Frankfurter Gemeine Zeitung

Gut gemeint statt gut gemacht: FEMEN Deutschland protestiert vor Kölner Bordell

Nackt protestieren ist nicht wirklich innovativ. Das macht man schon mindestens seit den Sechzigern. Wirksam ist es aber trotzdem allemal und ein paar Leute, die für ein politisches Anliegen blankziehen, schaffen eine gemessen an der Größe einer Protestveranstaltung überproportionale Aufmerksamkeit. Sex sells nunmal. Das wissen PeTA, Charlotte Roche und die Blödzeitung nur zu gut und auch FEMEN Deutschland macht sich diese Strategie zunutze.
Letztlich ist an so einer Protestform selbst nichts verkehrt, es kommt halt eben auf das Anliegen an.
Manchmal kann aber auch ein positiv erscheinendes Anliegen bei detaillierterer Betrachtung in einem anderen Licht erscheinen.

Als FEMEN Deutschland vor dem Bordell „Pascha“ in Köln demonstrierten, verfolgten sie dem Anschein nach ein nobles Ansinnen, nämlich gegen die Zwangsprostitution zu protestieren. Darüber, dass Zwangsprostitution abscheulich ist, dürften sich wohl fast alle einig sein.
Doch mit ihrer Demonstration richtete sich FEMEN Deutschland nicht nur gegen die Zwangsprostitution, sondern auch explizit gegen die liberalen deutschen Gesetze in Bezug auf Sexarbeit.
„Schluss mit der Romantisierung von Prostitution! Es muss sich was ändern im Prostitutionsgesetz!“ wird auf der Facebookpräsenz gefordert.

Mediale Unterstützung fanden die FEMEN bei den Springer-Medien. Sowohl Bild, als auch Welt berichteten über die Aktion und zeigten dabei natürlich gerne die Bilder der entblößten Brüste. Eigentlich sollten überzeugte Feministinnen ins Grübeln kommen, wenn die Springer-Presse tatsächlich einmal positiv über eines ihrer Anliegen berichtet.
FEMEN allerdings scheinen trotzdem an ihrer Position festzuhalten und posten auf Facebook weiter fleißig Beiträge, in denen jede Form der Sexarbeit pauschal mit Zwangsprostitution gleichgesetzt wird.

Hierbei offenbart sich allerdings eine Einstellung paternalistischer Arroganz:
Die FEMEN, welche wohl überwiegend nicht selbst im Bereich Sexarbeit tätig/ von Prostitution betroffen sind, scheinen genau zu wissen, was die betroffenen Frauen brauchen, nämlich die staatliche Verbots-Keule. Dies natürlich, ohne mit den Betroffenen zu reden.

Dass die Betroffenen die Meinung von FEMEN nicht unbedingt teilen, zeigt sich schnell. Auf einen Beitrag auf Facebook meldete sich eine Userin mit folgendem Text:

„FEMEN Germany: Ich, völlig frei Sexarbeit gewählt habende und zu keinerlei “Industrie” gehörende, habe aber durchaus ein Problem mit euch, nämlich eure Anmaßung, für Leute zu sprechen, die weder nach euch gerufen haben noch euch brauchen. Ich gehöre zu denjenigen, die als Sexarbeiter/-innen für die Rechte _aller_ Sexarbeiter/-innen kämpfen, egal ob sie frei gewählt haben oder nicht. Es heißt nicht umsonst “only rights can stop the wrongs”, daran wird eure de facto Förderung der Prohibition von Sexarbeit, und daher der Ausbeutung von Sexarbeitern/-innen nichts ändern. Eure Missionarsallüren sind uns nicht willkommen, eure Sprechen in unserem Namen erst recht nicht. Laßt uns Sexarbeiter/-innen bitte _alleine_ unseren Kampf kämpfen, eure “Hilfe” ist kontraproduktiv. Und das dürft ihr euch wohin ihr wollt schreiben.“

Eine andere Userin schrieb:

„@FEMEN Germany: indem ihr SexarbeiterInnen Freiheitsrechte und Selbstbestimmung abspricht, zementiert ihr den Viktimierungsdiskurs, der Sexarbeiter offenbar ausschliesslich als “Opfer” wahrnehmen kann und nicht als handelnde Akteure; eure Gruppe und Beziehungsgeflecht zusammen mit anderen sog. gut meinenden Feministinnen, Prostitutionsgegnern aus allen Lagern, dem Papst und einer weltweit absahnenden Helfer-Industrie ist im Kern totalitär und faschistoid, weil ihr absolutistisch denkt und handelt und SexarbeiterInnen jedwede Menschen- und Freiheitsrechte absprecht.“

Tatsächlich gibt es Organisationen (z.B. Madonna e.V., Nitribitt e.V., Hydra e.V., Dona Carmen e.V), in denen Sexarbeiterinnen ihre eigenen Interessen vertreten und diese befürworten durchgängig die Möglichkeit, legal Sexarbeit nachzugehen.
Sie sehen vielmehr in der gesellschaftlichen Gleichsetzung von Sexarbeit mit „schmutziger Prostitution“ einen Hauptgrund dafür, dass die Situation vieler in diesem Gewerbe befindlicher Frauen weiterhin derart prekär ist.
Auf einer dreitätigen Konferenz vom 13. bis 15. November des Bündnisses der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (bufaS), blieb die wichtigste Forderung, daß Sexarbeit weltweit entkriminalisiert wird und die Frauen und auch Männer der Branche endlich die Anerkennung bekommen, die sie für ihre gesellschaftlich höchst wichtige Arbeit verdienen.

Offenkundig haben die Betroffenen Recht und nicht FEMEN:
Selbst in den Ländern mit den restriktivsten Gesetzen floriert die Prostitution als eines der ältesten Gewerbe der Welt. Restriktive Gesetze sind wohl kaum geeignet, die mit Prostitution einhergehenden Missstände wirksam zu beheben.
Der Lohn für eine illegale Dienstleistung ist nicht einklagbar, weshalb Sexarbeiterinnen im Falle der Illegalität ihres Tuns geradezu auf Zuhälter angewiesen sind, die die Zahlungsmoral der Freier mit „schlagkräftigen Argumenten“ sicherstellen.
Prostitutions-Prohibition ist wohl das beste denkbare Geschenk an Zuhälterbanden, genauso wie die Drogen-Prohibition die Geschäftsgrundlage der Drogen-Mafia schafft.

Vielleicht sollte FEMEN Deutschland einfach einmal mit den Betroffenen in einen vernünftigen Dialog treten, statt kritiklos die Weltbilder von konservativen Gruppen und Springer-Presse zu übernehmen.

Anderenfalls bleibt ihr Eintreten für die Zwangsprostituierten genau das, was sie den liberalen deutschen Gesetzen vorwerfen:
Gut gemeint, statt gut gemacht.


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