Frankfurter Gemeine Zeitung

Hausbesetzung und Psychoanalyse

Die kurzzeitige Besetzung des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts durch Studenten des „Instituts für vergleichende Irrelevanz“ (IvI) wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die Verhältnisse an deutschen Universitäten, sondern auch auf die gegenwärtige Situation der Psychoanalyse überhaupt. Das Gebäude des von Alexander Mitscherlich gegründ eten Institutes konnte nur besetzt werden, weil es seit mehr als eineinhalb Jahren leer steht, um ab Sommer mit Mitteln des Landes Hessen renoviert und erweitert zu werden. So großzügig der Geldgeber hier auftrat, die baulichen Maßnahmen sind ein Danaergeschenk. Denn die 5 Millionen Euro, die das Land dafür bereit stellte, waren vorher verknüpft mit einer 40 % Kürzung der Mittel für die wissenschaftlichen Mitarbeiter auf schließlich ca. 400.000 Euro pro Jahr. Gab es in den achtziger und neunziger Jahren noch mehr als 20 feste wissenschaftliche Mitarbeiterstellen, so ließen sich nun damit kaum fünf von ihnen finanzieren; ihre Zahl wird sich weiter reduzieren müss en, da die Personalmittel auf diesem Niveau eingefroren wurden.

Zur gleichen Zeit wurde das Institut mit Teilbereichen seiner Forschung zwei hessischen Universitäten angegliedert und ist seither weitgehend auf das Einwerben von Drittmitteln angewiesen. Drittmittelgeber und Universitäten aber , im „Würgegriff der Ökonomie“, legen Forschungen weitgehend auf Betriebswirtschaftlichkeit und auf Standards der Naturwissenschaften fest. Resultate haben sich durch „Objektivität“, durch von Jedermann nachvollziehbare und überprüfbare Aussagen auszuweisen. Das „erledigt“ jedoch jegliche Spezifität der Psychoanalyse und damit ihre Forschungsfreiheit und gesellschaftskritische Ausrichtung. Was die Arbeit des Instituts in Zeiten der beiden Mitscherlichs, Richters u.a. gekennzeichnet hatte, sollte nun der „Objektivität“ weichen, wie sie ihr z.B. vom Neurowissenschaftler Kandel anempfohlen worden ist. Wer das jedoch zu Zielvorgaben der Psychoanalyse macht, der hat ihr Wesen und ihren Erkenntnisreichtum nicht verstanden. Warum?

Das in Psychoanalyse Erfasste betrifft Erfahrungen menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens, das aus triebhaften Wünschen, Prägungen und Hemmungen hervorgeht, wie sie sich im V erlaufe unserer Biografie herausbilden. Das ist höchst individuell und unvergleichlich. Keinesfalls kann es durch eine für jedermann nachvollziehbare Erkenntnismethode herausgefunden und dargestellt werden. Denn jene inneren Bildungen sind 1. weitgehend unbewusster Natur und werden 2. – was noch häufiger übersehen wird – nicht vom einzelnen Individuum allein zustande gebracht werden. Von Anfang an, beginnend mit intrauterinen Erfahrungen, sind wir gesellschaftliche Wesen. Immer gründet unsere höchst privat erscheinende Psychologie in Interaktionen mit uns erer Umwelt, in den Eigenheiten unserer Beziehungsobjekte, die mit dem, was wir unsere Triebe, unseren Charakter, unser Weltwissen nennen, wesensmäßig amalgamiert sind. Als solchermaßen sozialisierte Wesen haben wir uns die Anderen und deren Erwartungen regelrecht einverleibt (!), wie immer jene beschaffen, wie gewalttätig, verrückt oder normal sie auch immer waren und sind. Was wir davon ausleben, sind Re-Inszenierungen dieser jeweils ganz eigenen „Or ganismus-Umwelt-Beziehungen“.

