Frankfurter Gemeine Zeitung

Niemals aufgeben…

“Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende. Ein Körnchen kommt zum anderen, eins nach dem anderen. Und eines Tages, plötzlich, ist es ein Haufen, ein kleiner Haufen, der unmögliche Haufen.” (Samuel Beckett)

Niemals aufgeben...Es sind die kleinen Dinge, die das Leben schrittweise unerträglich machen. Die Veränderungen gehen aber so peu à peu, dass man kaum merkt, wohin es sich bewegt. Klagt man darüber, so erntet man nur Unverständnis, das sind doch alles Kleinigkeiten, Banalitäten. Doch, ehe man sich versieht, ist es zu spät. Auch die Politik weiss das für ihre Zwecke zu nutzen, man schraubt hier ein wenig und streicht dort ein wenig und am Ende ist das ganze Sozialsystem nicht wiederzuerkennen. Man erhöht die Kochtemperatur so allmählich, das der Frosch nicht merkt, wie das Wasser in dem er sitzt, zu kochen beginnt.

Man hat uns versprochen, immer wieder versprochen, dass Fortschritt und die Demokratie die einzigen Quellen für Wohlstand und Glück auf Erden sind. Doch der Fortschritt ist das nie eingelöste Versprechen. Nur deshalb können die einen weiter diesen Traum träumen, weil für die anderen immer weniger übrigbleibt. Die Armut, das Elend ist das einzigste was in Wahrheit noch wächst. Heute haben wir schon wieder ähnliche Verhältnisse wie in den späten 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ist es noch niemand aufgefallen wie stark die Anzahl an Tafeln, Kleiderkammern und Möbelbörsen zugenommen hat? Die Parks füllen sich mit Menschen, die an den Rand gedrängt wurden. Wenn heute die Preise für Strom wieder steigen, so sitzen morgen schon wieder ein paar mehr ohne Strom da, weil sie nicht mehr wissen, wie sie mit dem bisschen Geld klar kommen sollen.

Nach und nach werden durch die Preisentwicklung am Wohnungsmarkt die Armen in die Randgebiete der Städte gedrängt, damit einher geht auch eine Verschleierung der wahren Verhältnisse. Die Armut ist aber gezwungen in Stadtnähe zu bleiben, weil nur dort noch eine Chance besteht, Arbeit und vielleicht Unabhängigkeit, zu erhoffen.

Die Preise steigen immer schneller, obwohl die offizielle Statisik das Gegenteil behauptet. Wem glauben wir? Wir sind in einem Dilemma gefangen, erhöht man die Zinsen, stabilisiert man die Preise, aber das schwächt die Wirtschaft und die Staatschulden geraten ganz ausser Kontrolle. Erhöht man die Zinsen nicht, enteignet man die Bürger. Man hat sich für die Enteignung entschieden, man druckt also Geld um die Wirtschaft zu stimulieren.

Die Armen werden als Masse für die Produktion nicht mehr benötigt, was heute hier noch produziert wird, wird meist auf technisch hohem Niveau und mit wenigen aber hoch qualifizierten Arbeitskräften produziert. Die Industrie, die noch einen hohen Arbeitskräftebedarf hat, ist abgewandert. Die Zurückgebliebenen müssen ihr Heil in einem nomadischen Arbeitsverhältnis suchen, schlecht bezahlt und unsicher. Prospektverteilen, Putzen, Kassieren und und und. Doch findige Schlaumeier haben in diesen Bereichen Gewinne gewittert und neue Arbeitsfelder wurden geschaffen, um aus der Armut noch Gewinn zu schlagen.

Um das Ausmass des Elends darzustellen, müsste man diese Arbeitsverhältnisse einzeln nebeneinander darstellen, denn nur so wäre offensichtlich, dass es sich dabei nicht etwa um Ausnahmen handelt. Die Armen wissen das, was viele sich nicht vorstellen können. Eine ganze Industrie hat sich gebildet, um aus der Armut Kapital zu schlagen. Viele treten dabei als gemeinnützig hervor, doch bei ihren Bemühungen kommt meist nichts heraus ausser dass die Existenz dieser gemeinnützigen Organisationen gesichert wird. Man darf auch nicht übersehen, das die Organisatoren dieser Gemeinnützigkeit gut bezahlt sind, während die unteren Reihen Ehrenamtliche und 1 Euro Jobber sind.

Ein Beispiel: das Unternehmen von Peter Hartz, die sogenannten Minipreneure, verdingt sich in dem Bereich, den man zur “Bildung” zählt. Dort werden mit neurowissenschaftlichen Methoden und Motivationstraining, Ideen geschaffen für eine Miniselbständigkeit. Die Idee ist so schlecht nicht, dazu braucht es aber keine Minipreneure à la Peter Hartz, jeder der Arbeitslosen, der sich nicht aufgegeben hat, macht das ohne Anleitung selbst. Aber schauen wir einmal nach, was dort dabei herauskommt. “Game Berater”, “Angler Coach”, “Virtueller Reiseleiter” und so weiter. Und wer hat damit Geld verdient? Kann man damit Geld verdienen? Ja man kann, das Unternehmen Minipreneure selbst verdient damit Geld, die Kurse sind nicht kostenlos und werden vom zukünftigen Kleinstselbständigen bezahlt. Allein für die Nennung auf den Internetseiten zahlt der neue Selbständige erfolgsunabhängig 10 Euro pro Monat, bekommt der Miniselbständige einen Auftrag so wird eine Zahlung in Höhe von 10 % des monatlichen Netto-Umsatzes an die Minipreneure fällig.

