Frankfurter Gemeine Zeitung

Presselandschaft zwischen politischen Journalen, Infotainment und Web-Hypes

Der prognostizierte Niedergang der Tagespresse, politischer Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft: eine Skizze der Zusammenhänge

Im ersten Teil begutachteten wir Argumente zum Zeitungssterben rund um die halbtote Frankfurter Rundschau. Sie schwankten zwischen „Medienreform“ und „Geschäftsmodell“, Begriffen, die sich eher Marktidealen als einer imaginierten Öffentlichkeit anbiedern, die demokratische Vorstellungen unter die Leute bringt. Während Knistern und Druckerschwärze regelrecht einen Verzweiflungskampf im Greifbaren führen, sekundierte FAZ-Herausgeber Schirmmacher mit Thesen zur haltlosen Informationsbeschleunigung im Web, der fast nur der allgemeine digitale Burnout folgen könne.
Die Verständigung über papierne „Rezeptionshaptik“ und ihr Verschwinden konnte uns allerdings zeigen, dass Tempo und Richtung zu differenzieren sind, denn klassisches Zeitungslesen verband sozial wie kulturell immer mehr denn simple Nachrichtenaufnahme. Die Tageszeitung konnte als orientierende Klammer eines Tagesablaufs gelten, was bei den permanent refreshten, flexiblen News-Tickern nicht mehr funktioniert. Doch für wen solch Orientierungsversprechen noch Sinn macht oder ob sich solcher Orientierungsbedarf unserer Lebensweisen langsam verflüchtigt, leitet über zurl Frage nach sozialen Rezeptionsmilieus zwischen Print und Web. Dazu gesellen sich im folgenden weitere Überlegungen um die öffentliche Wertigkeit von täglichen Informationsmedien, ihre Herstellung und Verbreitung, ihre Ökonomie und unterschiedliche Verwendung, ihre Inhalte und Übermittlungsformen.
Gewöhnlich spitzen sich medienwirksame Kontraste in Beschimpfungen von „Web-Optimisten“ versus „Druck-Pessimisten“ zu, gerne als Stilisierungen verbrämt. Während die Web-Optimisten oft im Anschluß an Techno-Gurus aus den USA, marktbegeistert alle neuen Produkte bejubeln, schnellen Zugriff und allgegenwärtige Informationsfreiheit per Internet erreicht sehen, konstatieren Druck-Pessimisten für das Web nicht nur den Verlust an gehaltvollen Texten, sondern überhaupt der Kompetenz, diese noch begreifen zu können, es drohe gar eine „digitale Demenz“. Neben all den guten und bösen Dingen, die der digitale Wandel sonst noch mit sich bringt.
Einen anderen Aspekt vernehmen Interessierte inzwischen seltener, nämlich die Rollen glatt gebügelter, oligarchischer, ja plutokratisch betriebener Medien bei der aktiven Zerstörung kritischer Öffentlichkeit, wie sie in Italien, z. T. auch England und vielen anderen Ländern fast zur Gewohnheit wurde. Wen wundert es in einer globalen Situation, in der Cash Flow das Maß aller Dinge ist, und Zeitungen wie andere Medien als Cash Cows dienen sollen. Das Phänomen ist nicht ganz neu, schon im 19. Jahrhundert bemerkte ein gewiefter Zeitgenosse: “Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein”. Aber kann es so etwas unter dem Druck der Kapitalien noch geben? Gar unter Kapitalien, die im Wettbewerb immer auf Monopolisierung zulaufen? Kann es vielleicht etwas wie „Free Software“, die ehrenamtliche Herstellung von anspruchsvollen Programmen auch für die Presse geben, ala „Free Real Content“ ?
Doch wer will das eigentlich? So wie „Gäste“ mit Tageszeitungen unterm Arm vor 100 Jahren durch die Passagen der alten europäischen Städte flanierten und sich auf diese Weise als Moderne präsentierten, so laufen heute ostentativ „Customer“ auf Phones tippend durch die Malls und präsentieren sich selbst als Marke, unterbrechungsfrei als semiautomatisches Ego funktionierend. Dafür braucht es keine Tageszeitung, die stört im Bild.

