Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Bürokratisierung der Freien Frankfurter Theaterszene

von Bernd Kissling

Im Frankfurter Kulturausschuss ereignen sich derzeit seltsame Dinge.

Warum, so fragen sich viele, hat es die schwarz-grüne Römerkoalition plötzlich so eilig, ein neues Fördersystem für die freien Theater durchzusetzen? Wenn es nach dem Willen dieser beiden Fraktionen geht, wird sich ein einzigartiges Modell per Beschluss der Stadtverordneten in Luft auflösen, wird sich Frankfurt aus eigenem Willen und ganz ohne Not selber schwächen.
Publikum und Feuilleton wissen es zu schätzen, was jenseits des offiziellen Betriebs seit vielen Jahren von der Frankfurter Szene geboten wird. Selten sind es in Deutschland ähnlich effiziente Leistungen. Dass die Szene, zumindest in ihrem Spitzenbereich, intelligentes Theater macht und im Kulturleben Frankfurts tief verwurzelt ist, verdankt sich einem ebenso einmaligen Fördersystem, dessen Spiritus rector kein Geringerer als Hilmar Hoffmann ist. Seine Idee, ein freies Theaterleben durch nicht unbedeutende städtische Zuwendungen zu fördern, ermöglichte erst diese erfreuliche Entwicklung. Gegen viele Widerstände entstanden so freie Theater von beachtlicher Reputation.

Nach dem Antrag der beiden Parteien der Römerkoalition im Kulturausschuss (14. 02. 2013) soll nun ausgerechnet jene vitale Szene zerschlagen werden, die als Alternative zur offiziellen Kultur erst ein Ganzes ergibt. In einem wichtigen Bereich des Kulturlebens soll sich die Stadt von einer gewachsenen Tradition verabschieden und mutwillig einen Pfeiler ihrer kulturellen Konkurrenzfähigkeit zerstören. Das Ärgerlichste an dem Vorgang ist sein durch und durch bürokratischer Charakter. Denn offenbar geht es um eine aus welchen Motiven auch immer gewollte Entmachtung des Kulturamtes, in dessen Zuständigkeit die Verteilung der Gelder seit Jahrzehnten in guten Händen war. Falls der Antrag im Stadtparlament durchgeht, werden in Zukunft nicht mehr die Damen und Herren im Kulturamt, sondern ein Experten-Gremium, eine Jury, darüber entscheiden, auf wen sich der kommunale Geldsegen ergießt. Damit diese Experten urteilen können, sollen die Theater verpflichtet werden, Projektanträge zu stellen. Nicht ganz abwegig ist die Vorstellung, dass einige dieser Experten sich schon dahingehend in Stellung gebracht haben.

Die Verfechter von Projektanträgen verkennen die Realität des Theaters. Jeder verantwortlich Schaffende hat verflucht viel zu tun, wenn er ein Stück vorbereitet und dessen Gesamtfinanzierung sichern muss. Und kaum etwas macht den Blick für das künstlerisch Wesentliche so frei wie die Gewissheit, dass die Gelddinge einigermaßen geregelt sind. Wie soll sich jemand auf seine Arbeit konzentrieren, wenn er permanent unter dem Zwang steht, für zukünftige Projekte vor einer Prüfungskommission schöntun und heucheln zu müssen? Kulturelle Leistung erbringt schwerlich, wer sich immer aufs Neue von irgendwelchen Kontrolleuren durchleuchten lassen muss. Seltsam, wie sehr diese Initiative der beiden Parteien die realen Produktionsbedingungen des Theaters ignoriert.

Vor allem wundert man sich über die unerhörte Dringlichkeit des Ganzen. Hieß es nicht noch im vergangenen Herbst von Seiten des Kulturdezernats, man lege großen Wert auf Stellungnahmen aller Betroffenen, man befinde sich erst noch am Anfang einer „breiten Diskussion“, erst danach werde der parlamentarische Prozess eingeleitet und am Ende werde keiner der verdienten Frankfurter Theaterleute vor der Pleite stehen?

Doch die Szene glaubte die Beteuerungen nicht. Schließlich hat der Antrag im Stadtparlament eine Vorgeschichte. Hatte doch im vorigen Sommer das Kulturamt, man rieb sich die Augen, eine von ihm in Auftrag gegebene und von einer externen Kommission vorgenommene „Evaluation“ der hiesigen Theaterszene präsentiert. Das Medienecho auf diesen Vorstoß fiel relativ gewaltig aus, denn das Urteil der Juroren war vernichtend. Wird doch ihrer Meinung nach die Frankfurter freie Szene von einer Clique halbseniler Machos dominiert, die mit den Entscheidern im Kulturamt seit Jahrzehnten zusammenkleben. Diese saturierten Zombies, so die unumwundene Empfehlung der Juroren, verdienten es allemal, kulturpolitisch entsorgt zu werden.

