Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Rundbriefe – März 2013

Es geschieht derart viel in dieser Stadt, dass leicht der Überblick verloren gehen kann. Deshalb soll von nun an immer zu Monatsbeginn eine kleine vollkommen parteilische Auswahl von Ereignissen kolportiert werden, begleitet mit kleinen Überleitungen, die den vielen Einzelereignissen einen Zusammenhang geben.

Die Staatsmacht in dieser Stadt lässt nichts unbeachtet, was geeignet sein könnte, eine auch nur latente Bedrohung der Menschen in dieser Stadt vermuten zu lassen. Um fast jeden Preis muss der Eindruck erweckt werden, dass sich hier alles versammle, was nichts weiter im Sinn hat als den Frankfurter*innen ihren Alltag beschwerlich zu machen. Ein permanenter Belagerungszustand wird angedeutet und wie zu Zeiten der preußischen Besatzung sind Grüppchen über vier höchst verdächtig, die Verabredung zur nächsten Straftat liegt nahe.
Argwöhnisch schleicht sog. Sicherheitspersonal durch die B-Ebenen, die Hand am Sprechfunkgerät, die andere am Spray oder Knüppel, resozialisierte, stolz auf ihren Auftrag, froh über irgendeinen Job, der sie vermeintlich in die Mitte rückt. Und um anzuzeigen, wie groß doch die Gefährdung ist, rückt dann die militarisierte Gewalt an, um dem Spuk von Anfang an ein Ende zu bereiten. Es wäre lächerlich, erzeugte es nicht ein Unwohlsein, denn sie sind eine reale Bedrohung, diese Art von „Ordnungshütern“, die sich da zeigen. Und wir haben es in Bornheim erlebt, dass der Weg nach Hause sehr wohl über einen Aufenthalt in der Notfall-Ambulanz gehen kann.
Der Eindruck, dass sich der bewaffnete Arm der Staatsmacht so langsam aber dafür umso konsequenter zu einer Besatzungstruppe mausert, ist nicht so weit hergeholt, da hilft nur, sich zunächst einmal nicht beeindrucken zu lassen und das, was noch an öffentlichen Plätzen in dieser Stadt vorhanden ist, nach eigenem Gutdünken zu nutzen. Dies beinhaltet nicht nur politische Veranstaltungen, weil mittlerweile jeglicher Aufenthalt, der nicht direkt dem Konsum dient, unterbunden werden soll.
Natürlich kann alles mögliche aus einem lockeren Zusammentreffen sich ergeben, eine Kneipentour, ein Club-Abend, eine Kundgebung, eine Hausbesetzung. So ist denn auch genau zu beobachten, wer da mit wem – und prophylaktisch erstmal zu untersagen. Die Bürger*innen müssen solchen Meinungsäußerungen ausweichen können und das geht am besten, wenn sie gar nicht erst zugelassen werden – und wenn dazu die B-Ebenen in Hochsicherheitszonen umgewandelt werden müssen, so soll es eben so sein, wenn es denn der eigenen Sicherheit dient.
Damit hier keine Verwechslung möglich ist: öffentliche Plätze unterliegen zuerst der öffentlichen Kontrolle und deren Vollstrecker bestimmen, was adäquat und was missbräuchlich. Daher ist es auch vorausschauend, möglichst viele kommerzielle Spektakel auf ihnen zu veranstalten, dann kann dort nämlich nicht demonstriert werden (wer spricht denn hier von Privatisierung?).
Nicht nur scheint der hiesige Ordnungsdezernent etwas nervös und leicht zu beeindrucken zu sein, da flegelt auch ein hessischer Innenminister in Wiesbaden herum und freut sich über jede Gelegenheit dem Frankfurter Pack eins auszuwischen, ist ja nicht mal sicher, ob er sein Direktmandat gewinnen kann. Da gilt es auf der rechten Seite soviel Pluspunkte zu machen wie möglich. (setzt voraus, dass da noch jemand weiter rechts steht)

