Frankfurter Gemeine Zeitung

Ladenhüter

Der Ladenhüter, den ich meine, ist das Buch “Jakob von Gunten“, ein Tagebuchroman von Robert Walser. Zuweilen hat man mit diesem Buch Schüler genervt und ich glaube, die Lehrer gleich mit. Walser war von Anfang an bis heute ein verkannter Autor und noch immer ist nicht sein ganzes Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich glaube, heute wäre ein Buch wie “Jakob von Gunten” erfolgloser denn je, denn dieses Werk ist trotz seiner einfachen Sprache und jugendlichen Frische nicht so direkt zugänglich, es entzieht sich den Konventionen und erfordert viel vom Leser. Damals wurde es kaum verstanden und nur in Fachkreisen fand es ein wenig Aufmerksamkeit. Heutzutage webt die künstlerische Literatur die Deutungsmuster in ihre Werke gleichsam mit ein, so dass sie in die Literaturwissenschaft und Literaturkritik wie der Schlüssel zum Schloss passen. Viele Autoren haben zuerst diese Wissenschaften studiert und sind dann selbst Autor geworden. Zu Walser nun gibt es weder Schlüssel noch Schloss, seine Erzählwelt wirkt eigengesetzlich und widerspricht sogar dieser Eigengesetzlichkeit.

So blieb Walser zeitlebens erfolglos, einzig in der Künstlerszene wurden seine Werke mit Beachtung aufgenommen. Unter seinen Lesern waren so bedeutende Leute wie Franz Kafka, Max Brod, Hermann Hesse, Robert Musil, Kurt Tucholsky oder Walter Benjamin. Die Verkaufszahlen waren so gering, dass Walser davon nicht leben konnte. Zeitweise arbeitete er als Büroangestellter oder als Gehülfe. Doch immer wieder vernachlässigte er seine Arbeit und wenn ein Werk bevorstand, hat er oft sein Arbeitsverhältnis aufgelöst. Ebenso oft hat Walser seinen Wohnort gewechselt. Die Erfahrungen, die er dabei machte, verarbeitete er in seinen Romanen. Einmal während seines Berlinaufenthalts besuchte er eine Dienerschule und hat sogar etwa 2 Monate auf einem Schloss als Diener gearbeitet. Die Erlebnisse in der Dienerschule hat er in dem Roman “Jakob von Gunten” verarbeitet. Doch man darf sich nicht täuschen lassen, Fiktion, Traum und Wirklichkeit sind im Roman so eng miteinander verzahnt, dass es unmöglich ist, etwas biographisches aus dem Werk zu gewinnen.

Zum Inhalt des “Jakob von Gunten” lässt sich nicht viel sagen, denn der Roman besitzt kaum Handlung, Phantasien und Geschehnisse wechseln sich ständig ab, zudem wechselt fortwährend die Erzählperspektive. Jakob von Gunten ist der Sohn wohlhabender Eltern, wie er selbst immer wieder behauptet. Er ist dem Vater davongelaufen aus Angst, weil er “gefürchtet hätte, von seiner Vortrefflichkeit erstickt zu werden“. Darum beschliesst Jakob die Dienerschule Benjamenta zu besuchen. Sein Ziel ist es, im späteren Leben etwas ganz Unbedeutendes zu werden, eine kugelrunde Null. Im Institut nun sitzt Jakob und schreibt in seinem Tagebuch die alltäglichen Erlebnisse auf. Er beschreibt seine Kameraden, den Institutsvorsteher, die schlafenden Lehrer und das Fräulein Lisa Benjamenta, die Schwester des Institutsvorstehers. Es geht viel um Vorschriften und Benimmregeln. “Wie hat sich der Knabe zu benehmen ?” um diese Frage dreht sich der ganze Unterricht und das Motto lautet “Wenig aber Regelmäßig“. Die Person, die all die Regeln des Instituts perfekt verkörpert, ist der Mitschüler Kraus, dem ein grosser Teil des Tagebuchs gewidmet ist. Die einzigste Entwicklung des Romans ist der Tod der Lehrerin und die damit verbundene Auflösung des Instituts.

Walser hat die Welt in das Institut Benjamenta verlegt, worin das höchste Ideal, das Befolgen von Vorschriften ist. Aber anders als in der Welt Kafkas, in der die Protagonisten unfähig sind anders als in Gesetzmässigkeiten ihrer Welt zu agieren, als wäre die Welt dort nur so denkbar, ordnet man sich der Welt des Instituts Benjamenta bewusst unter. Hie und da werden Vorschriften absichtlich umgangen oder einfach nicht befolgt. Jakob freut sich geradezu, das Verbotene zu tun, weil es verboten ist. Doch er passt sich an “ich gehorche schon leidlich gut“. Immer öfter versinkt er in Phantasien und Träume, deren Intensität und Irrealität zunehmen. In seinen Träumen überschreitet er oft Vorschriften und notiert sich diese Geschehnisse neben dem Alltäglichen in sein Tagebuch.

