Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Häuptlinge – die ewige grüne Avantgarde

Der Wandel der GRÜNEN von einer linksliberalen Öko-Partei zu einer stramm neu-konservativen Institution beruhte in den letzten Jahrzehnten auf 2 Säulen. Einerseits die südwestdeutschen Handwerks-Grünen, die es auf einer Welle kleinstädtischer Zustimmung bis in die baden-württembergische Staatskanzlei spülte, und andererseits die Frankfurter Talkshow-Variante, mit der ein Trupp “Spontis” ihre ehemaligen Gegner an staatlichen Schaltstellen noch toppen möchte. Aus Anlass eines Plädoyers für bundesweites Schwarz-Grün vom Frankfurter Grünen-Häuptling im Spiegel folgt eine Erinnerung an den Weg zum Erfolg letzterer.

Ohne Zweifel: die ehemaligen Frankfurter Häuptlinge der “Spontis” haben reüssiert. Das müssen sie ab und an unter Beweis stellen, allen voran der Chef der europäischen GRÜNEN-Fraktion Daniel Cohn-Bendit, dessen Markenzeichen seit jeher der grosse Wurf ist, als “Realo” schon bei der Gründung der Partei. Und der Stefan Raab der Grünen bleibt sich treu, denn als wahrer Olympier der Revolte, oder gerade deren Medienvariante, folgert er, dabei sein ist alles – und das ist zumindest ehrlich, reflektiert es doch die vorherrschende Stimmung. Gemäß dieser gibt es nur den Platz des Prinzen neben Angela Merkel – momentan, Stuttgart liefert hier allerlei Spekulationsgründe. Es zeichnet einen Realo eben aus, dies ohne Vorbehalte und natürlich auch ohne Vorurteile zu verkünden.

Seit dem Ende der Revolte ging es darum, mit der Nase im Wind zu bleiben, einen schönen Platz für sich zu finden und deshalb mit feinem Gespür „mehrheitsfähige“ Konstellationen aufzuspüren. Denn: einmal Avantgarde, fällt es schwer, wieder ins Glied zu rücken. Im Aufbegehren vor 40 Jahren wurde eifrigst das Avantgarde-Problem diskutiert, damit so etwas wie eine Verortung der revoltierenden Studentenschaft stattfinden könnte und natürlich das revolutionäre und damit automatisch nach vorn ausgerichtete Subjekt der weiteren Geschichte eindeutig ausgemacht. Wenn dies auch nicht so recht klappen wollte, so war doch wenigstens klar, wer die Führung übernimmt, hinter der sich die progressiven Heerscharen zu versammeln hatten, auch wenn dazu einige über die Klinge zu springen hatten und der angehäufte geschichtliche Ballast verklappt werden musste.
So schuf sich die Riege der Häuptlinge und ihrer Vertrauten halt die Art Bewegung, die zu ihrer Rolle passte und siehe da, Erfolg. Nicht, dass die Salons der bourgeoisen sich radikal gerierenden Schickeria ihnen nicht vertraut waren, doch jetzt öffneten sich auf dem grünen Pfad  auch die Türen, an denen man vorher so verbissen gerüttelt hatte.
Und sie wollten doch den schlüssigen Beweis erbringen, dass sie – die Ex-Häuptlinge, ihre Türsteher und nunmehr post-moderne Gallionsfiguren – notwendiger Bestandteil der sich nun abzeichnenden neuen Ära sein müssen. Man wechselte von Ammerschläger (ein Frankfurter Pendant zu Peek & Cloppenburg) zu Armani, hörte auf Bücher zu klauen und schrieb selbst praktische Ratgeber, dazu fuhr man keine Gebrauchtwagen mehr, sondern bekam die neuesten Flaggschiffe der Industrie zur Verfügung gestellt. Nach und nach wurden die verschiedenen Abteilungen des Spektakels, das man Postmoderne zu nennen beliebt, besetzt, die Clubs, das gehobene Variète, die meinungsführenden Medien (der Rechten), nicht zu vergessen: die frei gewordenen Stellen der Geschichtsrevisionisten. In Hamburg sammelte sich der journalistische Auswurf der Frankfurter Spontis, eifrig im Kampf um wohldotierte Plätze, die deutsche Hurra-Medien dort vor Ort passenden gerne zuweisen.
Und überall beanspruchte man die Vorreiter-Rolle, zeigte, was ein unerschrockener Avantgardist so alles drauf hat. Auch wurde keine Gelegenheit ausgelassen, zu betonen und aller Welt zu zeigen, dass man als die neue Führungs-Elite die systemische Aufrichtigkeit schlechthin verkörpere und allen Kinderkrankheiten (man vergleiche den Bezug zu Lenin) entwachsen sei. Der allgemeine Rechtsruck im Gefüge der Republik bot dazu  die letzten beiden Jahrzehnte gute Gelegenheiten: Hauptsache es bewegt sich, beim Stühlerücken fallen immer Plätze ab. Alte Frankfurter Spontiweisheit.
Die Konfrontationen mit Bruchstücken der eigenen Vergangenheit fielen denn auch – in bester Hegelscher Manier – als lächerliche Farce aus, in der die Verwirrung jenes militanten Häufchens tränenreich beklagt wurde (dies ist wörtlich zu nehmen, es kann in Frankfurter Gerichtsakten nachgelesen werden). Nein, das war denn doch zu weit gegangen, da habe man nicht folgen können und überhaupt sei Gewalt gegen Personen, gar Vertreter der Staatsmacht, niemals auf ihrer Agenda gewesen. Und wie sind sie durch den Hintertaunus geschlichen und haben Revolution gespielt. Na, heute sind sie lieber im Vordertaunus, und zwar ganz ohne die alte Revolution.
Jetzt, da die so zugerichtete Bewegung anscheinend blind folgt, um eigene, innerparteiliche Karrieren nicht zu gefährden und auch das Leitmotivische dieser Hauptdarsteller verinnerlicht hat, kann auch endlich Klartext mit den anderen (neoliberalen) Gruppen geredet werden.

