Frankfurter Gemeine Zeitung

Schöne neue Gallus-Welt

Da hatte der Ortsbeirat die gute Idee, die vielgepriesenen Investoren und Entwickler (jener scheue Menschenschlag, der für alle nur das Beste will – und vor allem – von allen) eingeladen, um die Problembürger*innen aufzuklären und ihnen zu zeigen, wie „ihr“ Viertel in Bälde aussehen wird und vor allem, welch grandiose Zukunft hier in die Höhe wächst.
Drei dieser postmodernen Helden-Gemeinschaften sind denn auch angetreten, um uns alle mit bunten Bildchen, wahnsinnigen Grundrissen und tollen Grünzügen ins Träumen zu bringen. Doch Euphorie wollte nicht so recht aufkommen. Übrigens: die Stadt war auch eingeladen, erschien auch in Form von U. Beyer als Stadtrat und einer Angehörigen des Planungsamtes, die sich aber wohlweislich in tiefstes Schweigen hüllte, dafür aber aufmerksam mitschrieb. Dazu später.
Diese Anwohner des Gallus (ihr wart lange Zeit unser Problem, so einer der Kreativen), in all ihrer bunten Mischung, fanden so einiges, bis auf das zentrale Datum: die Kosten.
Es geht bei diesen drei Projekten um ein zusammenhängendes Areal im Südwesten des Gallus, so zwischen Lahnstrasse, Rebstöcker Strasse, über die Mainzer Landstrasse hinaus bis zur Neuenhainer Strasse und es geht um gut 1000 Wohnungen. Und sie schieben sich wie ein Riegel in den Stadtteil.
Da ist eine denkwürdige Luxemburger Gesellschaft, die über einen Frankfurter Entwickler in Kooperation mit dem Büro KSP Engels (auch Maintor) hier einen Riesenklotz (natürlich prima aufgelockert und viel Grün im Innenhof) hinsetzt, der gegenüber von Opera One, der Luxus-Tochter von Franconofurt aufgenommen und in Richtung Lahnstrasse fortgesetzt wird, wo dann schliesslich Formart von Hochtief Solutions alles bis zum neuen Ordnungsamt vollknallt.
Bereits die erste Vorstellung durch den Vertreter von KSP Engels zeigte, dass die Erwartungen an die schöne neue Gallus-Welt nicht so recht geteilt wurden, was sich in einer zunehmenden Verunsicherung ausdrückte, da die Konzeption nicht den angepeilten Beifall finden wollte. Der örtliche Vertreter der Einzelhändler fand einiges daran auszusetzen, was nicht wundert, da hier nur marginale Flächen für Kleingewerbe zur Verfügung stehen, während das gesamte Erdgeschoss für Rewe und Aldi reserviert ist. Der Versuch, die Zuhörer mit einem Wust von Einzelinformationen zu erschlagen, ging daneben, denn auf die zentrale Frage nach den Preisen konnte und wollte der werte Herr keine Antwort geben und auch der Mann aus Luxemburg zog ein beredtes Schweigen auf diese Frage vor.
Zum eigentlichen Highlight der Veranstaltung geriet der Auftritt von Jerey, Vorstand von Opera One. Es ist kaum zu glauben, aber Frankfurt hat wieder eine soziale Wohnungsgesellschaft, die sich um Kinder und Demente kümmert, die Anbindung an das kleine Gustavsburgplätzchen forciert und völlig entsetzt darüber ist, wie viel Miete die Menschen im Viertel für die letzten Bruchbuden zahlen müssen. Schade nur, dass bei der obligaten Frage nach der Kalkulation auch hier ein Gemurmel über den Markt und was er hergibt und die Baukosten eine Antwort ersetzen musste. Aber wir kennen ja die anderen Projekte wie die Westend Suites an der Bockenheimer Landstrasse, die ebenso sozial gestaltet sind oder die Räumungsklage gegen das IvI, das von der Konzernmutter Franconofurt angestrengt wurde.
Die Lady von Hochtief antwortete immerhin mit den Preisen für die Eigentumswohnungen (so zwischen 2.300 und 3.900 pro qm), während sie bei den Mieten passen musste, da das gesamte Areal ja bereits schon weiter verkauft wurde (nach Fertigstellung) und der Investor seine eigenen Vorstellungen habe.
