Frankfurter Gemeine Zeitung

Boston World Media Theatre 2013

Zunehmend wurde aus Fragen der Radiojournalistin zu den Hintergründen des grausigen Anschlags ein Drängeln: „lässt sich denn wirklich noch nicht sagen, ob ein islamistischer Hintergrund vorliegt?“ bohrte sie das Mitglied eines interantlantischen Parlamentarierrats an. „Fühlen Sie sich nicht an Nineeleven erinnert?“ „Rückt Amerika in diesen schweren Stunden nicht verängstigt zusammen?“ wogt die mediale Aufregung anderorts weiter nach oben, dort durch Boston „weht die Angst“. “Brauchen wir nun doch Vorratsdatenspeicherung?” “Reicht unsere Überwachung öffentlicher Plätze?” Globaler Medienalarm, nicht ganz, nur globale westliche Hysterie. File:Niederwalddenkmal-01c.jpg

Da schaudern faszinierte Zuschauer an den Screens, wenn zum Showdown gepanzerte Fahrzeuge durch eine amerikanische City rasen, mit aufgesessenen Special Forces, die etwas Bagdad oder Kabul, naja vielleicht auch Rio oder Juarez in westliche Wohnzimmer hineinwehen. Terroristenjagd pur und life, zusammen, ganz standfest wollen wir die Verächter unserer Demokratien bekriegen. Aufregung nicht nur in den Web-Foren des Deutschnationalen bei Spiegel Online, fast überall möchten die Qualitätsmedien das „Fadenkreuz von Barbaren“ entdecken, das auf unsere Freiheit und unseren Frieden zielt. Was sonst?

Bei Polizeitruppen, die in Divisionsstärke, mit Tausenden Mann auf der Suche nach einem einzelnen Jugendlichen gleich eine ganze Region auf den Kopf stellen, kann die Gefahr für uns alle wohl nicht groß genug sein, wir befinden uns schließlich im „Zeitalter des Terrors“. Weggewischt wird die leise vorgebrachte Anmerkung, dass die „ängstlichen USA“ doch stante pede dutzende Millionen Schwerbewaffnete auf die Strassen bringen können, gegenüber denen die ganze chinesische Volksbefreiungsarmee wie eine kleine Streetgang erscheint. Und dass in den USA täglich Dutzende mit Schusswaffen ermordet werden und diese sonst nur bei zweistelligen Todesraten überhaupt weitere mediale Erwähnung finden, zählt auch wenig.

Gewiß, wir befinden uns in neuen, ganz revolutionären Zeiten: Internet und Globalisierung der Wirtschaft. Besonders aber droht der globale Terror, gegenüber denen sich besonders “liberale Demokratien” schützen müssen – denn in ihrer Wehrlosigkeit trifft´s sie angeblich am meisten. Um im großen Bedrohungstheater für unsere kleine Welt möglicht viele Beteiligte auftreten zu lassen, kommen in den rasenden Nachrichten letzte Woche gleich noch Giftbriefe an amerikanische Abgeordnete dazu, aus Belgien wird eine Grossrazzia zu Anwerbern für syrische Kämpfer gegen Dikator Assad vermeldet, eine Düngemittelfabrik im Süden der USA fliegt in die Luft und zuletzt wird gar unser Bundespräsident in Berlin noch postalisch bedroht. Total global: Kann das alles irgendwie mit Al Kaida zusammen hängen?

Das neue Moment dieser 5-Tage-Hype um Boston und den Rest der Welt erscheint mir, dass die Medienkonzerne selbst in hohem Maße aktiv versuchen, Prozesse der gelenkten Massenhysterie und des Ressentiments, der Dauerüberwachung und der Entdemokratisierung anzutreiben, und zwar nicht zu wenig. Globaler, blitzschnell zu streamender „Instant-Terrorismus“ bietet dem „Qualitätsjournalismus“ naheliegende Möglichkeiten, selbst als echter politischer Akteur aufzutreten. Auf diese Weise bildet sich eine neue Melange von Firmenzielen, Marge und politischer Atmosphäre für Medienkonzerne. Die von ihnen ventilierten Hypes überdecken tagelang unsere Wahrnehmungen und lullen Öffentlichkeiten mit ein paar dutzend Szenerien, eine einfachen Regie für Inszenierungen “der Welt”  übers ganze Jahr ein.

