Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Frankfurter Rundschau: Absturz zwischen bürgerlicher Öffentlichkeit und Web-Wahrnehmung

Der Niedergang der deutschen  Tagespresse, unser politischen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft. Welche Ursachen und welche Folgen haben besondere Bedeutung ? Eine kleine Serie der FGZ möchte einige Zusammenhänge und blinde Flecken im bisherigen Diskurs hierzulande, im Web wie im Print aufzeigen. Als Zeitungsblog sehen wir uns in die Probleme ein Stück weit involviert.

Zum Jahresende vermeldeten Journalisten, dass sich 2012 die Schwierigkeiten der „Qualitätspresse“ in Deutschland beschleunigten. Sie meinten damit nicht schleichende Vereinheitlichung, abstürzende „Qualität“ oder Rationalisierungen in Redaktionen, an die sich das Publikum inzwischen ebenso gewöhnt hat wie an Meldungen über eine „Bankenrettung“. Diesmal ging es ans Eingemachte, besonders hier in Frankfurt: Im November meldete die Frankfurter Rundschau Insolvenz an, kurz danach erschien zum letzten Mal die Financial Times Deutschland, also zwei Blätter, die sich so fern und doch so nah sind. Damit setzt sich ein Szenario fort, das sich von den USA ausgehend durch die westliche Welt zieht und in Frankfurt eines der ältesten Blätter der Tagespresse hierzulande erwischte.
Die ökonomischen Verwerfungen der Printmedien begleiteten eine gewisse apokalyptische Musik: gemäß ihr taucht angeblich der Niedergang des ganzen Verlagswesens am Horizont auf, vielleicht zerfällt damit gar die „bürgerliche Öffentlichkeit“, ja die ganze Zivilgesellschaft. Ihr demokratischer Schwung reicht angeblich von den Redaktionen über die Veranstaltungen in feinen Sälen bis zu den großen Diskursen quer durchs Land. Wo bisher scheinbar Großes geleistet wurde, so lautet die Geschichte, existiert plötzlich keine marktfähige Kultur mehr, die unsere Öffentlichkeit als kritische Instanz mit guten Argumenten füttert. Das ganze Feld scheint neuerdings dagegen eine gleichgültige Hingabe an technische und wirtschaftliche Strömungen zu beherrschen. Der Rest gediegener Medienarbeit verflüchtigt sich ins Web und bleibt unter der Fuchtel einzelner Monopolisten. So ungefähr liest sich die Mär vom überraschenden Niedergang anspruchsvoller Diskursöffentlichkeit, die doch nach der Wende 90 noch Multimillionen an Profit abwarf. Und dann kam noch Suhrkamp in Berlin, auch dort verwüsten die Heuschrecken ohne Geist, obwohl es sich der Verlag ferne vom kulturarmen Finanzfurt sicherer wähnte.

Bei der Frankfurter Rundschau, einem irgendwie „linksliberalen“ Blatt, das in rechts-verrutschter deutscher Medienöffentlichkeit gefährlich herum schaukelte, gab es die letzten Jahre Rettungsversuche zwischen Boulevardstil („Tom Cruises Tante ist erkältet“) und Infotainment (ein „Trendforscher“ wird bei ihr Kolumnenclown), zwischen neuem Outfit und Einsparungswellen bei ihrer Redaktion. Solche Rettung auf offener See geschah in einer City, die sich in den letzten Jahrzehnten kulturell enorm geändert hat. Vermutlich gibt es einige, desaströs zusammen wirkende Komponenten, die den Niedergang bis jetzt beschleunigten.

Ein Set kürzerer oder längerer Diagnosen begleiten den Abgang des Frankfurter Traditionsblatts. Zwischen FAZ (hier und hier), SZ, taz, Freitag, den Blättern und Medien-Blogs (hier, hier) kommen verschiedene Stile der Bestandaufnahme und variierende Perspektiven zum Abstieg zur Sprache. Mitunter wird dabei zwar stylish, aber auch höhnisch über den Verlierer geplappert. Das hinterlässt  gerade bei der taz einen unangenehmen Beigeschmack, weil sie sich selbst einerseits nur durch Spendenkampagnen über Wasser hält, und andererseits als Quasi-Zentralorgan der Grünen Bundestagsfraktion Leser mit ihrem Habit als „wohlinformierte Kreise“ ködert.

