Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtleben: beschleunigte Zombifizierung

Neulich erzählte mir ein Bekannter mit guten Verbindungen in die Immobilienbranche über Gepflogenheiten von Kunden im neuen Europaviertel. In der Stadt am Main wird schon länger gemunkelt, dass die Neubauten im Fadenkreuz des Ostens sind und in den Sekretariaten mancher Bauträger öfters chinesisch oder russisch als deutsch und englisch gesprochen wird. Für eine “Alpha-City” wie Frankfurt nichts wirklich neues.

Zuweilen wundern sich aber selbst Makler hier vor Ort, wenn der Käufer aus Schanghai weder je in Frankfurt war, noch beabsichtigt, zu Besichtigung und Kauf eines gewünschten Objekts in der neuen Zone für “High Potentials” auf RheinMain Airport zu landen. Bei lächerlichen Beträgen unter einer Million Euro könnten vertragliche Formalitäten schließlich ohne  Reibungsverluste durch spezialisierte Kanzleien getätigt werden. Wie wahr.

Das Finanzbusiness vor Ort wird´s freuen: flexible und liquide Customer, echte High Potentials, die brauchen sie, gerade auch in der Real Estate Finance.

Ob die Städte, ihre zuweilen zögerlichen, gar illiquiden Alteinwohner sie wirklich brauchen, diese Frage huschte jüngst sogar bei der FAZ zwischen ihre Blätter. Unter dem Titel “Stadt der Untoten – Was passiert mit unseren Städten?” fragte sie tatsächlich: “Staatliche Liegenschaften werden meistbietend verhökert, gleichzeitig entsteht eine Luxusanlage nach der anderen. Ist das die Rückkehr der bürgerlichen Wohnkultur – oder die Zombifikation der Stadt?
Natürlich schreibt hier die FAZ, und die Zeitung zwischen Finanz vorne und Feuilleton hinten macht sich hinten ernste Sorgen um das echte Bürgertum. Wenn selbst in Berlin, und über die neusten Wohnhypes in der Hauptstadt handelt der Beitrag, der Quadratmeterpreis für das Luxusambiente schon bei durchschnittlich 8.700 Euro für den Quadratmeter angelangt ist, dann wird es sogar im feinen Haus nahe des Europaviertels manchen mulmig. Denn wir können uns leicht ausrechnen, was auf Frankfurt noch zukommt. In diesem Fall würde für die großzügigere 3-Zimmerwohnung die Million nicht mehr ganz reichen, und mancher Käufer aus Shanghai käme vermutlich persönlich vorbei.

Der Investor könnte dann vielleicht wohlwollend das besichtigen, gar beleben, was die FAZ als bürgerliche Dystopie ausmalt: “Sie zombifizieren die Stadt: Sie lassen das, was sie verdrängten – die Ateliers, die kleinen Kunsträume, das Improvisierte, Provisorische – als wertsteigerndes, belebendes Bild wiederauferstehen. Die neue Stadt baut als Fiktion nach, was sie soeben verdrängte: Der Künstler soll dem Quartier das Aroma urbaner Widerständigkeit geben, Kultur kommt als Untoter im Gewand der Culture zurück, um den Bewohner über die Sterilität hinwegzutäuschen, die mit ihm Einzug hielt.

Vermutlich werden manche in der Frankfurter Künstler-Szene aufpassen müssen, dass sie nicht in diesem dämonischen Spiel zur Figur werden (mit “Culture” als “Sahnecreme um die drögen Tortenböden“). Die Wohnungen werden sie sich nämlich trotzdem nicht leisten können.

Der FAZ-Beitrag zum neuen großstädtischen Ambiente ist hier zu lesen.


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