Jakobs Kamerad Kraus, der sogar den Vorschriften vorauseilt, wird für ihn zum Vorbild. Kraus lebt nur für und in den Vorschriften, sein Ich sofern er eins hatte, ist durch die Vorschriften ersetzt. Er ist die verinnerlichte Bildungsabsicht des Instituts Benjamenta. Jakob bewundert zwar Kraus wie er meint von ganzem Herzen, aber neben den Vorschriften ergibt sich Jakob Wunschvorstellungen. “Ich möchte gern reich sein, in Droschken fahren…“, aber findet die Vorstellung im nachhinein immer abwegig.

Als er eines Tages seinem Bruder begegnet, wird er von diesem sogar darin bestärkt, der faden Welt zu entbehren. Die Welt des Bruders ist Jakob jedoch fremd geworden, dort strebt man nach Erfolg, “eigentlich gleichen sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt zu haben, furchtbar. Es haben alle die selben Gesichter.” Zudem fürchtet man in der Welt des Erfolges, den Erfolg der anderen, “der ganz Neu-Auftretende ist immer der Gesuchteste und Bevorzugste, und wehe den Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie irgendwie auszeichnet“. Jakob selbst hat keine “Emporkömmlingstugenden”, er steht ganz unten, er kann nicht mehr fallen. Er ist eine “reizende kugelrunde Null” geworden. Jakob hat aber nicht einfach zu streben aufgehört, sondern bewusst und aktiv darauf hin gearbeitet.

Mit dem Institute Benjamenta geht es allmählich zu Ende, das wird immer deutlicher, gleichzeitig werden die Träume von Jakob immer mystischer und phantastischer. Er träumt von Fräulein Benjamenta und den inneren Gemächern. Diese inneren Gemächer sind gleichsam das Symbol der Größe und der Bedeutung des Instituts. Doch einmal war Jakob in den inneren Gemächern gewesen, “ich muss sagen, es gibt gar keine inneren Gemächer“. Mit den inneren Gemächern löst sich auch die Vorstellung des Institutes allmählich auf. Das Fräulein, die Herrscherin über die inneren Gemächer, gesteht ihm eines Tages, dass sie stirbt, “ich sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe“.

Mit dem Tod der Lehrerin wird das Institut Benjamenta aufgelöst, nur Jakob und der Vorsteher bleiben zurück. Sie wollen gemeinsam in die Wüste oder Eisregionen ziehen. “Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. [...] Ich gehe mit Herrn Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis nicht auch leben” lässt.

Die Werte, die der Roman propagiert, sind auf den Kopf gestellt, oder besser gesagt, vom Kopf auf die Füße gestellt. Denn Jakob entzieht sich der rationalen Welt, seine Logik ist inkonsequent, er hat auch keine Mühe, sich selbst zu widersprechen. Im Kontrast zum Alltagsleben bringt der Roman “Jakob von Gunten” auch heute noch die Wertvorstellungen ein wenig in Unordnung, vielleicht sollte ich besser sagen, gerade heute zieht er diese Werteordnung in Zweifel. Man erkennt Parallelen, das Umkehren, das Anerkennen, das Zuschreiben von Werten, das Herabwürdigen des Einen und das Erheben des Anderen. Ich denke dabei nicht nur an das Vordergründige, dass man z.B. Langzeitarbeitslose, die man längst aufgegeben hat, in stumpfsinnige Kurse verfrachtet, das auch, aber mehr noch werden die propagierten Werte wie Wohlstand, Erfolg usw. selten bis nie hinterfragt. Walser überantwortete die Werte der Welt der Fragwürdigkeit, aber solche Zweifel werden von jeder Masse abgelehnt, so hat man ihn einfach nicht verstehen wollen. Ich glaube, heute ist das ganz genauso, darum verweist man auch so gerne auf den geistigen Zustand Walsers. Den letzten Abschnitt seines Lebens verbrachte Walser wegen seelischer Gebrechen im Sanatorium. Selbst Walter Benjamin sagt es, das ist in der Tat Wahnsinn, was er da beschrieben hat. Vielleicht ist es Wahnsinn. Walser hat in den schlimmsten Entbehrungen und Armut gelebt und seine Not hat sich immer mehr zugespitzt. Er hat zwar immer ein wenig mit der Armut kokettiert, das waren jedoch nur Allüren, die Not war echt. Wenn jemand an solch einem Leben geistig nicht Schaden nimmt, so kann man von einem Wunder sprechen. Als der “Jakob von Gunten” geschrieben wurde, befand sich Walser aber in bemerkenswerter Frische und Tatkraft, das beweist schon die Sprache des Romans. Die Sprache ist modern, natürlich und erfrischend lebendig bis heute. Sobald man sich an den Rhythmus der Sprache gewöhnt hat, liest sich der Roman fast wie von selbst. Er ist voller Ironie auch sich selbst gegenüber.

