Frankfurter Gemeine Zeitung

Öffentlichkeit zwischen politischen Journalen, Infotainment und Web-Hypes

Zwischen Tageszeitung und Fernsehabend entscheiden: long ago! Heute sind wir mobil, switchen zwischen Apps und Ads, je nachdem wieviel Geld und Zeit uns gerade bleibt. Davon haben die einigen wenig und die anderen viel oder umgekehrt, und werden sehr unterschiedlich verwendet.

Dementsprechend werden Medienzugang und Öffentlichkeiten heute immer weiter differenziert. Auch ohne Tageszeitung. Welche Trends in unserem Medienalltag zeichnen sich ab?

Fortsetzung der Folge zum Umbruch in der Pressewelt

Wenn wir uns weiter im Strom technologisch  aufgerüsteter Warenwelt und ihren Regimen durch die allgegenwärtigen Medien bewegen, und uns mit ihrer Kultur beschäftigen, verstricken sich die Zusammenhänge zunehmend. OK, also das Web und sein Drumherum. Mit ihm kommen schlicht veränderte Rezeptions-Objekte in den Alltag, neue Strukturen und Kanäle: Mit den Screens werden unsere Wahrnehmungen und unsere Erwartungen buchstäblich umgerüstet, und zwar immer abhängig von dem, was wir gerade tun, oder wie ein verstecktes Programm im Nirgendwo unsere Absichten prophezeit. Die vielen Hilfsmittel dieses Web-Geschäfts lassen sich kaum aufzählen: Mit Feeds selektieren wir Realtime Heerscharen von Überschriften, die Filter von Suchmaschinen oder Portalen liefern uns immer ähnlichere, nur zu gut einzuordnende Texte bei der Nachfrage. Aggregatoren ergänzen die Vorauswahl der massenhaften Kurznachrichten, Bots untersuchen unsere Vorlieben und bieten diesen entsprechende Texte an, schließlich produzieren Apps ganz eigene Formate, die uns vielleicht spielerisch vor Artikeln im klassischen Sinn abschirmen und uns eine schöne neue Welt präsentieren. Und all das automatisch in Realtime!
Auf solchem Hintergrund lässt sich eine Dystopie öffentlicher Interpretation denken, die digitale Schwundstufe der Presse: statt recherchierte Inhalte von Tageszeitungen führt sie mittels ästhetisierenden Gadgets an der Hand. Sie statten mit Markenempfehlungen und Spielinterface die Wahrnehmung der Welt-Ereignisse aus. Eine Art „maschinelles Genießen“ in Instant-Format ersetzt politisch sensible Interpretation.
Die von Gurus gepriesene Techno-Ästhetik wirkt auf diesem Wege als Sinn-Surrogat für „Gesellschaft“, deren Elemente sich im mobilen Leben wie von selbst mit unserem ganzen Alltag vernetzen. Aber das geschieht, ohne dass wir unter die Oberfläche schauen, dorthin wo Probleme entstehen und Entscheidungen fallen. Die Kurzatmigkeit allerdings, die wir bereits mit Tageszeitungen einübten, gibt nochmal Gas, eben bei den Technoprodukten mit den vielen Knöpfen, die bereits als solche einen Großteil des Contents ausmachen und der immer höheren Frequenz ihrer Releases, mit denen sie uns beschäftigen.

