Frankfurter Gemeine Zeitung

Aufruf zum Aktionstag „Alles muss man selber machen: Sozialen Fortschritt erkämpfen!“

Alles muss man selber machen: Sozialen Fortschritt erkämpfen!

Am Mittwoch, den 24. April in Frankfurt, Marburg und Darmstadt

Landesweiter Aktionstag gegen die reaktionären hessischen Verhältnisse an der Hochschule und in sämtlichen anderen Lebensbereichen.
Auf den verschiedensten Ebenen sind wir von den Auswirkungen der reaktionären Politik der amtierenden Landesregierung (CDU/ FDP) betroffen. Auf den verschiedensten Ebenen führen Schüler_innen und Lehrende, Studierende, Arbeitslose, Migrant_innen und Lohnabhängige, Antirassist_innen und Antifaschist_innen, Bürgerrechtler_innen und Umweltaktivist_innen ihre Kämpfe gegen die sie jeweils betreffenden Folgen dieser Politik.

Wir lassen uns nicht repräsentieren
Das Problem ist aber nicht nur die Regierung Bouffier, bundesweit Vorreiter einer reaktionären Politik gegen die Interessen der Menschen – auch die Schwarze/Gelbe und vormals Rot/Grüne Bundesregierung steht dem in nichts nach. In Zeiten des globalen Kapitalismus legitimieren fast alle Parteien ihre „Reformen” mit vorgeblich unhinterfragbaren Sachzwängen und einem dem einzelnen Menschen übergeordneten Interesse des Standorts Deutschland an der Steigerung seiner Wettbewerbsfähigkeit.
Sozialer Fortschritt musste schon immer von einer außerparlamentarischen Opposition erkämpft werden, die den Druck auf der Straße aufbaute und in die Parlamente trug. Dies ist zum letzten Mal bei den Studierendenprotest 2006 in Hessen sowie bei den Protesten gegen die deutsche Atompolitik 2011 geschehen.

Das Leben selbst in die Hand nehmen
In der Bildungspolitik sind wir als Schüler_innen unter „G8″, dem dreigliedrigen Schulsystem und der „Unterrichtsgarantie Plus” von immer schärferer Auslese und immer schlechteren Bedingungen im gesamten Schulsystem betroffen.
Als Studierende beobachten wir eine Transformation zur neoliberalen Hochschule, in der kritische Wissenschaft, studentische Freiräume und demokratische Mitbestimmung immer weiter aufgelöst und abgeschafft werden. Die Wohnungsnot bei Studierenden, Migrant_innen, Hartz-IV-Empfänger_innen, alleinerziehenden Eltern oder anderen marginalisierten Gruppen steigt von Jahr zu Jahr. Dass der Staat dieses Problem lösen wird, ist eine Illusion. Hausbesetzungen müssen daher als wichtige Aktionsform des zivilen Ungehorsams begriffen werden. Es muss mehr gesellschaftliche Akzeptanz dafür erzeugt werden, dass es gerechtfertigt ist, die eigenen Bedürfnisse auch selbst zu organisieren.

Solidarität ist eine Waffe
In der Sozialpolitik sind wir in Frauenhäusern von immer weiter zunehmenden Kürzungen betroffen, während der rechte „Bund der Vertriebenen“ jede Zuwendung erhält.
Die repressive Politik gegen Hartz-IV-Empfänger_innen durch die Agentur für Arbeit wird deutlich verschärft. Sacharbeiter_innen müssen ihre Quoten erfüllen, ein gutes Leben für alle steht in ihrem Arbeitsalltag im Widerspruch zu niedrigen Arbeitslosenzahlen. Ergänzt wird der Abbau des Sozialstaates vom Ausbau des Überwachungsstaates, der uns alle betrifft. Soziale Konflikte – logische Konsequenz der aktuellen Politik – werden nicht mehr als politische, sondern nur noch als polizeiliche Probleme wahrgenommen und dementsprechend behandelt.
Als Migrant_innen werden wir an jeder Straßenecke kontrolliert und notfalls am Frankfurter Flughafen abgeschoben. Dass die Aufklärung der NSU-Mordserie kaum vorankommt, ja womöglich nicht einmal vorankommen soll, zeigt deutlich den strukturellen Rassismus in deutschen Behörden. Dass selbstverwaltete Hausprojekte polizeilich geräumt werden und alternative Lebensentwürfe keinen Platz haben, ist eine Konsequenz einer Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche.