Wir wissen alle, dass der Inhalt von Expertisen und der Wille der Auftraggeber gewissermaßen in einem sich bedingenden Verhältnis stehen. Die überaus bürokratisch formulierten Befunde dieser „Evaluation“ liefen jedenfalls darauf hinaus, dass zukünftig Gruppen mit Prädikaten „jung“, „innovativ“ und „international vernetzt“ von der Großzügigkeit der Stadt profitieren sollten.
Schon bald wurde in Frankfurt diese Studie mit homerischem Gelächter bedacht, und das nicht nur, weil sich herausstellte, dass die Autoren der Studie selbst untereinander recht intensiv„vernetzt“ sind, sondern auch, weil der erbärmliche Duktus dieser Expertise einer Stadt Hohn spricht, deren theatertheoretische Debatten von Namen wie Gielen, Iden und Rühle geprägt sind. Weder theoretisch noch theaterpraktisch war und ist dieser kulturpolitische Angriff zu legitimieren.

Schon breitete sich in der freien Szene eine gewisse Beruhigung aus, doch die Mühlen der Bürokratie mahlten unbemerkt weiter. Denn irgendwem in der Frankfurter Kulturpolitik konveniert der gegenwärtige Zustand nicht, irgendwen stört es, dass die Fachleute im Kulturamt darüber befinden, welchen freien Gruppen welche Summen pro Jahr zugute kommen.
Es wurde gemunkelt, bei der ganzen Geschichte handele es sich um einen Deal der Frankfurter Koalitionspartner. Der Impuls gehe von den „fortschrittlichen Politikern“ aus, denn diese wollten der freien Theaterszene ein „zeitgemäßes Design“ verpassen und seien, ganz wie die Autoren der „Evaluation“ der Meinung, die Szene müsse endlich von den Vertretern einer konservativen ästhetischen Theorie befreit werden. Falls, was wir nicht glauben, diese Gerüchte zutreffen, stellt sich die Frage: Warum haben sich verantwortliche Politiker überreden lassen, an der Zerstörung von Gutem mitzuwirken?

Jedes Fördersystem hat seine Schwächen, und daran wird sich auch kaum etwas ändern. Doch bei diesem Vorgang geht es um drohenden Ruin, nicht nur den persönlich-wirtschaftlichen von einigen Dutzend angesehener Künstler, sondern um den einer ganzen Szene, die vom Publikum geliebt und von der Kritik geschätzt wird. Was will die Stadt denn noch mehr?


2 Kommentare zu “Die Bürokratisierung der Freien Frankfurter Theaterszene”

  1. gaukler

    Bemerkenswert daran erscheinen mir mehrere Dinge, die im gegenwärtigen politischen Feld besonders wirksam sind. Sie betreffen bundesdeutsche wie internationale Prozedere, deren Verfahren sich bis in den kommunalen Bereich durchsetzen.
    Das üble Spiel rund um die Finanzmärkte, die (oft geheime) Beratung und Gesetzgebung zur Deregulierung, die Bewertungen und Sanktionen, das rasende Durchdrücken von Rettungen dienen als ideales Handlungsschema.
    Hier in dessen Frankfurter Kultur-Variante formuliert:

    Zum ersten die “externe Evaluation”, mit der eine “notwendige Reform” durchgesetzt, vermeintliche “Hemmnisse beseitigt” werden sollen.

    Diese Evaluation wird zudem von “Beratern” exekutiert, deren unbestreitbare Fachkompetenz nicht durch Verwaltung gebremst wird, die gleichwohl eigene Interessen dabei realisieren können.

    Es wird zum dritten Schwäche durch fehlende (kulturelle) Wettbewerbskraft diagnostiziert, die nur durch neue Exzellenzinitiativen und entsprechende Umregulierung hergestellt werden kann.

    Schließlich besteht in der heutigen Zeit der schnellen Märkte, in denen gerade auch eine Stadt wie Frankfurt mitspielt, ein rasender Handlungsdruck, so dass die Geschichte schnelldurch Gremien, Magistrat gedrückt werden soll.

    Das führt im Anschluss dazu, dass sie dieses Evaluationsverfahren nach Manier von Wettbewerb in Märkten normalisiert, also für Frankfurter Kultur modus vivendi wird.

    Leute aus der Uni beispielsweise kennen das bestens, ein gepudertes Klientel und Sanktionsverfahren für viele andere: regelt nicht nur Finanzwelten und andere Unternehmen.

  2. oktmvl

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