Die Diagnose der Kultur und Rezeption, die sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in einer Art „Reform-Agenda“ umwälzte, hat unsere Aufmerksamkeits-, Status- und Relevanz-Strukturen erheblich modifiziert und zwar über die Web-Technologien hinaus. Die technologische und die wirtschaftliche „Revolution“ marschieren voll im Gleichschritt, und wir können bereits sondierte soziale Spreizungen noch weiter ausbuchstabieren. Ehemalige Arbeitsmilieus suchen heute nach Differenzierungsgewinn, mit neuen Geschäftsfeldern und verstärktem Wettbewerb untereinander: dabei sollen gute Informationskanäle und Statusvorteile helfen. Prekaritätsmilieus dagegen ersetzen oft mangelndes Entgelt durch Sinnsuche, allerdings dem Sinn im naheliegenden, den Geheimnissen in und zwischen den Algorithmen. Der Suche nach echter „Kreativität“ frönen inzwischen viele andere, doch versandet sie meist in Befindlichkeits-, Hobby- oder Ästhetisierungsmilieus, deren ausgefahrene Schienen den Nachschub an immer neuen Produkten zu zahlungswilligen Kunden transportieren. Die Dienstleistungseliten in ihren Milieus geben sich wahlweise medial anspruchsvoller: sie verlangen nach Angeboten, die ausgeklügelte Fach- und Wellness-Produkte ergänzen. Den lokalisierten Sicherheitsmilieus dagegen, den immer Ängstlichen dürstet es nach Berichten aus der Umgebung, dem letztlich Wohlbekannten, von der Trauung bis zum Einbruch – ein leicht produzierbares Programm.
Wir befinden uns auf dem Weg in eine reale wie mediale Ghetto-Welt, die besonders kalifornische Gurus schönreden: einerseits „Massencontent“ und Social News Services, die „kostenlos“ via Bezahlungen für Benutzerinformationen oder einfachen Dienstleistungen über die Konzernportale funktionieren. Dem stehen anspruchsvolle Analysen und Statusgewinne gegenüber, die von höheren Dienstleistern bezahlt werden. Bemerkenswert dabei sind die unterschiedlichen Aufmerksamkeits- und Relevanzstrukturen, die sich bei solchen Gruppen entwickeln können: Die vermeintliche „Wissensgesellschaft“ wird auf diesem Hintergrund schließlich zur hohlen Phrase.

Den Mix von technologischen und gesellschaftlichen „Reformen“ können wir in allgemeiner Diagnose fortsetzen. Vermutlich haben sich die Arten sozialer Bindungen und unsere Orientierungen im Alltag inzwischen auf breiter Front geändert, bis in die Inflation der „Freunde“ und „Follower“ hinein, von denen wir hochaktuell nicht nur ihre Pupser oder verbrannten Frikadellen registrieren, sondern auch Vorlieben, Einkäufe und beliebte Nachrichten. Mit diesen Zirkeln persönlicher Befindlichkeiten bilden sich hybride aber regionale Freundeskreise als Stil- und Nachrichtenmilieus unter einem „sozialen Medium“ im Web, die sich als eigene Rezeptionswelt aufbauen lassen. Rezeptionswelten als Nutzerkreise können bis zu Ebenen gesteuerter „Meta-Orientierungen“ reichen, bei denen die oben aufgezählten Bots und Algorithmen filtern, selektieren und präsentieren. Solche Milieus zwitschern sich dann zwischen Celebrities, Events und News eine eigene Welt zusammen, in der sie sich gut zurechtfinden. Denkbar sind dann gar neue Individualisierungen über Internet-Hypes, Repertoires für Stilisierungen des Egos, wie sie bereits rund um Fußballvereine oder Popgrößen bekannt sind? Vielleicht eine Wahlumfrage bei deinen Facebook-Freunden? „So funktioniert Politik!“
Web-Rezeptionsmilieus formen tatsächlich breite „synästhetische“ Orientierungen unserer mobilen und multi-vernetzten Welt, die meist im Gleichtakt mit Marktbedingungen und ihren herrschenden Semantiken rund um den unvermeidliche „Marktwillen“ funktionieren: das Phone meldet mir mitten auf der Strasse den Shop in der Nähe zusammen mit seinen günstigen exotischen Angeboten, die zur aktuellen Tsunami-Meldung mit Video aus Fernost und meinen letzten Reiseeindrücken oder denen meiner „Freunde“ passt. Mit anderen Worten, vor unserer Tür steht ein komplett designter Alltagskorridor, der „Öffentlichkeit“ und „Politik“ als Komplettangebot zwischen Media und Markt in zugeschnittenen Rastern für Zielgruppen und ihre Evaluationen erfasst.

