Frankfurter Gemeine Zeitung

Freude in SPD: Ehrlichkeit vor der Bundestagswahl – endlich Agenda 2020!

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Nun ist es endlich klar. Die SPD ist eine Partei, die nicht mehr hinterm Berg hält, wirklich klare Kante macht, sozusagen. Das im Vorwahlkampf, das kommt rüber, schafft es in allen Medien auf die erste Seite: Wir sind ehrlich!

Sie agierte zuerst mutig gegen eine jahrelange Zurückhaltung, die populistische Kreise von Verlierern gegen offensives Bankgeschäft schürten, und kürte einen leibhaftigen Bankberater zum Kanzlerkandidaten. Nun macht der alte Tanker SPD den zweiten Zug und weiter geht´s in Richtung “Gerechtigkeit“.

Ihr Drittkandidat Steinmeier, Ex-Adlatus des rot-grünen SPD-Kanzlers Schröder sprach nämlich endlich aus, was alle klar Denkenden im Land der Sieger fühlen: Agenda muß sein!

Nur damit kann Deutschland ohne die Euro-Krisen-Mutti Merkel im ganz großen Wettbewerb bestehen.

Rauf mit Leistungsträgern, runter mit Schmarotzern. Eine neue Agenda steht auf der Agenda, da mögen die Weicheier und Gutmenschen noch so greinen.

Den DAX auf 10.000 kriegen wir nur mit einer Agenda 2020, und bis dorthin helfen erfahrene Agenda-Profis und Consultants im Investment-Banking. Und die finden wir bei der SPD!

Die Leute dort wollen schließlich auch nen gut dotierten Job, und nicht immer die anderen.


Presserundschau: Kurzer Blick in die Öde

Die erste Woche ist rum, und kaum jemanden interessiert es noch: die Frankfurter Rundschau unterm neuen FAZ-Monopol. Vielleicht passt es einfach gut in die deutsche Medienlandschaft. Vor gerade einer Woche verkündeten die grinsenden Chefredakteure von FAZ, FNP und FR, dass in der Rundschau weiter „linksliberal“ veröffentlicht werde. Das vermeintlich Linksliberale der Rundschau wird in Zukunft nur noch mit einem kleinen Stamm Kernredaktion erledigt, der Hauptteil mit Leiharbeit und sogenannten Freien. Letztere sind leicht zu drücken, weil eh eingeschüchtert und wohl ein Stück weit bereits das, was für die Produktion beliebiger, billigster „Schnipselnachrichten“ inzwischen „Contentfarm“ heißt. Vermutlich wird es für den linksliberalen Auftritt eh egal sein.

Sehen wir mal nach, was sich letzte Woche sonst noch im linksliberalen Rest der Zeitungslandschaft der Republik tat. Dadurch werden wir vielleicht sensibler für das linksliberale Sprech. Hauptthema natürlich ein Pop-Ereignis, die Stärke nationaler Kultur durch Verleihung von US-Oscar: ist der Star Waltz nun doch echt deutsch, oder eigentlich Österreicher? Fühlt sich ein Wertekonservativer wie Waltz eventuell dem Anschlußgedanken nah? Lassen wir´s.

Realpolitisch bis an die Wand geht es bei den Grünen ab. Gegenwärtige öffentliche Jubelgesänge um Merkel werden verstärkt durch eine grüne Stimme: Ihr Leitorgan taz stimmt darin ein und fordert vehement schwarz-grün für Berlin. Wie soll sich sonst noch echte grüne Politik durchsetzen, fragt ihr Chefreporter zeitgeistig?

Weltsicht in linksliberalen Redaktionen

Nun, geschenkt, kommen wir zu echten Alleinstellungsmerkmalen linksliberalen Journalismus, quasi ihrem kritischen Kerngeschäft. Solches wallte jetzt mit der Schweiz als Vorbild hoch, in der sich das reiche Volk vermeintlich mutig den überzogenen Bankerboni entgegen stemmte. Nach dem Motto: wenn schon die Habenichtse nicht einschreiten, müssen ihnen die Habewasse die echten Werte demonstrieren. In diesem Sinn stimmte eine Zweidrittelmehrheit in der Schweiz für die Justierung der Vorstandsboni durch Aktionärsversammlungen ihrer Company.

Das linksliberale Flaggschiff Süddeutsche (Heiratswunsch: FR) konnte sich angesichts dieser Wahlentscheidung nicht verkneifen, auf die typisch deutsche “Neidgesellschaft” zu verweisen, die am Ende anderen keinen Reichtum zugestehe. Vermutlich äusserte sich darin aber eine Ur-Münchner Angst, der BMW vorm Haus oder ihr Stammsitz in der Nähe könnte einen Kratzer kriegen.

Noch linksliberaler gerierte sich um den Schweizer Pupser dagegen der Freitag, der in reichlich naiver Weltsicht gar ein “Wende” im Neoliberalismus aufziehen sieht. Vermutlich nach dessem fünftem Ende die zehnte Wende, aber richtig spüren tut man das Ableben der Maximum Profit Gesellschaft noch nirgends.