Ackern wir uns mal durch die Beilagen zum Menü der Informationsöffentlichkeit rund um „Tageszeitungen“, und schauen nach, was alles zu ihrer Zubereitung gehört. Sie beginnen mit dem „Content“, dem Inhalt eines Artikels oder Textes, mithin dem, was unsere Öffentlichkeit zum Gemeinwesen wissen sollte, und dem was sie gerne wissen, lesen, sehen möchte. Die Produktion substantiellen Inhalts der „Presse“ lässt sich jedoch nur verstehen, wenn wir uns um den Sinn und die Systematik der Zeitungspräsentation kümmern. Und dabei geht es um den „Mehrwert“ des Texts, denn Zeitungen sind Produkte auf der Suche nach Cash-Quellen. Vor Jahrzehnten hieß es schon, dass „Nachrichten als Werbebeilagen“ zu dienen haben, eine Art Appetithappen zum Hauptgang: und der heißt Productplacement.
Diese eher traurige Einsicht in das Funktionieren unserer Welt scheint die Rede vom vermeintlich unverzichtbaren Qualitätsjournalismus, den echten Bedürfnissen der Öffentlichkeit und der (kritischen) Zivilgesellschaft vergessen zu haben. Aufmerksame Leser kommen deshalb nicht umhin, bei solch hehren Appellen an „klassische Ideologie“ zu denken, denn die Blätter von „FAZ“ über „Handelsblatt“ bis „Welt“ werden nicht müde, uns die ganze Welt ohne Unterbrechung als glatt gebügelte „Marktgesellschaft“ mit einer allumfassenden „Mitte“ vorzuführen, die „Sparkurse“ und „wettbewerbsfähige Unternehmen“ vorbehaltlos unterstützt: warum also nicht beim Content und den Leuten sparen die solchen Sermon produzieren? Die endlosen Wiederholungen mittig geglätteter News lassen sich gewiß immer billiger produzieren.
Der vermeintliche Qualitätscontent mutiert ausserdem zu „Hypes“ und wohlfeilen Personifizierungen: nach dem Motto „Depardieu in Rage über Weltlage“. Wir brauchen gar nicht auf die digitale Demenz zu warten, das „Nachrichtenbusiness“ kehrt mit Celebrities und wohlfeiler Hofberichterstattung unseren Verstand schon vorher raus. Inhalt verschleift sich zu infantilisierten Spielen, Stefan Raab auf allen Seiten.
Als genüge dieser Absturz noch nicht, schaukelt sich eine eitle Selbstbezüglichkeit der Medien bis in die Tagespresse hinein: wer schreibt wie über was, welcher Event vom eigenen Verlag steht vor der Tür, welche Nachricht kam toll an. Dann noch die Ehrungen für die Qualitätspresse: mit „Bild“ inzwischen ganz vorne weg. „Blödmaschinen“ nennen gewitzte Medienkenner diese eitlen Kulturapparate.
Derartiges mediales „Wir sind Wichtig“ soll gleichzeitig als Door Opener für sogenannte „Edelfedern“ wie für ihre Mitschreiber aus der zweiten Reihe wirken. Daraus resultiert aber eine unangenehme Intimität mit herrschenden Kräften und ihren Verlautbarungen, und Distanz der Presse wird nur noch abhängig von Hypes oder den Konjunkturen hilfloser Verlierer, zuweilen schlicht als Feigenblatt gepflegt. Doch die Verwurstung des Contests, die permanenten Wiederholungen und Gleichklänge beginnen zu öden. Eigene Komponenten in Beiträgen werden gespürt und rezipiert, aber wenn es es nur um Quotentheater geht, warum dafür bezahlen und nicht gleich selbst eine echte Show ansehen?

In diesen Qualitätsabsturz des Prints rund um den Markt und daran gekoppelter Nachrichtenportale im Web mischt sich schließlich eine fast schizophrene Begeisterung der Web-Enthusiasten rund um digitale News. Sie huldigen Priestern, die eine Technoästhetik vorbeten und einen FDP-Geist verehren, der am ehesten der simplen Weltsicht von Anlageberatern nahe kommt, nach dem Motto „jetzt zukaufen“. Mit den schnellen Web-Kanälen geht ihre Verehrung von monopolistischen IT-Multis einher, die bei eigener höchster Geheimhaltung ihre Nutzer zur vollen Offenbarung des Privaten bewegen. Doch wo sollen unter solchen Regimes denn anspruchsvolle Texte und Öffentlichkeit herkommen, glaubt da wirklich jemand noch an Zugewinn einer Öffentlichkeit?

Die Technoästhetik des Digitalen, die hippen Widgets und Streams bringen uns zur Form des Contents, der Art, wie uns Verlage ihre Nachrichten, Texte, Kommentare oder was sonst anbinden. Dabei geht es zunächst um das Verhältnis zwischen Marketing und Textanspruch: was steht im Zentrum der Darstellung, ist es der Platz für maßgebliche Firmen, ihre Marken, Meinungen und Vorhaben? Was denn sonst? Wie kommt die Welt zu uns rüber in der Zeitung, mit anspruchsvollen Kontrasten oder als durchgemangelte Eventzone? Natürlich, die Fragen von Finanzierung, von Profit und Märkten durchziehen die Medien inzwischen bis in ihre „Gene“ hinein, und jede Hintergrundanalyse wird schließlich vertrieben durch bezahltes Branding. Konsumenten ersetzen Leser: „Klick mich“ bleibt dann übrig, eine kaum umschiffbare Selbstreferenz, die unsere Aufmerksamkeit im Web verstärkt absorbieren möchte.