Medienmilieus

Leider ähnelt er eher einer Gummizelle denn einem öffentlichen Platz. Wir haben nämlich nur beschränkte Ressourcen, und die werden in solchen Milieus fein differenziert ausgelastet, durch die Ansagen von fern, und jeweils nach ökonomischen, kulturellen und sozialen Mitteln thematisiert. Von „Sektoren der Innovation“ oder dem Lebensstil „digitaler Boheme“, den uns manche Gurus verheißen ist meist nicht viel übrig. Eher zeichnet sich kulturelle Fragmentierung und Milieu-Verlust in der Substanz ab, und das gilt genau so für politische Milieus, dem fehlenden Link von Alltag und faktischen politischen Maßnahmen. Als Rest bleibt „Lokalkultur“, die sich prima mit dem Trend zum „Regio-Product“ verträgt. Auch hier können wir uns locker beteiligen, empfehlen und kommentieren, an unser privates Webmilieu posten, oder vielleicht direkt hinein ins REWE-Portal. Es zeigt uns in der linken Spalte zudem den DAX und der rechten die SPON News. Alles komplett.
Solche Mediamilieus bilden Zonen unserer Lebensweise ab, durch die wir uns zunehmend in den Städten bewegen, umgeben von Festungen wie Business-Districts oder Gated Communities mit den fokussierten Aktivitäten Ein- wie Ausgeschlossener, und mit marginalisierter „zivilgesellschaftlicher“ Initiative. All diese Tendenzen sind Bausteine für einen Umbau zur „pragmatischen Effizienz-Gesellschaft“. Sie gibt sich mit dürftigen Orientierungen zufrieden, und interpretiert die ganze Welt nach dem fixen Ergebnis und je eigenem Erfolg, dem Durchwurschteln mit Networking und heißen Posts: das Verhalten der „Trader“ an den Börsen liefert für sie die beste Regieanweisung. Trader zeigen aber oft blindes Herdenverhalten und Erwartungen an kritische Zivilgesellschaft werden entsprechend immer dürftiger, nur noch Wegweiser zur Plutokratie bei gefühlter Wahlfreiheit.
Die „Öffentlichen“ Medien, ihr marktgerechter Umbau in Spartenprodukte im Gadget-Stil verschmelzen damit immer mehr. Unsere Formen von Öffentlichkeit prägt Markt-Nihilismus mit pragmatischer Ideologie, die sowohl der Lifestyle-Alltag wie der prekäre Druck aufrecht erhält, Beide sind technologisch durchzogen, mit lohnend regulierten Hypes und Rankings. Wir warten bloß noch auf smarte Erzählrobots, die aus unserem ganzen Leben eine nette Story machen, die sie in den Social Medias über uns erzählen und in das Bilderbuch der Lokalbeziehungen einordnen, nach dem Motto: „Ich und Feldkamp“. Wenn es mal passt, erzählen sie auch noch über Mutti Merkel und ihren Sparstrumpf. Ich log mich dann ein, und spiele mal schnell ein neues Sparprogramm für die Griechen durch. Hepp.

Die zivilgesellschaftliche Ohnmacht scheint fugenlos ins Medienprogramm zu passen, ein Befund, der sich bestens in die strukturelle Korruption, die Nähe zu herrschenden Instanzen bis in die Tagespresse einfügt. „Zugang“ verheisst Cashflow, und er ist das Maß.
Ein unschönes Bild der Medienintegration habe ich gemalt, eines das kritisch mit dem Web umgeht, aber meilenweit von der Kulturkritik ala Schirrmacher siedelt. Doch es passt gerade zu Frankfurt so schön. Gerade im RheinMain Gebiet kam der Trend neuer Gruppierungen und Lokalitäten besonders zum Tragen. Z. B. der Bildungswandel und strikt pragmatisch Studierende mit den richtigen Apps, in der Finanzstadt mit Reichtumsgürtel und ihren Festungen ala Eschborn oder Bankenviertel. Jeder für sich und manchmal after Work Party. Frankfurts Umbau läuft seit bald 30 Jahren, und er prägt im schwarz-grünen Geist eine unternehmerische Stadt, in der die mondäne Fressgass nahe der Alten Oper ihren Apple-Shop gleich als einen Tempel der City kultiviert. All das spricht kontra haptische Orientierung ala FR, auch wenn sie schon ihre Umstellung auf iPad anleierte.

Raus aus den ausgetretenen Pfaden?

Was bleibt kritischen Medien, vielleicht gibt es für neue „emanzipatorische“ Momente noch eine Zukunft zwischen Hyperkapitalismus und administrativer Politik? Welche Reserve bleibt gegen die affirmativ-indifferente Unterhaltungs-Öffentlichkeit, die mit einem neuem „Digital Divide“ von Märkten beherrscht wird und per Markt herrscht?
Profit füllt noch nicht den ganzen Raum um „Presse“, „Öffentlichkeit“ und „Zivilgesellschaft“, im Gegenteil, sie hängt von verschiedenen Kontexten ab, sogar jetzt noch. Zum Beispiel unsere Frage nach „gesellschaftlicher Orientierung“. Es lassen sich gemischte „Formate“ denken, die von „hyperlocal“ bis „long text“ reichen. Für beides melden sich immer mehr Interessierte, gegen die kurzen hohlen Sprüche verschaffen sich Widerspenstigkeiten Raum? Zuweilen geht es in diversifizierte Diskurse, in anspruchsvolle Interpretationen und Kompilationen, in etwas abseitigen Blogwelten wie tumblr gibt es produktiv vermehrte Erzählungen, von menschlichen Poeten nicht von Bots. Doch welchen sozialen Kontext verlangt solche Poesie? Sie braucht andere Orte und Kommunikationsweisen – weg von naiver Info- und Web-Gläubigkeit, ohne Möglichkeiten zu stark zu beschneiden. Und vermutlich braucht es dafür neues Web, andere Tools, die nicht übermäßig auf pausenlose Abhängigkeit von Servern oder Schaltstellen in wenigen Händen bauen.

