Frankfurter Gemeine Zeitung

Shortcuts II – Pron und Powers

Patricio Pron

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf

Nun sind auch die Argentinier Papst. Und wie weit Franziskus I. unter Gedächtnisverlust leidet oder ihn simuliert, was seine Haltung und seine Handlungen während der Militärdiktatur angeht, das wird sich vielleicht noch herausstellen. Mit Amnesie und Gedächtnisverlust, damit scheinen sich die Argentinier besonders herumschlagen zu müssen, aber das gilt wohl für alle Nationen, in denen eine Diktatur ihr Unwesen trieb.

Argentinien hat aber nicht nur Papst, sondern auch die Leser hoffnungsvoll stimmende Autoren, so wie den 1975 in Buenos Aires geborenen, jetzt nach Studienjahren in Göttingen in Spanien lebende Patricio Pron. Pron hat sich mit Erzählungen einen Namen im spanischsprachigen Raum gemacht, jetzt ist sein erster Roman in der Übersetzung von Christian Hansen erschienen: Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf. Prons Ich-Erzähler hat ebenfalls große Erinnerungslücken, selbstgemachte: „ … bewirkte der Konsum gewisser Drogen, daß ich fast vollständig das Gedächtnis verlor, weshalb sich die Erinnerung an jene Jahre ( …) ziemlich verschwommen und oberflächlich ausnimmt.“ Wie sein Autor ist der Erzähler 1975 geboren, stammt aus Argentinien und hält sich in Deutschland auf. Darüber wie autobiographisch das Buch ist, heißt es am Ende: „Obwohl die in diesem Buch erzählten Ereignisse im wesentlichen der Wahrheit entsprechen, sind ein paar Dinge der Notwendigkeit fiktionalen Erzählens geschuldet – ein Genre, für das andere Regeln gelten als für Zeugnis oder Autobiographie; in diesem Sinne sei hier erwähnt, was der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina einmal zur Erinnerung und Mahnung sagte: ‚Ein Tropfen Fiktion färbt alles mit Fiktion’.“

Eines Tages bekommt der Erzähler die Nachricht, dass sein Vater , der schon früh Anzeichen von Alsheimer zeigte, im Krankenhaus liegt. Er fliegt nach Hause, die prekäre gesundheitliche Situation des Vaters sorgt dafür, daß er langsam aus dem Fluß Lethe steigt und sich an seine Kindheit und Jugend wieder zu erinnern beginnt. Auf dem Schreibtisch des Vaters liegt eine umfangreiche Akte mit einer Sammlung von Fotos und Zeitungsartikeln. Vor allem geht es um das Verschwinden des sechzigjährigen Alberto José Burdiso, dessen Leiche, er ist 2008 einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen, in einem vertrockneten Brunnen gefunden wurde. Und um das Verschwinden von Alicia Burdiso, der Schwester, die 1976 während der Militärdiktatur verschwand und ebenfalls ermordet wurde. Sein Vater hat beide gekannt.

Im Laufe der wiederkehrenden Erinnerung fallen ihm die seltsamen Verbote und Gebote ein, die ihm als Kind von seinen Eltern auferlegt wurden. Nie einen Spielkameraden mit nach Hause bringen, auf der Straße nicht gegen Pappkartons treten, immer gegen die Fahrtrichtung des Verkehrs laufen. Seine Eltern, der Vater arbeitete als Journalist, waren marxistisch-lenininstisch geschult, dann Perronisten und Mitglieder der linken argentinischen „eisernen Garde“ (unglücklich gewählt der Name, hieß doch so eine berüchtigte faschistische rumänische Organisation), die im Untergrund nach Perrons Exil weiterkämpfte. Die Eltern wollten ihn schützen, das wird ihm jetzt bewußt.

Prons Roman besticht durch seine offene, formale Komposition: ein Puzzle aus Narrativem und Archivarischen. Pron ist des weiteren ein Meister der Aufzählung und Reihung, beeindruckend, was er aus diesem Stilmittel alles zu zaubern weiß. Die eigenwillige Nummerierung der Kapitel ist wohl als eine Hommage an Cortazars großen Roman Rayuela zu sehen? Oder doch ein Hinweis auf das Stocken der Erinnerung? Ein wichtiges Buch, nicht nur für argentinische Leser, diesem Land, „wo nur die Toten die Toten begraben“. Denn jede Nation hat schließlich sein „Argentinien“ im Keller.

Patricio Pron, der Geist meiner Väter steigt im Regen auf, Roman, Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Reinbek, Rowohlt Verlag 2013, 220 Seiten, geb., 18,95 € 

 

Kevin Powers

Die Sonne war der ganze Himmel

Zuerst machen sie auf dicke Hose, ersaufen in patriotischen Wahn und Welterlösungsphantasien. Dabei werden sie von A bis Z belogen, die US-Amerikaner. Und irgendwann kommt der große Kater vom Besäufnis und man möchte die Blutorgien schnell vergessen. Das war nach Vietnam so und auch beim Irak, mit all den Ungeheuerlichkeiten der Foltergefängnisse, ist es nicht anders. Literatur kann dafür einstehen, sich dieser nationalen Amnesien anzunehmen. Den Vietnamkrieg hat Karl Marlentes in seinem an Tolstoi erinnernden Mammutwerk Matterhorn (Schweizer Namen gaben die Marines den Bergen, auf denen Geschützstellungen angelegt wurden) wieder in Erinnerung gerufen. Und den Horror des Irakkrieges schildert Kevin Powers in seinem Debüt Die Sonne war der ganze Himmel.

Kevin Powers weiß, wie auch Marlantes, wovon er erzählt. Er war als Maschinengewehrschütze von 2004 bis 2005 Im Irak stationiert und kämpfte in Mosul und in Tal Afar. Im Gegensatz zu Marlantes’ Buch könnte man seinen Roman fast eine Novelle nennen, Powers konzentriert sich auf eine kleine, aber dadurch nicht weniger eindringliche Geschichte. John Bartle ist 21, er nimmt den 18jährigen Daniel Murphy unter seine Fittiche. Das hat er dessen Mutter vor dem Abflug in den Irak versprochen, eher genervt, weil er das Gespräch mit ihr beenden will. Er tut es denn doch. Im Zentrum der mit Vor- und Rückblenden erzählten Geschichte steht eine Schlacht, die jedes Jahr aufs neue stattfindet bei Al Tafar, in der Provinz Ninive im Nordirak, so auch im September 2004. Die GIs gehen raus, müssen unter fast deckungsloser Sicht in die Stadt, um sie vom Feind zu säubern:

„Wir hatten uns im Graben aufgereiht, standen bis zu den Knöcheln im nassen Schlamm. Ich hatte das Gefühl, als wäre dies der Endpunkt eines schlampig vorbereiteten Experiments in Sachen Unausweichlichkeit: Alles war am richtigen Ort, wartete darauf, daß die Zeit innehielt und die Kräfte an Schwung verloren, damit man den Verlauf im Nachhinein analysieren konnte. Die Welt kam mir so dünn vor wie ein Blatt Papier, und die Welt war die Obstwiese, und die Obstwiese war das, was uns nun bevorstand. Aber all das war Unsinn. Ich hatte einfach Angst zu sterben.“

Daniel Murphys Leben wird Bartle nicht retten können. Und er selbst wird wie so viele andere traumatisiert in die USA zurückkehren, sich wie sie andere fragen, was nun?

Kevin Powers, Die Sonne war der ganze Himmel, Roman, Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Frankfurt, S. Fischer Verlag 2013, 240 Seiten, geb., 19,90 €

 


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.