Frankfurter Gemeine Zeitung

Kracauer in Frankfurt

Seit einigen Jahren wird in Frankfurt öffentlich gelesen, sozusagen zur Rehabilitierung des Buchs abseits von Spektakel, als einer kritischen öffentlichen Selbstverständigung und einer nachhaltigen Kulturalisierung der Großstadt. Der Titel der Veranstaltungsreihe lautet: “Frankfurt liest ein Buch“, gelesen wird zwischen dem 15. und 28. April dieses Jahr der Roman “Ginster” von Siegfrid Kracauer.

Mit Kracauer wurde wirklich eine interessante Frankfurter Persönlichkeit ausgewählt, der uns mit seinen beiden Romanen “Ginster” und “Georg” ein  bemerkenswerts Bild Frankfurts vor fast 100 Jahren Jahren liefert. Dieser Zeitraum meint die beiden Jahrzehnte vor der Machterfreifung der Nazis in den 193oern. Beide Romane sind stark autobiografisch geprägt, machen allerdings der Frankfurt-Bezug nicht wirklich explizit. Ginster, gleichzeitig der Spitzname des Romanprotagonisten lebt wie Kracauer selbst in der Stadt als Architekt während des 1. Weltkriegs. Es gelingt ihm, um das mörderische Schlachten in den Schützengräben herum zu kommen, und erweist sich als distanzierter aber feinfühliger Beobachter einer autoritären Gesellschaft, die nach Stahlerlebnissen lechzt. Zur gegenwärtigen Zeit der Rückkehr zu Nationaltrunkenheiten und einer autoritären Sicherheitsgesellschaft ist “Ginster” sicher keine schlechte Wahl.

Häuser zum Hungar und FreiensteinSiegfried Kracauer war aktiv im Kreise des legendären Frankfurter “Institut für Sozialforschung”, zu dessen Gründungszeit befreundet mit Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Die Architektur blieb nicht Kracauers Ding, er wandte sich der Soziologie, Philosophie und der Filmtheorie zu, und die Journalistik wurde schließlich seine Profession.

Der scharfe Kapitalismuskritiker Kracauer schrieb neben anderen großen Autoren für die Frankfurter Zeitung, eine der anerkanntesten Zeitungen der Weimarer Republik. Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” kann als Fortsetzung der FZ gelten, wenn wir die an ihrer Gründung beteiligten Redaktionsmitglieder aus der während des Nationalsozialismus eingestellten Frankfurter Zeitung einbeziehen. Als demokratische Zeitung gab sie im Feuilleton auch maxistischen Autoren Platz, neigte deshalb inhaltlich vielleicht mehr der linksliberalen Frankfurter Rundschau nach em Krieg zu.

Der zweite Roman, “Georg” beschreibt den gleichnahmigen Akteur als jungen Journalisten in Frankfurt, der intensiv mit den lokalen politischen und kulturellen Spannungen vor Ort in Berührung kam. Kracauer beschreibt uns in seinem Buch von 1930 dieses Stadtklima aus einer Nahsicht, gleichsam der Perspektive teilnehmender Beobachtung der Ethnologen, die in das lebhafte Redaktionsgeschehen einer bedeutenden Tageszeitung involviert war. Lebendige Tageszeitung und echte politischer Frontstellungen wären vielleicht eine engagiertere Wahl für die öffentliche Lesung in Frankfurt gewesen, angesichts der zunehmenden Wattierung von Medien und politischem Leben heute. Gut, Ginsters Aktualität lässt sich auch in der Weise interpretieren, dass vehemente Distanzierung zu “kaiserlichen Eliten” gerade gegenwärtig wieder ein Gebot der Stunde ist.

Eine feine Ergänzung bietet der kleine Frankfurter Verlag B3, für die Stefan Geyer uns eine Artikelsammlung von Kracauer aus eben dieser Frankfurter Zeit in der Frankfurter Zeitung präsentiert. Die gut fünfzig kurzen Artikel zwischen städtischem und literarischem Leben, der Frankfurter Messe und der Architektur bieten ein Potpourri der Stadt in der Weimarer Republik, bevor Kracauer für das Feuilleton nach Berlin unsiedelte.

Die Architektur der Stadt bezieht sich zum Beispiel auf “Die Brückenfrage”, mit der er Sparprojekte des Frankfurter Magistrats zu Mainbrücken problematisiert und der Vorklang der “Public Private Partnership” Verträge zu hören ist, mit der heutige städtische Brückenmanager die Objekte profitabel privatisieren möchten. Der „Umbau des Hauptbahnhofs“, „Cafehausprojekte“ und „Die Erweiterung des Städelschen Kunstinstituts“ machen die Stimmung plastischer, in der „Georg“ seine kleinen Stadtreportagen verfasst.

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Natürlich darf ein Artikel zur Buchmesse und dem Bau des “Instituts für Sozialforschung” in der Auswahl nicht fehlen.

Schön auch “Die Nichtexistenz der Altstadt”, die uns Kracauer als “philosophische Deduktion” vorführt. Darin schreibt er: „Die Altstadt existiert nicht, sie ist vielmehr eine bloße Ideologie des Bundes tätiger Altstadtfreunde“. Wer jetzt meint, das wäre bruchlos in die laufenden Umbaumaßnahmen für das künftige Ausstellungsgelände „Altstadt“ an der Braubachstrasse zu übersetzen, sieht sich getäuscht. Denn Kracauer war Gründungsmitglied des „Bundes tätiger Altstadtfreunde“ und verständigte in diesem Text eine laufende Umwidmung der Altstadt, die damals, vor der Bombardierung immerhin noch tätiges Leben erfüllte, seit langer Zeit eng bewohnt war. Der Artikel ist deshalb spiegelverkehrt zur heutigen Situation zu interpretieren: der Umbau damals wollte das dortige Wuseln nicht bloß in Geschäftsinteresse auflösen. Der Neubau heute möchte im Geiste der kulturalisierten Geschäftstadt einen kleinen Erlebnispark der Art „so sah´s hier früher aus“ einrichten, und dabei Eigenleben nur vorspielen.

Der Sammelband enthält eine Reihe von Abbildungen einer Postkartensammlung, die genau jener „Bund tätiger Altstadtfreunde“ herausgab, und uns Objekte des damaligen wie heutigen Streits vorführt.

Die beiden Bücher geben zusammen mit „Ginster“ einen spannenden Eindruck von den Stimmungen und Lebensbedingungen Frankfurts in politischen Zeiten vieler Umbrüche.

 Siegfried Kracauer, Georg, Suhrkamp Verlag Berlin, 2013, 10.30 €

 Siegfried Kracauer, Das Bunte Frankfurt, Hg. von Stefan Geyer, B3 Verlag Frankfurt, 2013, 19.90 €


8 Kommentare zu “Kracauer in Frankfurt”

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