Das hat unweigerlich Konsequenzen für die analytisch-klinische Forschungs- und Behandlungsmethode. Denn nur auf die nämliche Weise, auf die sie durch Interaktionen hervorgebracht werden, können unsere leib-seelischen Strukturen auch wieder sichtbar gemacht und verstanden werden. Psychoanalyse ist, wie der Frankfurter Psychoanalytiker Lorenzer das nannte, ein Verfahren zur Untersuchung von spezifischen I nteraktionsformen. Die sich zwischen Analytiker und Analysand entwickelnde Beziehung wird zu dem Beziehungsraum, der unsere triebhaften Wünsche, Erinnerungen, Hemmungen und vor allem dann deren „Lehrmeister“, die vergangene und gegenwärtige Umwelt als zugleich kulturelle Phänomene sichtbar machen kann. Das war Freuds große Entdeckung: er entwickelte eine Methode, die das sich zwischen Menschen ereignende Geschehen als Ausdruck der früheren Verhaltensprägungen darstellen und verstehbar mac hen kann. Und zwar auf dem Wege sich hier ereignender Projektionen und Identifizierungen, Mitgefühl und Abstand konnte es sich in Verhaltens- und Sprachäußerungen äußern oder, wie es psychoanalytisch heißt, in unbewussten und bewussten Übertragungen und Gegenübertragungen erlebbar machen.

Das ist das „Mikroskop“, so und nicht anders bekommen wir unsere Prägungen und die Prägen den zu fassen. Hier gelingt es dann auch, innere Rückwirkungen auf gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich die Ausbeutung oder Missbrauch unseres leibseelischen Lebens durch Gesellschaft aufzudecken. Und das übrigens eher langsam und sehr mühsam. Das gelingt also nicht am Schreibtisch in Universitäten oder im Labor, sondern in Gruppen- und in Einzelanalysen. Akademische Psychologie mit ihrer Statistik, ihren Fragebögen, ihrer völligen Vernachlässigung des Unbewussten, sowie besonders die Verhaltenstherapie erfassen das a priori nicht, ja sie stehen im Dienst e der Beseitigung dieser Erkenntnismöglichkeiten und liefern noch die Ideologie dazu. Das gilt schließlich ganz besonders für die Hirnforschung mit ihrem megalomanen Reduktionismus, ihren kühnen Behauptungen und Theorien, die sie oft nicht einmal selbst erarbeitet, sondern gerade der Psychoanalyse entlehnt haben.

Nicht wenige gerade auch in der Forschung und den Universitäten tätige Analytiker betrachten dies als so ernsthafte Bedrohung der Freudschen Lehre, dass sie die Rettung vor dem befürchteten Untergang in der Gründung eigener Kompromiss-Disziplinen wie „Neuropsychoanalyse“ suchen. Sie suchen sich mit den Gegnern, ja oft Feinden der Analyse zu arrangieren, um dabei – willentlich oder unwillentlich – Kernbestände unserer Lehre aufzugeben. Aus Freud-Instituten drohen so Institute für analytische Irrelevanz zu werden.

Indem die Psychoanalyse das „Unbehagen in der Kultur“ in den menschlichen Beziehungen und Institutionen sichtbar macht, zeigt sich das systemkritische Potential ihrer Behandlungsmethode. Genau damit stellt sie immer auch die Systemfrage. Das ist der zentrale Punkt, warum sie bekämpft und zur Disposition gestellt wird, gerade auch von Seiten der Politik. Deshalb wird sie, a nstatt ihre enormen Möglichkeiten der Erkenntnis gesellschaftlicher Konflikte umfassend zu fördern und dann zu nutzen, zunehmend an den Rand gedrängt. Weniges macht das deutlicher als das Schicksal des Frankfurter Sigmund-Freud-Institutes. Die jungen Leute vom IvI haben das, wie ihren Presseerklärungen zu entnehmen ist, erkannt und durch ihre Aktion öffentlich deutlich werden lassen. Dafür kann man ihnen nur dankbar sein und sie unterstützen.

Dr. med. W. Leuschner
ehem. stellvertr. Leiter des Sigmund Freud Instituts


Ein Kommentar zu “Hausbesetzung und Psychoanalyse”

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