Die Erzählperspektive des Romans wechselt ständig fast unmerklich zwischen dem kollektiven Wir, dem Ich, den Vorschriften und einem unbeteiligten Beobachter hin und her. Die Vorschriften nehmen einen großen Raum des Tagesbuch ein. Diese Vorschriften gehen bis zur Physiognomie, der Form der Nase, Mund, Augen, Ohren und Hände, alles ist festgelegt und muss befolgt werden. Das “Ich” im Tagebuch gibt sich flatterhaft und ist alles andere als eine greifbare Persönlichkeit, oft ist das Handeln Jakobs vom Trotz geleitet.

Ich selbst sehe den Roman “Jakob von Gunten” in einer Reihe mit den großen Werken der Literaturgeschichte, der selbst heute noch mit den aktuellen Romanen der Weltliteratur konkurrieren kann. Walser aber ist nicht der Autor der Konkurrenz, wäre er das gewesen, so hätte er gefälligere Prosa geschrieben, besass er doch Talent genug.

Die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts konstruiert ein ganz anderes Ich als die Epochen davor. Friedrich Nietzsche war wohl einer der Ersten, die an dem freien Willen und dem Ich zu zweifeln begannen. Für Nietzsche ist das Ich eine blosse menschliche Konstruktion, also eine Illusion, wobei der Mensch vergessen hat, dass es sich nur um eine Konstruktion handelt und Sinn entsteht nur aus der schöpferischen Kraft  und Chaos des Individuums. Aus solchen Gedanken erwuchs ein grosses Unbehagen, dass die Philosophie, Psychologie, Literatur, ja die ganze Kunst bis heute nicht mehr losgelassen hat. So griff Arthur Schnitzler mit “Leutnant Gustl” nicht nur den Ehrenkodex des Militärs an, sondern zieht sogar den freien Willen des Ichs in Frage. Bei Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” entwickelt sich der Konflikt zwischen dem Anspruch einer beginnenden Modernität, der sich entwickelnden Massengesellschaft und dem Individuum. Auch hier agiert das Ich nicht mehr frei. Rainer Maria Rilke zeigte mit seinem “Malte Laurids Brigge” ein Ich, das nicht mehr vom Äusseren trennbar ist, sich gleichsam aufzulösen beginnt. Die Personen in Elias Canettis Roman “Die Blendung” sind unfähig zur Kommunikation, ja sogar unfähig das Wesen des anderen Ich zu erkennen. Die Figuren in Samuels Becketts “Warten auf Godot“, haben jede Initiative verloren, sie suchen die Bedeutung ihres Lebens in einer scheinbar fiktiven Gestalt. Sie spielen nur noch Leben, indem sie Wahrgenommenes nachahmen. “Der Fall” von Albert Camus versucht den Schmerz seines Sinnverlustes dadurch zu kompensieren, dass er sich durch die Erniedrigung seines Ichs die Menschheit erniedrigt. Und Thomas Bernhards Protagonist der “Auslöschung” seziert die Gesellschaft ohne dass er bei sich eine Ausnahme macht, darin ähnelt er zwar Stendhal, aber seine Auslöschung ist schonungslos.

In allden Beispielen spürt man einen Schmerz über den Verlust vom Ich, von freiem Willen, von Sinnstiftendem, aber keiner der obengenannten Romane ist so hoffnungsvoll wie Robert Walsers “Jakob von Gunten“.

Marina Abramovic behauptete, dass in fast jedem ein tief verborgener Schmerz sei. Die Rationalität, die Magie des Weissen Mannes (vgl. Derrida) verdeckt diesen Schmerz, aber die Wunden brechen immer wieder auf und diese Rationalität, die sich heute so gern cool und beherrscht gibt, sie ist die Krankheit, die die Wunden reisst, weil sie zwar vom Menschen geschaffen, aber nicht menschlich ist. Man betrachtet die Menschen in der gleichen Gesetzmäßigkeit wie man die Dinge betrachtet, ohne zu bemerken, dass da noch etwas ganz anderes, etwas Unfassbares, ist.

Wie erklärt sich dass, der Mensch ist in der Mehrheit unbedeutend, aber er möchte gern als bedeutend gesehen werden. In den späten 60er Jahren, als die Zwergen ihren Aufstand probten, ist man mit Nichts und nur einer dummen Schnauze zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geworden. Die linken Ideale, die groß machten, waren bald vergessen, man buhlte gegen alle Richtungen und gehörte schon bald zum Establishment. Der Erfolg der Zwergen hat viele getäuscht, darüber wie einfach es sei als groß zu gelten, denn jeder wäre gerne groß. Wir malen und sind große Künstler, wir schreiben und sind bedeutende Schriftsteller oder Journalisten, große Musiker, Denker, Köche, Liebhaber, Politiker, Gangster,… Doch im Gerangel um die besten Plätze, zeigt der Mensch wer und was er wirklich ist. Und während wir uns hier noch streiten, wird uns auch noch der letzte Rest genommen.

Und Robert Walsers “Jakob von Gunten“?


2 Kommentare zu “Ladenhüter”

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