Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt zwischen Ökonomie und Besetzung

Am letzten Samstag besuchte ich einen Frankfurter Talk von SpezialistInnen zur „Ökonomie der Stadt“, der gleichsam als eine Offenbarung über Denken und Habitus unserer polit-ökonomischen Klasse, ihres Mittelbaus funktionierte. Der Talk fand in einem der Gebäude an der vorderen Mainzer unweit der Alten Oper statt, zwischen den Doppeltürmen der Deutschen Bank und der DZ Bank. Die Veranstalter wählten den Ort wohl dem Thema wie dem Ziel angemessen. Könnte man meinen, aber den Abend bot keine Division für Immobilieninvestment in einem der großen Häuser, sondern die „Lichter Agora“ rund um das Lichter Filmfest, das sich dieses Jahr um Urbanes dreht, durchaus mit Reibungsflächen verstanden.

Voll passend zu den Banktürmen, besser: zu deren Marketingabteilungen traten aber die Protagonistinnen dieser Agora im leerstehenden Turm auf, lichte Höhe über den Stühlen 70 Meter und etwa von dort oben sahen sie auch auf uns, das Publikum. In der Reihenfolge ihres Auftretens waren das: zuerst die wohnungspolitische Sprecherin der Bundesgrünen. Sie schilderte dezidiert ihren ganz persönlichen Marsch durch die Institutionen bis nach Berlin, und beglückwünschte uns schließlich dazu, im Wohnparadies Frankfurt zu leben. Nach dem Statement, dass „die Grünen“ selbstverständlich bei der Energiesanierung von Gründervillen sensibel fürs Stadtbild bleiben, war mir klar, dass ihr Frankfurter Paradies wohl eher schwarz-grün leuchtet, als eines der Besitzer von Gründervillen. Auch wenn die Frau aus dem Bundesbüro uns immer wieder Kenntnisse präsentierte, indem sie Paragraphen aus dem Bundesbaurecht runter ratterte, blieb mir nur der Eindruck, dass gesetzliche Regelung das äusserste Limit ihres Denkens zur Stadt bietet.

Mit Integration in städtischen Quartieren hatte es die zweite Dame, die ganz im Habitus von „Assessment-Center“ auftrat, und den staunenden Zuhörern (ihre evaluierte „Zielgruppe“) mit hübschen Event-Fotos zeigte, was sie damit meinte: ein Talk von William Forsythe mit jungen Migranten, oder eine Dampferfahrt auf dem Main, zu der sich betagtere Mieter aus der betreuten, sorry „integrierten“ Wohnsiedlung in Scharen drängten. „Natürlich“, so die Managerin, entstehen auf dem Gelände des Forsythe-Intermezzos Bürohäuser. Natürlich, warum sollte eine (ehemals) gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft wie ihre „Nassauische Heimstätte“ nicht echter Player im Immobiliengeschäft, im Spiel um große Margen sein? Als bloße Rhetorik gegen die „Integration“ wies die agile Managerin denn auch eine Nachfrage zurück, ob solche Shows wie Forsythe und das Dampfershipping nicht nur Beruhigungspillen für anschließenden Umbau wären.

In diese Kerbe passte die dritte Betriebswirtschafterin, gesandt vom Regionalverband RheinMain. Sie legte uns die wohltuenden Differenzen der Metropolenregion nahe, natürlich neben Integration und Energiemaßnahmen. Hier kann sich doch alles zum besten fügen, und dann beleben: warum keine „Gated Community“, jeder soll schließlich nach seiner Facon frei, glücklich sein. Hauptsache wir reden alle mal miteinander, und am Ende findet sich Konsens. Diese preussisch-feudale Empfehlung provozierte den Einwand der „Schere“ von Vermögen und Einkommen aus dem Publikum, der flugs mit „Wellenschnitt“ statt Schere als hübsch integrierte Differenzgesellschaft gekontert wurde. Mir scheint die Perspektive des Regionalverbands eher im gestopften Vordertaunus angesiedelt, von dem aus es dann in einer Kulturwelle in die City und wieder zurück geht.