Wenn nur die mangelnde Qualifizierung die Ursache der Arbeitslosigkeit ist, so wäre die einzige Konsequenz, die schlecht Qualifizierten auszubilden. Aber eben das wird nicht gemacht, man drängt die Arbeitslosen in Veranstaltungen, wo sie unter Aufsicht Bewerbungen schreiben oder Vogelhäuschen bauen. Auch hier verdingen sich gemeinnützige Organisationen, sie werden im Auftrag der Argen dafür bezahlt, das sie die Arbeitslosen beschäftigen.

Man kann den Erfolg dieser Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit an den Arbeitslosenstatistiken ablesen. Diese Statistiken sind Meisterwerke der Kreativität, die Arbeitslosenzahlen sinken, sie sinken, obwohl die Armut immer offensichtlicher wird. Ich selbst glaube, das diejenigen die noch als arbeitslos gezählt werden, abgenommen haben, aber eben, es werden nicht mehr alle als Arbeitslose gewertet.

Doch jenseits jeder Statistik steht der Mensch. Es gibt in unserer Gesellschaft auch Leute, die arm sind und in keiner Statistik je auftauchen. Mir sind Personen bekannt, die obwohl sie keine sichere Arbeit und kein monatliches garantiertes Einkommen haben, trotzdem auf Hartz IV verzichten, obwohl es ihnen zustehen würde. Einige haben schlechte Erfahrungen mit den Argen gemacht und die meisten besitzen einen widerspenstigen Geist, was ich einen gesunden Geist nenne. Wer von den Argen aber als Querulant betrachtet wird, dem wird solange zugesetzt, bis sein Wille bricht. So verzichten diese lieber auf die fadenscheinige Sicherheit und erkämpfen sich tagtäglich, ihr Dasein. Auch an ihnen wird verdient.

Ein Werbeunternehmen annonciert in einer regionalen Wochenzeitung: Prospektverteiler auf 400 Euro Basis gesucht. Auf Nachfragen ergibt sich, das es sich bei den Prospekten um Prospektbündel handelt und das 1 Cent pro Stück gezahlt wird. Ein solches Bündel wiegt in der Regel über 500 g, um die Weihnachtszeit sogar über 750 g. Bei uns verteilen Kinder aus dem Nachbarort 2 Km entfernt, zu fünft mit Sackkarren diese Bündel. Sie verdienen so, da die Werbung nur einmal pro Woche erscheint, etwa 12 Euro die Woche. Wollte man auf diese Weise 400 Euro verdienen, so müsste man 20 Tonnen davon verteilen. Die Werbepartner, deren Prospekte so verteilt werden, sind namhafte Unternehmen allesamt. Aber obwohl sie die Auftragsgeber sind, fühlen sie sich für die Verteilungspraxis nicht verantwortlich.

Sicher ist das ein extremes Beispiel, aber es gibt viele solcher Beispiele. Die Prospekte werden verteilt, solche Arbeiten finden immer Leute, die sie ausführen, warum? Wie verzweifelt müssen Menschen sein, um sich so ausbeuten zu lassen? In all dem Elend trifft es die Frau schlimmer als den Mann und mit dem Alter verschärft sich die Ausweglosigkeit immer weiter. Am Ende einer solche Karriere, wenn das Alter die Menschen beugt, sind es immer noch die gleichen, für die nichts übrigbleibt.

Dem entrinnen kann nur der Tod, denn diese Leute haben weder eine Lobby, noch ein gesellschaftliches Druckmittel, um sich dagegen zu wehren. Vom Rest der Gesellschaft ernten sie nicht zuletzt nur Verachtung und Spott, denn man ignoriert den gesellschaftlichen Zerfall und diffamiert diejenigen als Versager. Schlimmer noch, man spielt sie gegeneinander aus, die Kassierer, Putzhilfen, … gegen die Hartz IV- und Sozialhife-Empfänger. Man wird daran nichts ändern wollen, darum wird sich die Verelendung auch weiter ausbreiten müssen.

Fragen wir doch die Ignoranz, was man gegen die Armut tun kann. “Gewinnt in der Lotterie und ihr seid tüchtig. Wer triumphiert, wird verehrt. Kommt als Sonntagskind zur Welt, das ist alles. Habt Glück, und alles übrige fällt euch zu. Seid glücklich und ihr werdet für gross gehalten. [...] Es schadet nichts, der erste beste zu sein, wenn man es nur zu etwas bringt” (Victor Hugo)


Ein Kommentar zu “Niemals aufgeben…”

  1. soixsr

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