Doch nicht nur um die Rezeptionsbedingungen geht es: Zwischen Professionalisierung, Ökonomie und Prekarität, Content und Form dräuen zunehmenden Monopolgeschäfte und weiteren Feudalisierungen. Deswegen müssen parallel neue Arten der Finanzierung genauso her wie neue Lebensweisen. Nicht sofort müssen wir an Kapitalgesellschaften denken: Von „Free Software“ kann es eventuell zu „Public Content“ aus Initiativen heraus gehen, mit bezahlten Recherchen, selektiven Geschäfte für Berichte, die sich um spezifische Orientierungen. Ausserdem sind andere, lockere und marktferne Institutionen denkbar. Zwischen der plötzlichen Kraft von Bewegungen und anspruchsvollem Indymedia stellen sich Fragen der Institutionalisierungsformen: Hier ist wirklich Kreativität gefordert. Schließlich lassen sich öffentliche Finanzierungen nach Art der GEZ denken, etwa von neuen Nachrichtenagenturen, die organisiert wie Sozialverbände regionale Bindungen haben.

Allerdings steht derartige Utopien immer auf der Kippe, denn eine Art “nihilistischer Pragmatismus” beherrscht gegenwärtig viele Erwartungen, unterfüttert von einer Medien-Öffentlichkeit generalisierter Brandings und indifferenter Hypes. Deswegen muss sich ein subversives Konzept von Öffentlichkeiten etwa gegen den undifferenzierten Begriff von „Wissensgesellschaft“ wenden, der eher als „Ideologie“ fast das Gegenteil des Beanspruchten kultiviert, nämlich allseits bereite „professionalisierte User“.

Jedoch haben es gerade „Linke“ in ihrer marginalisierter Sprechposition schwer mit diesen Umständen, obwohl sie sich doch gerne als natürliche Kraft kritischer Öffenlichkeit verstehen. Ihre Stellung bringt jedoch selbst Ohnmacht und Nihilismus mit sich, und sie folgt sogar meist dem herrschenden iEgo. Nix mit “Solidarität”, die eher als Kampagnenparole oder romantisches Erinnern bleibt. Die Realität drückt sich in Gruppenabschottung, als Opportunismus und Trägheit aus, meist ohne ernsthaftes Interesse am medialen Umbruch – zu groß scheint die Herausforderung quer durch den ganzen Alltag.

Ausbruchsgesten gegenüber diesen Umständen und Attituden, begleitet von mehr Aufmerksamkeit für das geschilderte Geschehen kann vielleicht anregende Spielarten von Gegenöffentlichkeit fördern. Neben dem breiten Anspruch für öffentliche Förderung unabhängiger Nachrichtenagenturen stellt sie vielleicht ein Klima kritischer Zivilgesellschaft über eigene “Web-Milieus” her. Nach Art der “free software” entwickelt, könnte eine neue Software-Infrastruktur Selbstverständigungen und Community-Bildung, kulturellen Inverventionen  von Videos bis Web-Kunst, lokalen Nachrichten wie globalen Bewertungen einen Nährboden mit einem gewissen Korpus geben. Das wäre ein dichter verwobenes Netz von Sites, z. B. unter Tumblr, die einen heterogener Raum von Interpretationen, Blogs und Bildern bauen. Mit seiner freien Zugänglichkeit, vielen Ein- und ausgängen könnte dieses Web-Milieu gleichzeitig eine mediale Attraktivität ausstrahlen, die zu den großen kommerziellen Portalen oder Zeitungen einen Gegenpol bilden.


47 Kommentare zu “Öffentlichkeit zwischen politischen Journalen, Infotainment und Web-Hypes”

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