Boni und Shareholder

Was genau wird hier linksliberal bejubelt? Die Gerechtigkeit und Weitsicht der Aktieneigner soll abgeblich die private Ertragsgier ihrer Chefbeschäftigten, dem Vorstand beschränken. Man schaut sich verblüfft um, denkt sich eine Aktionärsversammlung mit den Größen aus der Finanzwirtschaft, zwischen Allianz und Deutscher Bank, Goldman Sachs und Blackstone, genau sie sind Entscheider über solche Dinge. Dazwischen vielleicht noch Herr Plattner oder jemand aus der Familie Quandt. Vor ein paar Jahren war solche Eintracht noch über den Begriff „Shareholder Value“ in aller Munde.
Es geht diesen Clubs um Cash Flow, möglichst viel, eben wie den Boni-heischenden CEO´s. Ein ganzes Korps und sein Geist um Cash Flow tritt bei solchen Veranstaltungen auf: und wieso sollten die sich denn untereinander als Wadenbeisser profilieren? Ein CEO, der sich hier nicht recht zugehörig fühlt, vielleicht gar nur 10, 20 Millionen privat dirigieren kann, dessen Status zuweilen deklassiert wird, funktioniert auch schlecht bei der nächsten „Sanierung“ seiner Company.

Eine wichtige Anmerkung zum Umfeld solcher Entscheider und Leistungsträger liefert die Wirtschaftsredakteurin der taz, die anders als der Rest deutscher Wirtschaftsredaktionen nicht bloß als billige Veröffentlichungsinstanz der Deutschen Unternehmen fungiert. Sie fragt nämlich zur Parallelveranstaltung „Präsentation des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“ nach, was wir denn über die Reichen, die Entscheider im Lande erfahren, wo wie doch über die Armen bis auf das letzte Cent alles wissen?

Arme Shareholder?

Warum solches zusammen mit den Boni interessiert? Weil sich unter diesen einige derer tummeln, die als Aktionäre die Wege der Firmen bestimmen, also ein besonderer Teil des oben genannten Korps. Schauen wir uns mal eine reiche Aktionärsfamilie aus dem Frankfurter Raum an, richtige Erben, die nicht Oma´s Häuschen sondern gut 35 Prozent von BMW erbten. Beläuft sich momentan auf 15, 16 Milliarden Euro für die 3 Haupterben, immerhin. Rechnen wir ein Stück weiter, auf die Ausschüttung 2012: wohl um die 3,5 Prozent. Frau Klatten, die Frontfrau von Quandt bei BMW kann sich deshalb allein auf eine Dividendenzahlung von 150 bis 200 Millionen freuen, und zwar allein in diesem Jahr 2012 und nur für dieses Aktienpaket, das bloß einen Teil ihres Vermögens betrifft.

Angesichts solcher Zahlen mächtiger Vermögender und ihre Erträge werden Ansprüche aus der Sicht führender Angestellter fast verständlich, auch für uns Habenichtse: was sind denn 2 Millionen im Jahr für einen Vorstandsposten: gerade 1 Prozent Gehalt fürs Rackern um den Umsatz gegenüber 200 Millionen aus dem bloßen Nichtstun der Erbin. Und nicht einfach „Neid” zwischen „Leistungsträgern“ funktioniert hier als Antrieb der Geschäftsführung, sondern ihre Motivation, Status und Ansprüche an Korpsgeistes: er hält das ganze Geschehen der Profitgenerierung zusammen, auch wenn unsere Presse nichts von Schicht oder Klasse ums Korps herum wissen will.

Ganz klar, dass sich CEO´s nicht überwältigen lassen und Ohnmacht gegenüber den Eigentümern empfinden möchten. Solche Gefühle sind eher bei ein paar neidíschen Assis angemessen, die einfach nicht den Dreh kriegen.

Wirklich bemerkenswert, dass unsere Qualitätsmedien genau diese Machtverhältnisse rund um Vermögen, die Steuerungsinteressen hinter den Kapitalzentralen nie darstellen. Sie, besonders die UHNWI sind auf eigentümliche Weise regelrecht öffentlich immunisiert.  Diese global gut 60 Tausend Personen dirigieren etwa 40 Tausend Milliarden Dollar, bald das 100fache des deutschen Bundeshaushalts. (siehe) Die Macht dieses Korps tritt nur manchmal in den USA hinterm Vorhang hervor.

Freude im DAX und den Redaktionen

Zum Abschluß solcher Bewertung passt die Freude der deutschen Redaktionen über den DAX-Höhenflug und die mitgelieferten Erklärungen dazu, sie ging quer durch die Presselandschaft. Nach der Krise ist er wieder auf die Spitze von 8000 hoch geschossen, wer möchte denn da auf die Bremse treten? Höchstens noch kranke Staaten.

Tja, warum die Wertexplosion der Konzerne? Laut dem geballten Fachwissen der Redaktionen: Sparzinsen gibt es kaum, und Eigentumswohnungen werden langsam zu teuer. Also geht der Kleinsparer ins Aktiengeschäft – ja, so funktioniert unsere Wirtschaft.
Merkel mit ihrer schwäbischen Hausfrau wird es freuen, denn in diesem medialen Second Life da gibt es keine Großinvestoren und Schattenbanken, flexible Händler und shiftende Märkte.

So schließt sich der Kreis der kreuzbraven Abnickredaktionen und Stichwortgeber in den Medien, ob linksliberal oder von Springer betrieben. Qualifizierte Contentfarmen halt, und wir schauen bloß mit offenem Mund zu.


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