Nun sollte man nicht leichtfertig sein und sich hinstellen und behaupten, diese (selbsternannten) Häuptlinge des “Frankfurter Spontaneismus” seien – wie dies mal eben im richtigen Leben so geht – im Mainstream angekommen. Weit gefehlt, sie sind schlicht der neue, gefällige Mainstream, auch wenn das manche in den Nordendcafes noch nicht wahrhaben wollen. Sie leben genau gemäß der von ihnen vehement vorgetragenen Kulturkritik und finden ihren Platz im neoliberalen Projekt, weil sie ihm punktgenau entsprechen und jene Nischen besetzt halten, die die vorgenannte Kritik mit dem neoliberalen Projekt insgesamt versöhnen. Für sie ist in Erfüllung gegangen, was den meisten anderen umso gründlicher verleidet wurde, weswegen sie sich auch als neue Leitfiguren sehen dürfen und dies ohne jeden Zynismus darstellen. Hier steh ich nun und kann nicht anders. Insofern sind sie integer, sie können nichts anderes repräsentieren und es ficht sie nicht an.

So ist es auch schlüssig, dass der (un)heimliche Frankfurter Oberhäuptling nicht einfach verkündet, man sei zu einer Koalition bereit, denn wer sonst hätte begriffen, was das Gebot der Stunde ist, wer sonst orientierte sich an den globalen Problemen, anstatt wie die CSU in diesen voralpinen Populismus zu verfallen.
Wir kommen nicht umhin sie (unsere viel geliebten und weisen Häuptlinge) zu bestaunen, nicht dass sie sich mit der Macht bloß arrangiert hätten, sie sind zu einem Bestandteil dessen geworden, das die Macht neu arrangiert. Mit ihnen gibt es 1-Liter Autos, sie haben alternative Energien der Verwertung zugeführt, in einem Ausmaß, das auch die CDU anerkennt, sie haben den Freiheitsbegriff in die Wirtschaft getragen, mit dem diese dann den 16 Stunden-Tag mühelos akzeptierbar machte. Und schliesslich waren sie die Vorreiter des breit gestreuten Wohn-Eigentums, das uns all diese hippen Viertel beschert hat – und die Bepflanzung der Mittelstreifen der Hauptverkehrsstrassen. Sie führen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben, weil sie der Rest einfach wenig interessiert.
Es funktioniert doch alles – dass die Kosten dafür externalisiert werden und halt wie noch immer von jenen auch bezahlt werden müssen, die letztlich ja die Nutzniesser der ganzen Angelegenheit sind, angeblich, ist wie bei jedem Umbau nicht zu umgehen. Komme mir keiner mit der alten Verschwörungsgeschichte, die alten ergrauten Häuptlinge seien nach rechts gedriftet (Horst Mahler ist da eine Ausnahme), sie sind an exponierter Stelle genau dort, wo sie immer hin waren, nur mussten sie eine Weile warten, bis der Rest ihnen folgte.
Alle Bereiche sind jetzt abgedeckt und sicher werden sie für ihre Verdienste auch noch die ostelbischpastoralen Weihen verliehen bekommen, der Fortschritt ist nunmal nicht aufzuhalten. Dafür stehen sie auch ein und wirken in dieser Richtung ohn’ Unterlass. Das nennt man eine geradlinige Biographie in wilden aber fischreichen Gewässern!

Da hilft kein Lamentieren mehr, die deutschen Gartenzwerg-Spiesser seid jetzt ihr, gerade in Frankfurt ganz echt und das mit allen unangenehmen Nebenwirkungen.


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