Trotz dieses ungeheuren sozialen Engagements zeigten sich die Leute dieses ehemaligen Problemviertels wenig zufrieden und wollten gar in Erfahrung bringen, was die Investoren denn dem Viertel gäben als nur irgendwelche Baublöcke. Soviel Unverständnis verursachte dann Sprachlosigkeit. Jerey ruderte mit der „Ausstrahlung“ dieser neuen Mitbewohner um die Klippe, nur um festzustellen, dass dahinter weitere Untiefen warteten. Doch bezüglich der Miethöhen war ihm nichts zu entlocken – wie den übrigen Helden der Innovation auch nicht, die sich bemühten anhand der Fährnisse des Marktes dies unter den Tisch zu reden.
So ist ein Resümee, dass die Projekte mit einigem Argwohn im Viertel betrachtet werden und die Fassaden allein kein ausreichender Grund zur Zustimmung sind.
Deutlich wurde wiederum, dass das Viertel in der Planung dieser Projekte keine Rolle spielte, sieht man von den „Marktchancen“ ab, denn das Viertel wird hinterher sowieso ein anderes sein.
Hier jetzt hätte ein Wort seitens des Stadtplanungsamtes seinen Platz gefunden, wie sieht es mit der Infrastruktur aus, bezüglich Verkehr, Bildungsstätten, öffentlichen Räumen, doch wie gesagt, die Vertreterin zog es vor zu schweigen, sie hätte wohl auch nichts zu sagen gehabt, funktioniert Planung in dieser Stadt seit geraumer Zeit nur als Bestätigung der Verwertungswünsche nd ihrer rechtlichen Absicherung. Allein Stadtrat Beyer schwang sich zu einer Rede für alternative Wohnformen auf, ohne den geringsten ‘Widerhall bei den schicken Kreativen zu finden. Keine Genossenschaften, keine Studierendenwohnungen, keine geförderten Wohnungen, keine Mietpreise.
Und so dämmerte langsam, dass innerhalb von zwei Jahren eine gewaltige Verwerfung im Gallus stattfinden wird, dessen Dreh- und Angelpunkt der neue Mietspiegel und seine Fortschreibung sein dürfte.
Nehmen wir die Projekte, über die bei der Veranstaltung nicht geredet wurde, hinzu, die dann auch fertiggestellt sind, da geht es um weitere rund 600 Wohnungen, dann sieht die Vergleichsmiete aber völlig anders aus. Als verlässlichen Anhaltspunkt können die Mieten dienen, die die Frank-Gruppe an der Franken Allee aufruft, dienen, für über 100 qm steht der Mietzins bei 12,30 Euro, für die kleineren bei 14,50 immerhin. Da ausserdem ein Luxus-Studierendenwohnheim entsteht und auch noch kleinere und ebenso hochpreisige Objekte entstehen, ist mir einer entsprechenden neuen Lagen-Bestimmung zu rechnen. Wie meinte ein Stadtrat zu den Bewohner*innen des Mainfelds seinerzeit: „Ab in den Wald“, womit wir bei dem neuen Motto für den Gallus wären.
Die Objekte, die hier zu bewundern waren, bilden abgeschlossene Einheiten, die solange Fremdkörper bleiben, bis sich der Rest des Viertels ihnen angepasst hat, da hilft auch kein vollmundiger Prospekt mit netten Videos.


2 Kommentare zu “Schöne neue Gallus-Welt”

  1. Mimi

    Auf die Frage hin, was die Investoren dem Viertel zurueckgeben würden, guckten die Investoren-Ladies und Gentlemen blöd, als hätte ein Marsmensch die Frage gestellt.

    Eins sicherlich: MIETERHÖHUNGEN, denn der Mietspiegel richtet sich nach den NEUVERMIETUNGEN der letzten 4 Jahre.

  2. gaukler

    Interessant, ich eriinnere mich, dass Ardi Goldmann vor keinen 2 Jahren Publikum vorflunkerte, das “Gallus absehbar uninteressant” für “Investoren” ist.
    Da scheint ein radikaler Umbau anzustehen. Und wenn man die genannten 3.000 pro qm nimmt, liegen 14 Euro kalt wohl realistisch, wenn nicht unterer Grenze. Wie die kalkulieren: 168 pro Jahr mal 17 Jahre = 2856. Zeigt also sogar noch etwas höher für die Kaltmiete, denn angenommene 17 Jahre sind arg viel.
    Also Warmiete für eine 85qm Wohnung 1.400 – 1.500 Euro! Wenn daraus nicht eine Umwälzung der Bevölkerung folgt?

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