Die Diagnosen für die Besonderheiten der Rundschau konzentrieren sich auf die folgenden Punkte. Gerne kommt die Rede zügig auf eine angeblich althergebrachte Stimmung und frühmoderne Weltteilung rund um verkarstete Redaktionsfürsten, die sich in einer Haltung von Beschwerdetum und altem „Antifaschismus“ verankert hätten. Dazu passt eine hierzulande eingespielte Reinterpretation von „Reform“: die FR transportiere viel zu lange ein „konservatives“ Weltbild, kam schlicht nicht mit heutigen Wandel, einer „neuen Zeit“ zurecht. Mit diesen rhetorischen Mitteln wird eine Art „Frankfurter Höhle“ ausgegraben, in die sich das journalistische Personal vor dem Ansturm der digitalen Finanzialisierung direkt vor ihrer eigenen Tür angeblich eingrub.
Solch diagnostizierte Blindheit, Trägheit wurde im Frankfurter Verlag begleitet von einem schleichenden, manchmal offensichtlichen Qualitätsverlust, der nicht zuletzt mit dem sukzessiven Rückbau der Redaktionen in Frankfurt, Umverlagerungen nach Berlin und diese begleitenden Gesichtsverlust einher ging. Die schreibenden Kritiker aus der Branche monierten zudem den Zyklus der gescheiterten „Reformen“, die sprunghaft wechselnde Führungen im Blatt unsensibel exerzierten, mitunter wahllos mit Formaten, Stilen, Autoren und Themen experimentierten. Insgesamt, so meist das Verdikt, hat all das zu lange gedauert, und verschlechterte in der Gesamtheit eher die bereits prekäre Lage. Und es verdarb, kaum zu unterschätzen, Stimmung und Identität vor Ort.

Zwischen “Content” und Geschäftsmodell

Den Rundschau spezifischen Diagnosen schließen sich allgemeine Verdikte zum Zeitungssterben an, denn selbst Vorzeigeschüler sind inzwischen nicht gefeit, Entlassungen drohen Spiegel und Zeit, selbst der innovative englische Guardian und die Newsweek sind bedroht. Dabei schlüpft die Mediendiagnose zuweilen ins Gewand der Kulturkritik, welche besonders die FAZ wortgewandt angeht.
Viele Kommentatoren betonen mit Kenntnissen aus der Medienwirtschaft, dass es den Verlagseignern lange „zu gut ging“, in den 90ern sich das Geld im Zeitungswesen ohne viel Aufwand regelrecht scheffeln lies. Der Boom wurde allerdings begleitet von einer beschleunigten Prekarisierung der Autoren, der umgesetzten Redakteure, den vielen freien Journalisten. Diese Zeiten des leichten high profits im Print sind wohl allgemein vorbei, besonders seit im Internet eine wahre Flut kostenloser Nachrichten zu diesem, jenem und allem anderen über seine Nutzer hereinbricht, und gerade die werden im Web immer noch mehr, tummeln sich dort immer länger.
„Parasitentum“ institutionalisierter Plagiatoren auf Kosten der alten Verlage wird besonders für das Internet diagnostiziert. Web-Portale, Suchmaschinen oder Social-Media Dienste stehen am Pranger dafür, hart erarbeiteten „Content“ zu klauen, also von anderen niedergeschriebene Texte mit einem gewissen Interpretationsanspruch zu duplizieren, zu extrahieren, unter dem eigenen Markenzeichen zu verbreiten – und davon ganz gut zu leben.
Der Konter aus dem Web, von Mediaportalen oder Firmennews lautet schlicht: es war für die Printmedien lange genug Zeit und Geld da, den gewinnträchtigen Sprung in die digitale Welt zu bewerkstelligen. Sie haben aber kein Geschäftsmodell mit Perspektive entwickeln können, Pech gehabt. Nun, fast das einzige, das dort fürs breite Publikum funktioniert dreht sich um Werbung, und die war auch schon in den Genen der guten alten Tageszeitung verankert. Und da wir in der Welt freier Märkte leben…

Tatsächlich erscheint eine ungünstige Gemengelage am Horizont: hohe Erträge werden von Medienverwertern aller Art erwartet, Prekarisierung und Existenzdruck beschreiben dagegen die Zustände um die Produktion gerade von Text-„Content“, kostenfreie Dienste um gelieferte Infos aller Art breiten sich aus, eine Inflation unbezahlter Mitarbeit droht: nicht gerade ein Nährboden für engagierte Medien, eher das Gegenteil. Zentrale Säulen dessen, was einmal „bürgerliche Öffentlichkeit“ hieß, brechen weg in einer hybriden Medienlandschaft, die oft auf undurchsichtige Weise gesponsert wird, und daran, dass schlicht oft verbreitetes Interesse an ihr fehlt.

