Frankfurter Gemeine Zeitung

Psyche und Obdachlose

Unlängst habe ich bei einer französischen Obdachlosenorganisation gelesen, dass etwa Eindrittel der Wohnungslosen in Paris psychisch erkrankt seien. Von Depressionen, Psychosen, Paranoia bis hin zur Schizophrenie reicht die Palette. Ich kann mir vorstellen, dass bei Leuten, die auf der Strasse leben, das Risiko einer solchen Krankheit ungewöhnlich hoch sein muss.

Ich habe selbst schon oft beobachtet, dass die Zahl derjenigen, die in der Öffentlichkeit mit sich selbst Dialoge führen, stark zugenommen hat und vielfach stammen diese Menschen aus ärmeren Schichten. Das aber ist noch keine psychische Störung, eher ein Schutzmechanismus wie die Coolness, die ich für bedenklicher halte.

Dem aufmerksamen Beobachter ist es sicher schon aufgefallen, und die Betroffenen beklagen es auch selbst, das sie vom Rest der Menschen geradezu übersehen werden. Man geht an ihnen vorbei, als wären sie Luft, nicht existent. Wenn jemand ständig ignoriert und übersehen wird, ist es dann verwunderlich, wenn einige davon anfangen, eine Ersatzwelt zu imaginieren?

Vielleicht werden wir einst auch solche Erfahrungen machen dürfen, wenn uns zum Beispiel das Alter zum Pflegefall werden lässt und wir das Pech haben sollten, in eines jener Abstellheime für Pflegefälle zu geraten. Alles muss den Marktgesetzen, der Effizienz genügen, aber effizient für die Gewinne der Unternehmen. Vielleicht wäre Demenz in so einem Fall ein Segen.

Ich persönlich kann mir gar nicht vorstellen, wie man so existieren kann, unter Brücken oder Hausfluren schlafen kann, wenn nachts die Ratten um einen herumtummeln, um an Lebensmittel zu kommen, wenn es regnet, wenn es schneit, wenn es friert, wenn man krank oder traurig ist. Wie sollte man so etwas ertragen können, ohne Schaden zu nehmen. Vielleicht trinken, das dämpft die Wahrnehmung für einen Moment, aber auf Dauer hat man noch ein paar Probleme mehr. Hinzu kommt noch, dass der Alkoholkonsum gesellschaftlich als Ursache missgedeutet wird, denn zum Urteilen sind wir schnell bereit. Die wenigsten sind durch Alkoholismus obdachlos geworden.

Berufung
“Nebenbei bemerkt, Erfolg ist etwas ziemlich hässliches. Seine scheinbare Ähnlichkeit mit dem Verdienst täuscht die Menschen. Für die Menge hat der Erfolg fast das gleiche Gesicht wie die Überlegenheit.” (Victor Hugo)

Mir ist ein Fall zu Ohren gekommen von einem Mann, etwa 40 Jahre, ein Obdachloser, der überzeugt ist, er sei Sozialarbeiter und dass er jederzeit wieder in seinem Beruf weiter arbeiten könne. In Wahrheit, so wird berichtet, habe er niemals studiert und Sozialarbeiter wäre er sicher nicht. In seiner Umgebung allerdings ist er gut gelitten, denn er weiss meist Rat und wohin man sich wenden muß, damit einem geholfen wird. Kommt jemand seiner obdachlosen Kameraden mit etwas nicht zurecht, ganz egal, um was es geht, er berät, hilft und unterstützt. Niemand weiss, wie er selbst in diese Situation geraten ist, doch seine Leidensgenossen fragen nicht, sie akzeptieren ihn, sie haben Vertrauen in ihn. In diesen Kreisen fragt man auch nicht nach Diplomen, dass was jemand kann, das ist er. Wenn nun sein Beruf nur eingebildet ist, er sich aber berufen fühlt und gute Arbeit leistet, sollte man diese Berufung, die ja eine echte ist, nicht nutzen? Ich denke ja, auf jeden Fall. Aber ich weiss, wir würden selbst den größten Nichtsnutz mit Diplom diesem engagierten Obdachlosen vorziehen.

Aber merken wir uns, das ganze Elend dieser Welt existiert nur deshalb, weil man solchen Menschen keine Basis einräumt, dass sie ihr Leben selbst gestalten können. Ich meine, wenn wir uns dafür nicht verantwortlich fühlen, Sorge zu tragen, dass jeder Mensch ein menschenwürdiges Leben führen kann, so sollte man ihnen die Freiheit zugestehen und ihnen Ihr Erbe an der Welt ausbezahlen, denn die Welt gehört ihnen soviel wie jedem anderen. Ich spreche nicht von Geld, sondern z.B. vom Recht, im Wald Bäume zu fällen und sich daraus selbst eine Hütte zu zimmern. Unsere Vorväter haben sich darauf geeinigt in Gemeinschaft zu leben, um dadurch der Willkür des Einzelnen zu entgehen. Doch einzelne haben sich mehr herausgenommen, und mit der Zeit ist auch die Ungleichheit gewachsen. Im Prinzip geht es nur um das Eine, um die Möglichkeit würdevoll zu leben. Jede Volkswirtschaft hat dafür Sorge zu tragen, jedem Menschen eine Basis zu ermöglichen. Darum ist auch jede Staatengemeinschaft, die sich herausredet, barbarisch und keine menschliche Gemeinschaft, sie muß darum beseitigt werden.

In einem Interview hat man einen Obdachlosen gefragt, was er sich am meisten wünsche. Worauf dieser ohne zu zögern sagte, eine Arbeit, meine Chance. Auf die Erwiderung, ob er nicht vor allem eine Wohnung wünsche, sagte er, das kommt dann schon alles. Sicher ist das nicht repräsentativ, aber ein Fehler bei allen sozialen Belangen ist, das man mit Statistik und anderen Verallgemeinerungen ein tiefes Unrecht begeht. Es geht um Menschen, und wer sich ernsthaft damit auseinandersetzt, der muß erkennen, dass diese Menschen Individuen sind und individuelle Hilfe benötigen. Hilfen sind keine Almosen, denn Almosen sind nur demütigend und dürfen nur dazu dienen, die akute Not zu lindern, bis richtige Hilfe bereit ist.


2 Kommentare zu “Psyche und Obdachlose”

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