Frankfurter Gemeine Zeitung

Tatort Riederwald: Zornige Fahrgäste bewerfen RMV-Bus mit Kieselsteinen

Wie kann es kommen, dass heute Abend kurz nach 18:00 Uhr Fahrgäste, meist Pendler, die auf dem Weg nach Enkheim bzw. zum “Park-and-Ride-Parkhaus” in der Borsigallee in Frankfurt am Main waren, mindestens einen leeren Nahverkehrsbus mit Kieselsteinen bewarfen, nachdem sie die U-Bahn verlassen mußten? Es muß schon viel passieren, dass bürgerliche RMV-Fahrgäste so in Rage geraten, dass sie ihren Unmut derart Luft machen. Hier die Einzelheiten:

Die städtische VGF (Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main) hatte als Betreiberin der U-Bahnlinien 4 und 7 beschlossen, heute ab Ende des abendlichen Berufverkehrs, präzise ab 18:00 Uhr, den U-Bahnverkehr zwischen der Haltestelle Schäfflestraße und der Endhaltestelle in Frankfurt-Enkheim einzustellen. Hilfsweise sollte auf diesem Streckenabschnitt ein Bus-Ersatzverkehr (korrekter: Schienenersatzverkehr) eingerichtet werden.

Kurz nach 18:00 Uhr fuhr eine U-Bahn der Linie U7 in die vorübergehende Endhaltestelle Schäfflestraße ein. Der Fahrer dieser U-Bahn machte beim Einfahren in die Schäfflestraße keine Ansage zum Bus-Ersatzverkehr. Eine Augenzeugin berichtete, welche die U-Bahn in der Schäfflestraße wie alle anderen verlassen mußte, dass die Fahrgäste lediglich ein Schild vorfanden: Eine Ersatzhaltestelle sei in der Hänischstraße eingerichtet worden. Aber Hinweise oder Hinweispfeile zur Orientierung fehlten gänzlich. Wo die Hänischstraße liegt, können nur Ortskundige wissen, führte die Pendlerin weiter aus. Aber ortskundig sind die allermeisten Fahrgäste, wie die Beschwerdeführerin Pendler von außerhalb, nicht. Näheres Nachsehen an der U-Bahnhaltestelle zeitigte keinen Erfolg. Das Anklopfen an der Glasscheibe zum U-Bahnfahrer brachte auch kein Ergebnis. Was nun, was tun? Die Fahrgäste machten sich voller Unbehagen zu Fuß in U-Bahnfahrtrichtung auf, um irgendeine Ersatzhaltestelle doch noch zu finden.

Stellen Sie sich bitte vor, ein Riesenpulk von Menschen macht sich von der Schäfflestraße ausgehend auf den Weg Richtung Haltestelle Gwinnerstraße – an der Straße “Am Erlenbruch” entlang. Wie an der Verkehrsdichte und der Massenbewegung unschwer zu erkennen ist, war der Berufsverkehr an diesem Freitagabend kurz nach 18:00 Uhr jedenfalls doch noch nicht zu Ende, jedenfalls nicht im Bereich der U-Bahn-Haltestelle Schäfflestraße. Was für eine Überraschung. Teilweise wurde der Straßenverkehr durch diese Menschenwanderung deutlich behindert. Auf jeden Fall war dieser Marsch für die RMV-Fußmarschierer nicht ganz ungefährlich.

Als ein Leer-RMV-Bus sich dem Riesenpulk näherte, versperrte man zunächst die Fahrbahn. Der Busfahrer gab nach Nachfragen an, er wäre auf dem Weg ins Depot und hätte Feierabend. Die nächsten vorbeifahrenden leeren Busse sollten aber nicht so viel Toleranz erfahren: Die Menschen waren inzwischen heftigst erbost über solch einen Bus-Ersatzverkehr. Kein Bus hielt an, so dass sie anfingen, mindestens einen RMV-Bus mit Steinen zu bewerfen…

Ich frage mich, sind RMV-Pendler Menschen zweiter Klasse, dass man sie so behandelt? Oder sollte ich mich vielmehr fragen, ist der miserabel für die VGF organisierte Schienenersatzverkehr die gerechte Strafe dafür, dass man in Hessen in einer Volksabstimmung mit Zweitdrittelmehrheit für die Schuldenbremse als Neueintrag in die hessische Landesverfassungvotiert hatte? Was meinen Sie?

Hintergrundinfo zum Schuldenbremsenstatement: Stellen Sie sich bitte vor, angesichts der – politisch bedingt – immer kürzer gehaltenen kommunalen Haushalte sind die Kommunen zu immer größeren Einschnitten gezwungen. Bei einer immer kleiner werdenden Einnahmeseite muß gespart werden, wo es nur geht. Folgen sind die kurzfristigen Befreiungsschläge durch den Verkauf kommunalen Tafelsilbers; man versucht sich in allen möglichen, kurzfristig orientierten Sparmaßnahmen. Von letzteren ist auch die städtische VGF betroffen, die noch einige Buslinien in Frankfurt betreibt. Der Rest der frankfurter Buslinien wird von Privatunternehmen betrieben. Private Busunternehmer zahlen weniger Lohn und kalkulieren knapper mit den Personalressourcen; das ist billiger. So ist es dann durchaus verständlich, dass die weniger gewordenen Busfahrer und sonstigen Mitarbeiter der VGF – auch die VGF kalkuliert mit einer zu dünnen Busfahrerdecke und spart am und beim Personal, wo sie nur kann – immer unzufriedener werden und sich manchmal an falschen Stellen ihr Mütchen abkühlen.