Solche Zustände und Umbrüche können aber vielfältige Gründe haben, wobei sich sicher nicht der letzte darin findet, dass der hergebrachten Medienöffentlichkeit nicht mehr viel zugetraut wird; zu viel glatt Gebügeltes und brav Gestriegeltes bestimmt dessen Feld und gar zu wenig Borstiges scheint noch auf. Solches Urteil rührt nicht allein am web-getriebenen Niedergang der Tageszeitungen und fehlenden Geschäftsmodell für digitalen Informationstransfer. Denn manche der „klassisch“ zu nennenden Printinstitutionen wie der „Economist“ konnten ihre Auflagen steigern und sind im Web einigermaßen erfolgreich. Und von wegen fehlende Geschäftsmodelle: zumindest vier ganz große Companies im Web verdienen mit „Informationstransfer“ Geld, viel Geld: Google, Amazon, Apple, vielleicht noch ein Stück weit die Firma Facebook, die wie Twitter das ganze Nachrichtenverständnis, ihre Produzenten und Leserschaft erheblich umbauten.
Dabei stellt sich aber die Frage, wie sie das denn tun, und ob sich beim Umbau der Medien-Kultur tatsächlich alles um Web-Technologien dreht? Mit anderen Worten ziele ich im folgenden darauf ab, die Kritik ein Stück zu reinterpretieren und weiter zu schreiben, denn das Gesagte scheint mir in selektiven, geradezu blickverengten Diagnosen hängen zu bleiben, die den vielen Problemen der zu selektiven, glatt gebügeltes Wahrnehmungen, im Objekt „Medienöffentlichkeit“ selbst ähneln.

Und das schöne Knistern der Zeitung

Als interessantes Beispiel für die Bewertung der Medien-Kultur kann „Rezeptionsästhetik“ dienen, als Trennlinie zwischen Tageszeitung im Print und Nachrichtenportal im Web funktioniert gerne mal eine „Papier-Haptik“. Freundinnen der Druckerschwärze führen eine synästhetisches Moment an, das im Anblick, Knistern, Umblättern, Riechen liege und damit den Genuß des Lesens einzigartig erhöhe. Gewiß können solche stoffgebundenen Wahrnehmungen eine Rolle spielen, aber der Gebrauch von Tageszeitungen zeigt noch auf ganz andere kulturelle und soziale Kontexte.
Blätter wie die Rundschau in ihrem alten, großen Format, das uns mehrere lange Artikel auf einer Doppelseite anbot, verknüpfte Haptik mit einer eigenen Collage, einem Anreiz zum Zusammenlesen verschiedener Berichte, Diagnosen und Kommentare, eine Art Weltbild in der Zeitung. „Zusammenlesen“ im sozialen Sinn kam hinzu, denn das gerne in studentischen Wohngemeinschaften gelesene Blatt verknüpfte Zusammenlesen mit Diskurs, Kommentar, Einspruch, fast wie kollektive Frühstücksrituale kultureller Interpretation. Vermeintlich war dann der Schritt zu echter politischer Öffentlichkeit nicht sehr weit. Tempi passati.
Ganz anders funktionieren professionelle Job- und Status-Leser. Eine Zeitung wie die FAZ wird erfolgsbezogen rezipiert, man hat ihre Highlights zu kennen, zwischen der Lagebeurteilung der Company und ihres Umfeld und wegen der vielfältigen Culture-Ansprüche, die etwa aus allgegenwärtigem Business-Networking resultieren. Sachlich passende Informiertheit muß sich zudem oft buchstäblich zeigen: der vorgeblich „kluge Kopf“ soll dem Umfeld mehr noch den „erfolgreichen Kopf“, also Zugehörigkeit signalisieren – oder zumindest die Bereitschaft, solches zu erreichen. In diesem Sinne funktioniert die Tageszeitung nicht nur als Communitybindung, sondern als Statussignal. Ein Statussignal, das anderen wie sich selbst gelten kann: die Haptik des Lesers mit seinem Blatt spiegelt sich ihm gleichsam beim Lesen, der FAZ-Leser empfindet sich selbst stolz als FAZ-Leser, wiederum eine gute Voraussetzung, die habituellen Eintrittsbedingungen ins Success-Milieu zu verbessern.
In beiden Fällen kann die Tageszeitung ausserdem ihren Lesern als Klammer des Tages zwischen Morgen und Abend dienen, tagsüber immer ein Stück weit als Ordnung eben dieses Tages in der für einen Tag festgeschriebenen Ordnung des Blatts erfahrbar. Ganz anders funktioniert das Vorbeihuschen sekündlich aktualisierter Web-Meldungen, die sich an die entgrenzten, oft rhythmusfreien Tage in Shortcuts anpasst. Keine Zeit für Zeitungsordnung.
Angewandt zum Beispiel auf Hochschule in RheinMain: Nicht mehr die großen Gruppen interessierter Soziologiestudenten blättern in der Frankfurter Rundschau, sondern die Scharen karrierebewusster BWLer kümmern sich um Informationsverwertung via FAZ.

Wenn wir jetzt noch an die vielen Umbrüche unserer Milieus und der Lebensweisen im allgemeinen denken, an ihre jeweils unterschiedliche Geschichte bis heute, an neue soziale Scheren, dann kann sich ein Stück weit das Verständnis verbessern, warum manche Zeitungen langsam, und manche schneller untergehen. Dazu ist allerdings noch einiges mehr nötig.

Wird fortgesetzt


90 Kommentare zu “Die Frankfurter Rundschau: Absturz zwischen bürgerlicher Öffentlichkeit und Web-Wahrnehmung”

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