Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Menschenrecht auf Holzvertäfelung. Rede auf dem Protest – Tag der offenen Tür vor dem Palmengarten Gesellschaftshaus am 16.3.

Ich spreche hier als Vertreter der Onlinezeitschrift „Frankfurter Gemeine Zeitung“, des Netzwerkes „Wem gehört die Stadt“ und des „Militanten Beins der Tanzschule Werner“.
Wir stehen hier vor dem Palmengarten Gesellschaftshaus. Viele, viele, VIELE Jahre war es geschlossen, der alte Pächter wurde rausgekickt, das Ding wurde für 40 Millionen Euro umgebaut. 10 Millionen mehr als ursprünglich geplant, aber mein Gott: die Parkettpreise sind ja die letzten Jahre auch nicht eben gesunken… Außerdem werden Baukosten NIE realistisch berechnet, wenn Großbauprojekte beschlossen werden, sonst kämen ja die meisten tollen Bauvorhaben wie Philharmonien, Tiefbahnhöfe; Flughäfen, Stauseen oder eben -ne Nummer kleiner- Gesellschaftshäuser nie durch die Abstimmung, weil sie zu teuer sind- und das wäre doch verdammt schade! Jeder Politiker will ja mal was schönes ,großes, PRÄCHTIGES bauen, nicht immer so langweiligen, bezahlbaren Kram zum Drinwohnen. Gut, machen sie faktisch eh kaum mehr, aber was soll das auch bringen? Das wäre ja grade in Frankfurt förmlich ein Fass ohne Boden! Wohingegen so ein schönes neues Gesellschaftshaus: das gibt’s nur einmal! Deshalb auch hat die Ex-OB Petra Roth gesagt: „ Das neue Palmengarten Gesellschaftshaus ist ein Haus für alle Frankfurter.“ Und Bürgermeister Olaf Cunitz von den Grünen sekundierte: „Das ist ein Geschenk der Stadt an die Bürger“. Deshalb möchte ich, dass Sie mit mir jetzt einmal der Frankfurter Stadtpolitik Danke sagen: Danke, Petra! Danke, Olaf!
Sie haben sich nicht lumpen lassen: das war wirklich ein teures Geschenk, das sie mit dem Geld der Bürger den Bürgern gemacht habt! Ist das nicht schön, wenn man von der Stadt so geschätzt wird? Es bleibt auch noch lange teuer für uns, denn es gibt für die Stadt die nächsten 5 Jahre laufende Kosten von über 2 Millionen Euro pro Jahr für das Gesellschaftshaus..
Nun sagen manche, dass das gar kein Geschenk der Stadt an die Bürger ist, sondern ein Geschenk der Stadt an Johnny Klinke und dessen schwergrüne, schwerschwarze oder aber einfach schwerreiche Klientel. Die Pächter Klinke, Mangold und Co zahlen nämlich für den prachtvollen Kasten, der an sie ohne , na ja, „eigentliche“ Ausschreibung vergeben und nach ihren Vorstellungen umgebaut wurde, 7,50 Euro Miete pro Quadratmeter. Manche sagen sogar in Wirklichkeit sinds nur 5 Euro. Und das für einen frisch renovierten Altbau im Westend mit allem Pipapo: einfach Zucker!
Manche aber sagen, das ist ja wohl oberfaul und nur möglich, weil Johnny Klinke Duzfreund von Petra Roth und Jutta Ebeling ist, die damals für den Palmengarten zuständig war, und weil die ganze Frankfurter Pseudopolitikprominenz gerne in Tigerpalastpremieren hockt. Aber so einfach kann doch Frankfurter Stadtpolitik nicht sein! Unmöglich!
Wir sagen: Die Politik wollte den Bürgern nur zeigen, was eigentlich ein angemessener Preis für stilvolles Wohnen im Westend und drum herum wäre.
Unsere erste Forderung lautet daher gemäß der schwarzgrünen Vorgabe den Mietspiegel im Westend und Bockenheim an den des Palmengarten Gesellschaftshauses an zu passen: 7,50 für frisch renovierten Altbau oder state of the art Neubauten sind genug! Für die weniger vom Leben begünstigen Stadtteile in Frankfurt sollte es natürlich entsprechend weniger sein, fürs Nordend vielleicht 7 und Bornheim 6,50, gerade bei Neuvermietungen.