Zu Inhalt und Form kommt im Falle der Frankfurter Rundschau noch ein weiter Aspekt hinzu, nämlich die Spezifika des Umbruchs gerade im global getriebenen RheinMain Gebiets. Die Rundschau musste hier einen Spagat zwischen lokalen und bundesweiten Blättern hinkriegen, und das bei Bedingungen des „lokalen Opportunismus“, einer unkritischen Fröhlichkeit bei Meldungen rund um den Römer und Finanzkongressen in der Stadt, die manchen, vielleicht zu vielen auf den Magen schlug.

Die Fäden zusammengeführt
Lokale und globale Kontexte betreffen gehörig die Tagespresse, den Medienumgang insgesamt, auf den Ebenen ihrer Produktion, der Rezeption, den sie begleitenden Lebensweisen. Was wirkt auf Inhalte und Formen, auf Lebenswelten und Öffentlichkeiten? Im folgenden möchte ich deren soziale und kulturelle Aspekte weiter auseinander nehmen, damit wir etwas Klarheit für die verschiedenen Regime und Zonen hin zur Politik rund um unser mediales Gesellschaftsverständnis gewinnen.
Sozialisierung klingt nach Erziehung, und wir übertreiben vermutlich kaum, wenn von sozialer Umgang gegenwärtig oft im Mediengebrauch erlernt wird. Wenn gesellschaftlicher Umgang zum Thema wird, ist von Öffentlichkeit die Rede, doch der Wandel von „Öffentlichkeit“ im Neoliberalismus zeitigte eher ihren qualitativen Niedergang, Geplapper statt Diskurs. Ein vermeintlich unaufhaltsamen Niedergang hin zu Marktöffentlichkeiten, grenzenlosen Verwertungen und Rankings einerseits, den gesellschaftliche und politische Feudalisierungen sowie Zugangsbeschränkungen andererseits begleiteten. Für Geld den beklatschten Affen auf der Bühne spielen geht schon, aber Zutritt zu den Zirkeln der Entscheidung? Behüte!

So gestaltete sich ein trickreicher Trend hin zu lohnenden Differenzierungen, neue soziale, kulturelle und politische Geschäftsfelder bereichern die Medien. Gesucht werden heute und in Zukunft frische Media-Produkte die vorrangig Branding, Infotainment und Wellness leisten können, je nach Bedarf auch zusammen. Sie markieren eine zunehmenden Konvergenz zu anderen Warenwelten und ihren Produktionsbedingungen. Keine kritische Öffentlichkeit der Zivilgesellschaft also, sondern aus der Tagespresse soll eine mobile kleine Shopingmall mit Rahmenprogramm werden. Und die einen können sich die Version Discount und die andere Luxury leisten.
Soziale werden von kulturellen Differenzierungen begleitet, die unser Medienbild schärfen. Der „Qualitätsjournalismus“ lässt sich aufgliedern in eine Lifestyle-Kategorie, die mein kulturelles Empfinden ausfüllt, dann in eine als Statusinstanz, mit der ich mich als Lokalpatriot oder Wissensarbeiter vorstelle, oder schließlich als Job-Pflicht, weil die Qualitätspresse meine Kompetenz entwickelt, oder zumindest die Peergropup meint, dass dem so wäre.
Ähnlich differenziert verläuft die Produktion von Content und Form für mediales „Produktportfolio“, wie das was in der Zeitung steht, heute so schön heißt. „News-Dienstleister“ heißen ihre Hersteller, und zwischen Prekarität und Consultant bewegt sich ihr Lebensstil, vom Journalisten zum Event- oder Marketing-Professional geht das Spektrum, um bei der Profession zu bleiben. Die einen werden für Standardtexte im Minutentakt mit lächerlichen Stundensätzen bedacht, die anderen bewegen sich zwischen Firmenvorstand und Talkshows, zuweilen am Tag mit einem Salär, das erstere im Monat in Rechnung stellen. Entsprechend kalkulieren sich die Medien nach Aufmerksamkeit, Quote und Rationalisierung, je nach Zielgruppe und Position.
Dazu passen nette Partizipations-Shows verschiedener Medien-Formate, die sich zwischen Kommentaren, Foren und „Betroffenen-Präsentationen“ bewegen und je nach Presse-Marke unterschiedliche Gruppen und unterschiedliche Zahlungswilligkeit anziehen. Diese Beurteilung zunehmender Schere oder Sparte verwundert kaum, denn individualisierte Haushalte und Lebensweisen mit gesteigerten Medien- und Kommunikationskosten differenzieren den Medienzugriff noch ein Stück weiter. Wer bei 1200 Netto schon 100 Euro für Phone und TV bezahlt, der bleiben nicht noch 50 Euro für eine Tageszeitung. Immer besser verdienende High Professionals allerdings, die ihr Know How und Status aus Presseprodukten ziehen, kümmert das kaum. Eigentlich ganz einfach.

Wird fortgesetzt


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