FDP, SPD, CDU und die Grünen haben in wechselnden Koalitionen, aber dennoch stetig, in den letzten Jahrzehnten das Finanzfundament der Kommunen bundesweit ausgehöhlt und untergraben. Die von diesen Parteien in Hessen durchgesetzte Schuldenbremse treibt die Kommunen in den finanzpolitischen Selbstmord, was die öffentliche Daseinfürsorge angeht. Zu letzterer rechnet man den öffentlichen Personennahverkehr. Hiervon ist auch der öffentliche Personennahverkehr im Osten Frankfurts wie im Bereich der U-Bahnlinien 4 und 7 betroffen, die normalerweise heute Abend bis zur Endhaltestelle Enkheim fahren würden.


4 Kommentare zu “Tatort Riederwald: Zornige Fahrgäste bewerfen RMV-Bus mit Kieselsteinen”

  1. Hohn und Spott

    Ach, so hab ich lang nicht mehr gelacht!
    Vom offentsichtlichen “leck-mich” seitens des VGF mal abgesehen, offenbart dieser Marsch des Wutbürgers einen vollständigen Mangel an Zivilcourage! Nicht nur dass scheinbar niemand mehr in der Lage ist den ausgehängten Stadtplan zu lesen (zugegeben: manchmal ist das Ding in der Ecke einfach mal wieder geklaut worden), nein – es hatte auch sicher keiner der Pendler ein Smartphone dabei. Ihr wisst schon: die Angeberhandys, die sonst bei jeder Gelegenheit rausgeholt werden…
    Eine Straße direkt um die Ecke läßt wohl noch finden, wenn sich ein mutiges Schaf aus der Herde traut!
    Aber lieber nicht aufmucken, ein Sündenbock ist sicher gleich zur Stelle. Irgendwer muss ja Schuld sein. Dass die öffentlichen Kassen selbstverständlich keine ordentliche Schulung mehr her geben und auch ein “Mensch dritter Klasse” mal Feierabend haben will, da kann man ja drauf sch*****! Schließlich brauchen wir alle jemanden auf den man herabblicken kann. Das ist ganz wichtig.
    Also wird zu altbewährten Mitteln gegriffen: der Mob ist die Macht!
    Anstatt durch die nebenbei wunderschönen Riede in Richtung Gwinnerstraße zu pilgern und ein lustiges Liedchen zu singen (nach Enkheim sind es gerade mal geschätze 2,5 km), schmeißt man lieber Steinchen.
    Bravo! Bravo! Bravo!
    Und morgen beim Frühstück über dumme “Autonome” hetzen. Oder am Montag, auf der Arbeit -spätestens…
    Ganz schlechter Aufhänger für ein politisch berechtigt hinterfragbares Ergebnis einer Abstimmung.

  2. Bernhard S.

    Lieber Hohn und Spott,

    Danke für Deinen Beitrag. Ich finde die Begebenheit sehr diskussionswürdig. Es offenbaren sich vielschichtige Perspektiven, aber vielleicht gibt es noch weitere Diskussionsbeiträge…

    Ich finde das ewige folgenlose bürgerliche Herummeckern als extrem belästigend. Insoweit empfinde ich die spontane Reaktion als ersten positiven Schritt. Man tut irgendetwas. Und schon sind wir bei der Schwäche des Protests, dem ohnmächtigen Wutausbruch. Aber vielleicht ist das ein erster Schritt Richtung dauerhaften politischen Zorns.

    Demokratie lebt von persönlichen dauerhaften Mitmachen und nicht vom Wahlzettel abgeben. Wer total erledigt ist vom kapitalistischen Ausbluten, hat nur wenig Kraft. Trotzdem ist es erste Bürgerpflicht, sich etwas und irgendwie zu engagieren. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt…

  3. Bernhard S.

    Zusatz-Infos: Wie ich gestern noch erfahren habe, gehörten die weiteren Leerbusse zum Schienenersatzverkehr. Die Stillegung und der Ersatzverkehr waren/sind wegen Wartungsarbeiten erforderlich. Man hatte Zeit, Aushänge an der Schäfflestr. sorgfältig zu gestalten (nicht nur ein mangelhaftes Alibi-Schildchen). Gleiches gilt für die andere Endhaltestelle des Schienenersatzverkehrs U-Bahn-Endhaltestelle Enkheim. Dort irrten nach Auskunft eines Busfahrers ebenso Fahrgäste durch die Gegend.

    @”Hohn und Spott”: Forderst Du jetzt Smartphones für Pendler? Mit vollem Internetzugang – insbesondere an der Schäfflestraße?

  4. Hohn uns Spott

    Also gefordert hab ich hoffentlich gar nix… und Smartphones sowieso nicht. Einfach nur etwas mehr Verständnis für “Kismet” reicht doch schon. Und vielleicht jamanden der/die sagt: “Hey ich weiß, was wir jetzt machen, Mitbürger” (;

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