Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Häuptlinge 2 – gesellschaftliche Avantgarde


Foto: ambition.
Wir hatten anlässlich der unerheblichen Einlassungen eines ehemaligen Frankfurter Häuptlings einige Gedanken und Bemerkungen zu dem Feld der Avantgarde in diesen Zeiten angestellt und den politischen Teil ins Visier genommen. Aus aktuellem Anlass wenden wir uns nun dem gesellschaftlichen Aspekt dieses Feldes zu.

Aus revolutionären Lehrlingen werden die Haushofmeister des mondänen Bürgertums
Herumgekommen ist Er, dass muss neidlos anerkannt werden: von der Kommune in Heddernheim, über diverse WGs, das Kollektiv des Strandcafé, dann Würstchenverkäufer in Berlin und pünktlich zu den Fleischtöpfen in Frankfurt, genannt „Hessenknete“, gespeist aus der Regierungsbeteiligung des J.F. Mitsamt grüner Entourage.
Jetzt endlich an der Spitze und Inhaber Frankfurts exquisiter „Gut Stubb“, dem Gesellschaftshaus des Palmengartens. Seit der Hessenknete sind die Quellen nicht mehr versiegt, Frankfurts Kämmerer rücken die Kohle heraus, wenn Er löckt.
Zweifellos: es ist etwas geworden aus dem Bub, hatte die Familie doch schon jede Hoffnung auf eine glückliche Wende aufgegeben, unangefochten steht Er an der Spitze der Frankfurter Sponti-Gourmet-Front; aus der einst schmachtenden und stets von Nicht-Erfüllung bedrohten Liebe ist eine veritable Ehe geworden. Immer Glanz und Glitter des Schumann-Theaters am Hauptbahnhof im Kopf, jener Attraktion mit morbidem Charme der Zwanziger des letzten Jahrhunderts, voller Sehnsucht nach dieser ungezwungen weltstädtischen Atmosphäre. Nun ist Er im Rampenlicht, nicht unbedingt eine Rampensau, aber doch der nicht zu umgehende Spiritus Rector der Stadt, Haushofmeister der feinen Gesellschaft, die sich an seinen Plätzen sicher weiss, was Er durch eine geschickte Preispolitik zu erzielen weiss. (Laut FR ist die billigste Vorspeise auf der Speisekarte: “Bretonische Sardine an Bourride auf Bouillabaisse-Schaum” für 32 Euro).
Alles sonnt sich in dem Glanz, der von Ihm ausgeht und folgt freudig erregt Seinen Rufen (nur Feldmann nicht, Chapeau, mein Herr!). Da bleibt nur mit dem völlig geblendeten Direktor des Palmengartens auszurufen: „es muss auch einen Raum für die geben, die viel Geld für ein Essen ausgeben WOLLEN.“ Ei klar, wo können sie denn auch hin in dieser Stadt.

Und konsequent ist Er, Er hat
konsequent Hessenknete eingesackt;
konsequent antichambriert (gibt auch deftigere Ausdrücke, sind aber degoutant);
konsequent die alten Seilschaften bemüht;
konsequent mit allen, die etwas Macht versprachen getuschelt;
konsequent die Sucht Frankfurter Politiker nach Glanz in klingende Münze umgesetzt und auch
konsequent die mondäne Welt des Kaiserreichs mit seiner höfischen Gesellschaft wieder auferstehen lassen.

Das Herumlungern mit Sponsoren in angesagten Lokalitäten hat sich gelohnt, harte Lobby-Arbeit und zahllose Flirts mit der Macht streben nun einem alles überwältigenden Ziel zu, bravo!
Einen Dämpfer hat Er dennoch hinnehmen müssen. Weil diese Arbeit nicht ganz umsonst ist, hat Er sich für den kommenden Star ins Zeug gelegt und das ist bekanntermassen deutlich schief gelaufen, doch mit nicht versiegender Energie hat Er an Seinen Plänen festgehalten und die Performance zur Wahl: alle Achtung, imposant und leicht schräg. Doch ganz offen: macht nix mein Lieber, es bleiben genug Prinzessinnen und Angehörige des Frankfurter Geldadels für die Tische übrig.
Und dann die Vorstellung, dass der Frankfurter Plebs ehrfürchtig und leicht eingeschüchert auf Zehenspitze ein paar Schritte in diese heiligen Hallen wagt, um einmal dies Luft einzuatmen, sich vom Flair des ewig Mondänen umwehen zu lassen. Gänsehaut pur, ehrlich.
Weiter allerdings sollte die Gemein-Machung mit den Subalternen dann doch nicht gehen. Doch scheint es, spielt Ihm hier die Vergangenheit einen Streich, denn die Reste der Sympathie zu diesen traurigen Rest der Gesellschaft ist Ihm nicht ganz abhanden gekommen: Er schafft draussen einen Platz für volkstümliche Vergnügungen, Bier, Senf und Buletten. Dafür darf Er auf breite Zustimmung hoffen. Von Seiten der „guten“ Bürger, die sich im Sommer schon immer gerne einmal unters Volk gemischt haben (Wäldchestag), um die bewundernden Blicke und das Getuschel bei ihrem Anblick zu geniessen, von Seiten der Auslastung ein enormes Zubrot allemal.
So ganz schlüssig ist Seine Position aber auch nicht, ist es nun die Erfüllung Seiner Lehrlingsträume oder rächt er sich nun an der feinen Gesellschaft, indem er ihnen tief in die Taschen langt, um die Verteilungsfrage auf seine Art und eher konventionell einer Lösung zuzuführen. Ein bißchen nostalgische Träumerei mag mir hier verziehen sein, denn der entscheidende Teil der Umverteilung folgt doch wohl stark konservativen Bahnen, die städtische Öffentlichkeit zahlt, Er fährt die Ernte ein.
Die ganzen Analysen und Aufdeckungen der kapitalistischen Wirklichkeit finden denn in Ihm einen guten Schüler, pardon: Lehrling, setzt Er doch das Gelernte nun 1:1 um, dafür bereichert Er (sich an der?)die Stadt.
Egal, man muss Ihm zugestehen, dass Er das Spiel auf hohem Niveau spielt und Seinen Hang zur grossen Pose ohne Rücksicht auszuleben versteht und vielleicht arbeitet er ja weiter an der Lügengeschichte, er sei ja eigentlich ganz tief in seinem Inneren jener anti-bourgeoise Kerl geblieben und dem alten Slogan treu: „legal – illegal – scheißegal.“ Ein Spruch, der im Übrigen jeder Interpretation zugänglich ist.
Und von welcher Seite Er dies anpackt, das sei mit einem Frankfurter Spruch ein für alle Male geklärt:
„Egal ist ein Handkäs`, der stinkt von allen Seiten.“

und tatsächlich: es stinkt gewaltig!


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