Wir wollen kein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei
Natürlich wollen wir eine Verbesserung aller Lebenslagen für alle Menschen – egal, welcher Herkunft sie sind und welches Geschlecht, Alter oder welche Nationalität sie haben. Das Problem an reformistischen Forderungen, seien sie noch so gut gemeint wie z.B. die Bekämpfung der Wohnungsnot, verbesserte Lernbedingungen oder höhere Hartz-IV-Regelsätze ist, dass sie die gesellschaftlicher Herrschaft ausklammern. Diese Herrschaft hat kein Interesse daran, dass eine reale radikale Demokratisierung aller Lebensbereiche und eine wirkliche Verbesserung der materiellen Lebensgrundlage der Menschen eintritt. Sozialer Fortschritt und Emanzipation können sich somit erst gegen reaktionäre Gesellschaftsbilder durchsetzen, wenn mithilfe von Demokratisierung an den Wurzeln der Gesellschaft Veränderung begonnen wird und eine soziale Infrastruktur bereit gestellt wird, die Emanzipation ermöglicht.

Kick it like Hessen!
Wir alle organisieren den Widerstand gegen die Politik der Landesregierung, die Selektion verschärft, Ausschluss fördert, Selbstbestimmung schwächt und Lebensgrundlagen zerstört.
Wir alle haben unsere eigenen Formen des Widerstands und nehmen die Vertretung unserer Interessen selbst in die Hand, doch nur gemeinsam können wir aus der gescheiterten Repräsentation unserer Interessen Konsequenzen ziehen und erfolgreich Druck ausüben.
Deshalb rufen wir Schüler_innen und Lehrer_innen, Studierende, Arbeitslose, Migrant_innen, Lohnabhängige, Antirassist_innen und Antifaschist_innen, Bürgerrechtler_innen, Umweltaktivist_innen und Gewerkschaftler_innen zu dezentralen Aktionen am 24. April auf.

Für Sozialen Fortschritt und die Emanzipation des Menschen.

Asten der hessischen Universitäten


Kracauer in Frankfurt

Seit einigen Jahren wird in Frankfurt öffentlich gelesen, sozusagen zur Rehabilitierung des Buchs abseits von Spektakel, als einer kritischen öffentlichen Selbstverständigung und einer nachhaltigen Kulturalisierung der Großstadt. Der Titel der Veranstaltungsreihe lautet: “Frankfurt liest ein Buch“, gelesen wird zwischen dem 15. und 28. April dieses Jahr der Roman “Ginster” von Siegfrid Kracauer.

Mit Kracauer wurde wirklich eine interessante Frankfurter Persönlichkeit ausgewählt, der uns mit seinen beiden Romanen “Ginster” und “Georg” ein  bemerkenswerts Bild Frankfurts vor fast 100 Jahren Jahren liefert. Dieser Zeitraum meint die beiden Jahrzehnte vor der Machterfreifung der Nazis in den 193oern. Beide Romane sind stark autobiografisch geprägt, machen allerdings der Frankfurt-Bezug nicht wirklich explizit. Ginster, gleichzeitig der Spitzname des Romanprotagonisten lebt wie Kracauer selbst in der Stadt als Architekt während des 1. Weltkriegs. Es gelingt ihm, um das mörderische Schlachten in den Schützengräben herum zu kommen, und erweist sich als distanzierter aber feinfühliger Beobachter einer autoritären Gesellschaft, die nach Stahlerlebnissen lechzt. Zur gegenwärtigen Zeit der Rückkehr zu Nationaltrunkenheiten und einer autoritären Sicherheitsgesellschaft ist “Ginster” sicher keine schlechte Wahl.

Häuser zum Hungar und FreiensteinSiegfried Kracauer war aktiv im Kreise des legendären Frankfurter “Institut für Sozialforschung”, zu dessen Gründungszeit befreundet mit Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Die Architektur blieb nicht Kracauers Ding, er wandte sich der Soziologie, Philosophie und der Filmtheorie zu, und die Journalistik wurde schließlich seine Profession.

Der scharfe Kapitalismuskritiker Kracauer schrieb neben anderen großen Autoren für die Frankfurter Zeitung, eine der anerkanntesten Zeitungen der Weimarer Republik. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” kann als Fortsetzung der FZ gelten, wenn wir die an ihrer Gründung beteiligten Redaktionsmitglieder aus der während des Nationalsozialismus eingestellten Frankfurter Zeitung einbeziehen. Als demokratische Zeitung gab sie im Feuilleton auch maxistischen Autoren Platz, neigte deshalb inhaltlich vielleicht mehr der linksliberalen Frankfurter Rundschau nach em Krieg zu.

