatsgehälter der staatlichen Chargen würden die Chefs der Finance kein einzelnes Stündchen ihrer wertvollen Zeit hergeben.

Die Finanz der Finance Gala in der Alten Oper selbst entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gut 8.500 Euro pro Tisch am Abend mag eine Menge klingen, aber das lässt sich schön runterrechnen. Schließlich sollen alle ihren Beitrag für den Frankfurt Finance Hub leisten. Deswegen können wir die 19 % enthaltene Mehrwertsteuer schon mal rausrechnen, die lassen sich als eingereichter Betrag abrechnen, genau so wie die Gala Gäste den verbliebenen Netto-Eintritt als Werbekosten steuerlich absetzen können. Deshalb fällt auch für die Stadt kaum Gewerbesteuer an und die großzügige Kultur-Spende des Events bezahlen letztlich die ausgesperrten Bewohner durch genannte Steuerreduktion der Teilnehmer, für Kapitalertrag über Gewerbesteuer bis zur Einkommenssteuer.

Die Gala wie die ganze Finance Week arbeitet als Business Networking unter Gleichgesinnten, ein Networking in dem unter anderem die Stadtregierung Frankfurts eingebunden ist. Selten fällt eine Stadtbesetzung so leicht wie hier, wo der Polizeikommandant, Frankfurts Stadtrat Markus Frank selbst Akteur der Finance Week ist. Deshalb kann Finance sich gewissermaßen selbst schützen, hat polizeiliche Befehlsgewalt im Stadtkern, inzwischen fast eine schwarz-grüne Frankfurter Tradition.

Die Finance Operngala bietet illustres Business Networking, an dem die einen Rendite und Status anhäufen, während die meisten anderen, die Stadtbewohner als zahlende Zaungäste das Geschehen bestaunen. Oder wie ein Polizist am Zaun einen nachfragenden Radfahrer abkanzelte: „Würden sie wohl gerne wissen was das ist hier, gell?“ Das bewaffnete Korps vor der Tür hält den Platz frei für das mächtige Korps drinnen, in den Sälen der Einflußreichen.

Die „Peanuts“ der Einflußreichen, der Festungskommandeure: Dieser Begriff bringt uns zum Urheber des Bonmots, dem ehemaligen Vorstandschef der Deutschen Bank AG. Hilmar Kopper war ein Vorgänger von Josef Ackermann und echter Frontman des Finance Hubs Frankfurt, ein ganz doller Networker. Multimillionenverluste seines Instituts wegen eines Spießgesellens aus dem Vordertaunus nannte er in den 90er Jahren eben „Peanuts“. Lange vom Posten weg, agiert er aber immer noch im Finance Korps, etwa als Aufsichtsrat, gar Aufsichtsratsvorsitzender. Die besondere deutsche Institution des Aufsichtsrats in Kapitalunternehmen dient nicht nur dem Business Networking, sondern dem Korpsbestand im engeren Sinne, dem ökonomischen oder Kapital-Korps. In Aufsichtsräten sind auch heterogene Akteure ins Geschäft integrierbar, von Politikern bis Gewerkschaftschefs dreht es sich um Geschäftsoptimierung. Wichtig für die Gremien: Im Kern des Korps, den echten Kapitalprofis hält mann sich Stange, gern mit angemessenen Verträgen und Abfindungen, nix mit klagloser Flexibilität wie für den Rest der Welt. Auch Ackermanns berühmtes Victory hat in Multimillionen an nahestehende Manager seinen Grund.

Hilmar Kopper kam diese Woche wieder in die Presse, weil er als Aufsichtsratsvorsitzender der ruinierten, öffentlich durchgefütterten HSH Nordbank einem verantwortlichen Manager eine Abfindung von fast 5 Millionen Euro zusprach. Die Abfindung sicherte er natürlich vertraglich unangreifbar ab, gegen alle Einwände Beteiligter und trotz drohender strafrechtlicher Verfolgung des Managers wegen Betrug. Da funktioniert unsere Gesetzgebung richtig Klasse und Kopper ist ein Mann der Finanz, der dieses Verfahren bereits oft genug erprobte.

Genau solchen Korpsgeist feuern Events wie die Finance Gala diesen Freitag in der Frankfurter Alten Oper an, und zwar zumindest solange sich die Zahlenden, die von ihren eigenen Plätzen Ausgeschlossenen fast ängstlich an den Sperrgittern vorbeischieben und dabei von Gedanken über „falschen Sozialneid“ plagen lassen.


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