Zum Trauerspiel entwickelt sich auch und zunehmend die Frankfurter Universität, trotz – oder besser wegen – der ganzen Exzellenz-Cluster und ähnlichem Spektakel, mit dem neoliberale Bildungsvorstellungen und Forschungsaufträge daher kommen. Damit der Mittelbau auch frühzeitig weiss, wo es lang zu gehen hat, werden sie staatlicherseits auf Sparflamme gesetzt und dürfen in die diversen Industrie-Ärsche kriechen, um die paar Cent für ihre Vorhaben zusammen zu kratzen. Nun ja, das heisst, für das Leben zu lernen. Da sie nicht vorhat, die verfasste Studierendenschaft und gar selbstbestimmtes Lernen noch länger auf ihrem Gelände zu dulden, unterdrückt sie auch jede Regung, die in dieser Richtung sich bewegt und hat wiederum in jenem Politdarsteller in Wiesbaden den richtigen Fürsprecher, der sofort die bewaffnete Staatsmacht mobilisiert. Besetzungen, selbstverwaltete Institutionen, Schnee von gestern – und lenken ab vom Regelstudium.
Wie man das macht und wie Erfolg aussieht, das können sie nebenan im Palmengarten begutachten. Hier feiert Wilhelm II. fröhliche Auferstehung und der Frankfurter Zukunftsrat hat endlich ein adäquates Zuhause, inklusive Zeremonienmeister und Auffahrt. Ob es nun jedermanns Sache ist, Frau von Plottnitz im Tutu zwischen den Tischen tänzeln zu sehen, na ja.
Aber eine Gastdozentur für den Haushofmeister sollte schon eingerichtet werden.

Dafür müssen sich die einst viel gepriesenen freien Initiativen jetzt erstmal kräftig bescheiden, denn der Etat für Kultur ist da wohl zunächst erschöpft und auch die Höchster dürften ihren Bolongaro-Palast weiter von aussen betrachten oder vielleicht dem grossen Zampano anbieten, damit sie wenigstens einen Biergarten bekommen.
Dass auch bereits etablierte Grössen erleben, dass Zapfenstreich ist, hat Michael Quast erfahren, im angepeilten Paradieshof in Sachsenhausen kommt jetzt das lukrative gehobene Wohnen, da darf er natürlich auch einziehen, aber nur mit Familie,, womit nicht sein Theater gemeint ist. Ja auch hier gibt es Prioritäten, vielleicht gibt ihm die ABG ja Räume auf dem MAN-Roland Gelände in Offenbach, das wäre dann so etwas wie regionale Entwicklungshilfe und brächte Kultur in diesen vernachlässigten Landstrich, besonders wenn es gelingt all die dorthin zu verfrachten, für die in Frankfurt eben kein Platz mehr ist.

Die dringende Empfehlung, sich dort nach gefördertem Wohnraum umzutun, geht an die Bewohner*innen des Mainfelds in Niederrad. Schon während er letzten Zwangsräumung dort hat man die Leutchen nach Oberrad geschickt, Offenbach ist natürlich noch besser.
Sind wir schon wieder bei den Hausbesetzungen. Finden ja viele nicht ganz so schlecht (aber friedlich, gell?), unterstützen es vielleicht, so klammheimlich, haben aber leider viel zu wenig Zeit, um sich weiter damit zu befassen. Macht die Räumung natürlich umso leichter, selbst wenn man das ganze Viertel prophylaktisch abriegeln muss.

Ansonsten ist es bewundernswert ruhig in der Stadt, die Zeil macht Umsatz wie gehabt, überall entsteht das schöne neue Frankfurt. Altstadt, Hauptwache, Gallus, EZB, Maintor, Europa-Viertel, Kulturcampus, für jeden etwas. Die Leuchttürme versperren sich gegenseitig die Aussichten – und uns das Luftholen.

Und dieses neu Frankfurt hat die Produktivkraft „Protest“ entdeckt; die Consultants freuen sich bereits auf Blockupy im Frühling und bieten allerlei Hilfreiches für diese Tage. So füllt man Auftragsbücher. Der gute Rat an die Herren und Damen des gehobenen Bankwesens: bleibt zu Hause ist da nicht gefragt, denn er ist umsonst – ausserdem ist ein Brückentag, na dann. Immerhin, alles bietet in dieser Stadt eine neue Perspektive und wem es zu ruhig ist, kann montags auf den Flughafen.


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.