Nun sagen manche, die EIGENTLICHE Unverschämtheit besteht darin, dass Klinke & Co sich nicht nur ihr privates Restaurant und ihren privaten Veranstaltungszinnober von der Stadt durch viel zu günstige Mieten haben subventionieren lassen, sondern dass sie obendrein in diesen, von der Stadt subventionierten Räumen nur sauteures Essen und ebenso sauteure Veranstaltungen anbieten. Warum eigentlich kostet eine Kichererbsensuppe im „Geschenk der Stadt an die Bürger“ 21 Euro? Warum kostet der nackte vermietete Raum dort 6500 Euro am Abend? Welche Gäste, welche Mieter für die Räumlichkeit können sich das leisten? Diese Frage zumindest lässt sich schnell beantworten. Vor einer Woche z.B. wurde hier der „Innovationspreis der deutschen Wirtschaft“ vergeben. Die Eintrittskarten kosteten zwischen 325 und 425 Euro pro Person. Aber dafür konnte man in der „Deutsche Post DHL-Lounge“ äh… abhotten, im „FAZ-Cafe“ Saxophon und Klavier lauschen oder prominent im „Moonlightgarden“ promenieren. Das ist doch schön… Kurz zuvor gab es dort den „Union Investment Corporate Day“ mit Goldman Sachs und anderen Sympathieträgern der Bankenbranche.

Nun sagen manche, die Stadtregierung finanziert hier einen Ort für Stelldicheins der Superreichen, der großen Companies UND eine Gelddruckmaschine für die privaten Pächter, während die ohnehin absurd hohen RMV-Preise weiter ansteigen, Theater- und Museumsprojekte gestrichen werden, Eintrittspreise für Museen und Schwimmbäder UND den Palmengarten steigen und Mieter aus ihren Wohnungen vertrieben werden, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten können. Sind die von der Stadt eigentlich inzwischen alle völlig IRRE?