Der zweite Roman, “Georg” beschreibt den gleichnahmigen Akteur als jungen Journalisten in Frankfurt, der intensiv mit den lokalen politischen und kulturellen Spannungen vor Ort in Berührung kam. Kracauer beschreibt uns in seinem Buch von 1930 dieses Stadtklima aus einer Nahsicht, gleichsam der Perspektive teilnehmender Beobachtung der Ethnologen, die in das lebhafte Redaktionsgeschehen einer bedeutenden Tageszeitung involviert war. Lebendige Tageszeitung und echte politischer Frontstellungen wären vielleicht eine engagiertere Wahl für die öffentliche Lesung in Frankfurt gewesen, angesichts der zunehmenden Wattierung von Medien und politischem Leben heute. Gut, Ginsters Aktualität lässt sich auch in der Weise interpretieren, dass vehemente Distanzierung zu “kaiserlichen Eliten” gerade gegenwärtig wieder ein Gebot der Stunde ist.

Eine feine Ergänzung bietet der kleine Frankfurter Verlag B3, für die Stefan Geyer uns eine Artikelsammlung von Kracauer aus eben dieser Frankfurter Zeit in der Frankfurter Zeitung präsentiert. Die gut fünfzig kurzen Artikel zwischen städtischem und literarischem Leben, der Frankfurter Messe und der Architektur bieten ein Potpourri der Stadt in der Weimarer Republik, bevor Kracauer für das Feuilleton nach Berlin unsiedelte.

Die Architektur der Stadt bezieht sich zum Beispiel auf “Die Brückenfrage”, mit der er Sparprojekte des Frankfurter Magistrats zu Mainbrücken problematisiert und der Vorklang der “Public Private Partnership” Verträge zu hören ist, mit der heutige städtische Brückenmanager die Objekte profitabel privatisieren möchten. Der „Umbau des Hauptbahnhofs“, „Cafehausprojekte“ und „Die Erweiterung des Städelschen Kunstinstituts“ machen die Stimmung plastischer, in der „Georg“ seine kleinen Stadtreportagen verfasst.

http://www.weltbild.de/media/ab/1/059582047-das-bunte-frankfurt.jpg

Natürlich darf ein Artikel zur Buchmesse und dem Bau des “Instituts für Sozialforschung” in der Auswahl nicht fehlen.

Schön auch “Die Nichtexistenz der Altstadt”, die uns Kracauer als “philosophische Deduktion” vorführt. Darin schreibt er: „Die Altstadt existiert nicht, sie ist vielmehr eine bloße Ideologie des Bundes tätiger Altstadtfreunde“. Wer jetzt meint, das wäre bruchlos in die laufenden Umbaumaßnahmen für das künftige Ausstellungsgelände „Altstadt“ an der Braubachstrasse zu übersetzen, sieht sich getäuscht. Denn Kracauer war Gründungsmitglied des „Bundes tätiger Altstadtfreunde“ und verständigte in diesem Text eine laufende Umwidmung der Altstadt, die damals, vor der Bombardierung immerhin noch tätiges Leben erfüllte, seit langer Zeit eng bewohnt war. Der Artikel ist deshalb spiegelverkehrt zur heutigen Situation zu interpretieren: der Umbau damals wollte das dortige Wuseln nicht bloß in Geschäftsinteresse auflösen. Der Neubau heute möchte im Geiste der kulturalisierten Geschäftstadt einen kleinen Erlebnispark der Art „so sah´s hier früher aus“ einrichten, und dabei Eigenleben nur vorspielen.

Der Sammelband enthält eine Reihe von Abbildungen einer Postkartensammlung, die genau jener „Bund tätiger Altstadtfreunde“ herausgab, und uns Objekte des damaligen wie heutigen Streits vorführt.

Die beiden Bücher geben zusammen mit „Ginster“ einen spannenden Eindruck von den Stimmungen und Lebensbedingungen Frankfurts in politischen Zeiten vieler Umbrüche.

 Siegfried Kracauer, Georg, Suhrkamp Verlag Berlin, 2013, 10.30 €

 Siegfried Kracauer, Das Bunte Frankfurt, Hg. von Stefan Geyer, B3 Verlag Frankfurt, 2013, 19.90 €


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