Als der Moderator das Ende der Runde einläutete kam doch noch ein Paukenschlag, denn ein Berliner Künstler brachte seine Fassungslosigkeit über den bisherigen Verlauf ein: wie lässt es sich mitten im Frankfurter Bankenviertel zwei Stunden von „Ökonomie der Stadt“ sprechen, ohne ein einziges Mal GELD überhaupt nur zu erwähnen. Auf die Sprachlosigkeit der drei Spezialistinnen hin kündigte die Moderation uns einen passenden Themenwechsel an, und zwar von den Gründervillen hin zu den Hausbesetzungen.
Wie angestochen sprang die versammelte Polit-Ökonomie auf, entschuldigte sich mit anderen Terminen und stürmte aus dem Saal. Mich hätte es nicht gewundert, wenn der Trupp nur die Strassenseite wechseln und in einen der Türme zu einem Empfang der Immobilienindustrie eilen würde.

Jedenfalls entging auch der grünen Paragraphenreiterin die bemerkenswerte Feststellung, dass die Masse der Frankfurter Bürotürme, ohne rechtliche Grundlage, tatsächlich illegal errichtet wurde: die richtige polit-ökonomische Mischung in der Kommune machte es möglich, Gesetz hin, Verordnung her. Und die passte in den 70er und 80ern in Frankfurt, fast so wie heute, nur mit erheblich mehr Widerstand konfrontiert. Wir sahen zur Einstimmung einen HR-Film aus den 70ern, in dem Besetzer vor vollen Bücherwänden den Kampf gegen Kapitalismus hochhielten und ihr Recht auf Wohnen auch mit (illegalen) Besetzungen durchsetzen, und zwar zuhauf. Nix mit Geplapper und “Bürgerbeteiligung” , mit Ersatzkultur und Dampferintegration.

Klar wird nun auch: ein großer Teil der Bevölkerung in Frankfurt und anderen Städten steht immer noch unter (ökonomischem) Dauerdruck und der Unmut über die Besetzung der Stadt durch „Investoren“ könnte sich in Gegenbesetzungen ausdrücken. Unter den Aktivisten im Kreis an der Mainzer herrschte Einigkeit: es hat vor 40 Jahren schon funktioniert und jüngst gab es wieder Besetzungen am Main. Die kommunalen politischen Einrichtungen haben sowieso keinerlei Handlungsspielraum mehr, und das Kapital kann deshalb allein noch durch praktische Ein- und Zugriffe zurückgedrängt werden. Also auf geht’s.

So sympathisch der Appell herüber kam, so bohrend bleibt Zweifel daran. Der Aufmarsch des schwarz-grünen Konsens durchzieht Frankfurt, und Ruhe ist dabei erste, meist akzeptierte Bürgerpflicht. Die schwarz-grüne Polizei nimmt nicht mehr wie die Trupps der SPD vor Jahrzehnten Hausbesetzungen über Jahre hin, sondern räumt binnen Stunden die paar Besetzer aus dem Haus. Da ist es dann ganz schnell mal vorbei mit dem Öko-Latte-Feeling. Aber nur ganz kurz. Natürlich ohne Widerstand, möchte man sagen, woher soll es auch kommen. In den 70ern gab es eine Widerstandskultur in Frankfurt, mit Tausenden von Sympathisanten, und gegenwärtig haben wir eher eine Eventkultur, die sich selbst über Millionengeschenke an die reiche Klientel nicht schert. Man wäre selbst gerne dabei. Dazu gehört nicht zuletzt eine weitgehend entpolitisierte Uni, mit den Lieblingsfächern rund um BWL und Finance, quasi wirksamer Nährboden für enthusiastische Nachrücker des professionellen Personals, das uns an diesem Abend Stadt-Ökonomie vorspielte.

So bleibt nach dem Abend: vermutlich müssen sich Aktivisten, die in einer umgebauten Stadtgesellschaft etwas mehr als Nadelstiche bewirken wollen, um die Entwicklung solcher Widerstandskultur zwischen Quartieren und Milieus kümmern. Und vielleicht muß das mit mehr Ansprüchen an ihre eigenen Erzählungen, deren Überzeugungstiefen, die Sinnlichkeiten dahinter geschehen. Dazu gehören dann Kooperationen über ihre Kleingruppen hinaus, die gegenwärtig eher wie gekapselte Familienmilieus wirken.
Erst dann lässt es sich viel leichter, wirklich offenherzig über „SpezialistInnen“ für unser Leben lachen, wie sie an diesem Samstag auftraten.


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