Wir aber sagen: sicher hat Johnny Klinke da eine Art der „Querfinanzierung“ im Kopf. Er nimmt Geld von den Superreichen und Companies, um den Normalos und Unnormalos Gelegenheit zu geben, hier wundervolle Abende zu verbringen. So wird es sein. Gewiss. Aber man komme jetzt bitte nicht mit „verbilligten Mittagsmenüs“ oder dem notorischen „Biergarten“!
Warum soll der Großteil der Frankfurter Bevölkerung eigentlich immer auf die kurze Mittagspause oder auf Bierbänke abgeschoben werden, obwohl doch die Millionen öffentlicher Gelder definitiv nicht in Mittagspausen oder die Errichtung eines Biergartens geflossen sind, sondern in das da: das Palmengarten Gesellschaftshaus in all seiner abendlichen Prächtigkeit! Außerdem hat ein Biergarten einen grade heute Abend sehr klar erkennbaren Nachteil: er hat nur im Sommer auf. Und jetzt ist es eiskalt! Nein, wir wollen als Frankfurter Bürger abends ins Palmengarten Gesellschaftshaus und zwar ganzjährig und lassen uns nicht mit einem blöden Biergarten oder Mittagsmenüs abspeisen!
Unsere zweite Forderung lautete daher. Jeden Abend soll im La Fleur mindestens ein echtes Hauptgericht (also kein „Zwischengericht“ oder solcher Tinnef der Speisekarte ) für unter 10 Euro und mindestens ein guter Wein für 3,50 das Glas angeboten werden, um der Normalbevölkerung die tägliche, abendliche Benutzung des Palmengarten Gesellschaftshauses zu ermöglichen. Natürlich: für Leute mit Frankfurt-Pass und Hartz 4, die in Frankfurt von 10 Euro INSGESAMT pro Tag leben müssen, muss es etwas weniger sein, aber ich bin sicher Johnny fällt da was ein, auf dass das Palmengarten Gesellschaftshaus das „neues Zuhause für das breite gesellschaftliche Leben werde “ von dem .Stadtdezernent Uwe Beck (CDU) bei der glanzvollen Eröffnung der Presse so vorgeschwärmt hat.
Was die Vermietung der Räumlichkeiten angeht, so meinte Pächter Mangold in der Presse, sie seien „auch nicht teurer als die Alte Oper“ und „man verschließe sich nicht, wenn sich Bürger meldeten, um mal reinzuschauen, ohne zu essen“. Außerdem kämen jeden Tag „welche, die durchschlüpfen“, die lasse man auch gewähren, wenn sie den imposanten Festsaal betrachten wollten.“. Ach so, die Stadtgesellschaft kann sich also glücklich schätzen, sich bei Klinke & Co zu „melden“, um „dann durchzuschlüpfen“ und kurz den mit Millionen städtischer Gelder finanzierten imposanten Festsaal zu betrachten, „ohne etwas zu essen“. Das ist ganz schön großzügig… aber wer fucking hell braucht ZWEI ALTE OPERN in Frankfurt?
Natürlich ist das auch ein Thema, das mir als militantem Bein der Tanzschule Werner am Herzen liegt. Schließlich hat die Tanzschule Werner hier ihre Abschlussbälle gefeiert. Ich habe daran selbst nie teilgenommen, weil ich nie einen Tanzkurs bei der Tanzschule Werner besucht habe, aber ich fühle mich dem Gedanken des Abschlussballs aufs entschiedenste verbunden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die emphatischen Worte von Alexandra Prinzessin von Hannover, der Vorsitzenden der Palmengartengesellschaft, bei der Eröffnung des Palmengarten Gesellschaftshauses: „Es gibt keinen Frankfurter im Saal, der nicht seine erste Liebe hierher ausgeführt hat.“ Ist das nicht wunderbar
So soll denn auch das neue Gesellschaftshaus jedem Frankfurter ermöglichen, hier seine erste oder letzte Liebe kennen zu lernen. Deshalb fordern wir drittens die Stadt und die Betreiber auf dafür Sorge zu tragen, dass nicht nur Karnevalsvereine, sondern Tanzschulen, Migrantenvereine, eiserne Hochzeiten der Antifa oder Familienfeiern, CSD-Events, Arbeitslosenvereine, politische Initiativen, Abschlußklassen, Frankfurter Occupisten und andere gesellschaftliche Ereignisse und Gruppen das Gesellschaftshaus zu den Miet- und Gastropreise anmieten können, wie sie früher für die Tanzschule Werner oder Abitursfeiern üblich waren oder für die Saalbau-AG gelten. Solchen und ähnlichen Gruppen und den Frankfurter Normalbürgern und Unormalbürgern sollen 90-95 Prozent der Veranstaltungen zu diesen Konditionen vorbehalten bleiben. Die übrigen 5-10 Prozent – und das ist jetzt ein Angebot an die finanziellen Interessen der Pächter – können gerne zu deutlich überhöhten Preisen an Autokonzerne, Werbeagenturen, Banken und ähnliche radikale Randgruppen vermietet werden.
Wir berufen uns weiterhin auf die bekannte Schriftstellerin Eva Demski, Trägerin der Goethepreis-Plakette des Landes Hessen als Festrednerin des Eröffnungsabends. Sie forderte „Pracht für alle!“ mit den Worten: „Warum muss Prächtigkeit immer böse und verderbt, Schmucklosigkeit jedoch gut und politisch korrekt sein?“
Liebe Eva Demski, das muss sie gar nicht, wir sind da ganz bei Ihnen.
Wir sagen deshalb heute Abend „politisch völlig unkorrekt“: Auch die, die tendenziell eher an der Frankfurter Tafel sitzen, haben ein Menschenrecht auf Holzvertäfelung und Kronleuchter!

Wir erklären deshalb die abgewrackte neowilhelminische, neoliberale und postdemokratische Gesellschaftsvorstellung der bisherigen Frankfurter Stadtpolitik für gescheitert.

Wir erklären das befreite Gesellschaftshaus für eröffnet.

Pracht für Alle!


3 Kommentare zu “Das Menschenrecht auf Holzvertäfelung. Rede auf dem Protest – Tag der offenen Tür vor dem Palmengarten Gesellschaftshaus am 16.3.”

  1. Ano

    Abgewrackte neowilhelminische, neoliberale und postdemokratische Gesellschaftsvorstellung der Schwarz-Grünen trifts auf den Punkt, da helfen auch keine Bionade und Fahrradspur!

  2. Holzbein!^

    Jaaaaaa!!!! Hau sie platt, mach sie kalt, wie ihre Suppen, Bert!! Wir schmeißen da mal ne Pogo-Party, oder? ^^
    Schön das gute alte *fucking* mal wieder zu lesen. Luv,
    Kalahari

  3. Pracht für alle im Palmengarten-Gesellschaftshaus | stadtundnatur

    [...] hier die Rede von Bert Bresgen “Das Menschenrecht zur Holzvertäfelung” zum Tag der Offenen Tür am 16.3.2013. [...]

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