Ihr Spiel westlich gefilteter, globalisierter Drohszenarien und Spektakel ist gefährlich, zutiefst repressiv und dabei noch paradox. Einerseits verkaufen uns die Konsortien der Medienindustrie eine zunehmend „komplexere Welt“, der gegenüber in heutigen Zeiten das Publikum nur noch staunend und schutzlos gegenüberstehen kann. Am besten eskortiert durch umsichtige Spezialisten aus Firmen und Administrationen – welcher Coleur und mit welchen Zielen auch immer. Andererseits bieten uns Informationsspezialisten derart simple Weltperspektiven mit Gut und Böse, Wichtig und Unwichtig, dass nicht wenige aus dem Publikum über die gallopierende Blödheit staunen, die ihnen vorgeführt wird, und weniger über die vermeintliche “Komplexität”. Die weltweiten Dienste dagegen lieben ein meist schweigendes, folgsames Publikum.

Zum Glück erregen  großformatige Gangsterjagden nicht alle, auch wenn sie unter dem Titel „Terroralarm überall“ vermarktet werden. Ob das reicht, um die Städte auch hierzulande vor großräumiger Überwachung durch Staat und Firmen frei zu halten, lässt sich bezweifeln.

Wir leben mitnichten in besonderen „Zeiten des Terrors“, denn solche rufen nur Interessierte mit der Hoffnung auf komplette Geschichtsvergessenheit aus. Gerade im bombenarmen Deutschland tut es gut, von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass etwa die Entführung von vollbesetzten Verkehrsflugzeugen in den 70er Jahren schierer Alltag war, Dutzende wurden gekapert. Selbst in Rheinmain konnte im Cafe jemand neben dir sitzen, der auch schon mal zwei Tage in einem entführten Jet verbracht hat.

Die Medien-Perspektive der G7, die sich in dem ganzen Spektakel enthüllt, macht ausserdem unseren zunehmend verengten Tunnelblick im globalen Geschehen deutlich, der anderes als das putzige Märchen vom “globalen Wissen” offenbart. An der Südgrenze der USA zum Beispiel, nicht ganz weit weg von Boston im Norden Mexikos, läuft ohne viel Aufmerksamkeit ein politischer Krieg um Drogen, militärisch durch die USA hochgerüstet und politisch initiiert. Durchschnittlich AM TAG Ermordete: 50. OK, dann noch obendrein der aktuelle Wochenbericht aus dem befreiten Bagdad, um nur ein Land zu nehmen, das nicht zu unseren gegenwärtigen Erregungsregionen gehört: Montag in Bagdad und anderswo Anschläge mit circa 50 Toten, Dienstag in Bagdad 2 Anschläge mit 9 Toten, und am Donnerstag ein Anschlag in einem Cafe: 27 Tote. Aber keine Chance gegen den Boston-Marathon.

Ach so, Bomben: das Niederwalddenkmal in Rüdesheim am Main, ein paar Kilometer von Frankfurt steht nun seit 130 Jahren. Bei der Einweihungsfeier am 28. September 1883 wollte eine Gruppe das 40 Meter hohe Denkmal (75 Tonnen) samt Deutschen Kaiser in die Luft jagen – klappte aber nicht. Auch kein „Krieg gegen den Terror“ wurde ausgerufen. Soviel politische Fantasie gab es bei Kaisers noch nicht.

 


5 Kommentare zu “Boston World Media Theatre 2013”

  1. Sandra

    Tja, halt alles eine Sache der Sichtweisen und Interessen.

    Übrigens, woher wissen Sie denn von den Anschlägen in Bagdad…haben Sie Verwandte/Bekannte dort die berichten…oder ist es vllt. so, dass doch darüber in der Presse berichtet wurde?

    Wie gesagt alles eine Sache der Sichtweise.
    Auf Sites, wie dieser, wird über-ausführlich über die NSU-Terroristen berichtet, während die im gleichen Zeitraum von Türken und Arabern umgebrachten Menschen nicht interessieren.

    Und eh wieder der übliche Einwand kommt….d o c h die Menschen würden teilweise auch aus explizit rassistischen (sprich: deutschfeindlichen Gründen) umgebracht…z.b. beim letzten prominenten Fall – “Scheiss Deutsche” schreiend.

    Wie gesagt, alles eine Sache…welche Opfer einen interessieren.

  2. Sandra

    …kurz und gut, Sie sind um keinen Deut besser als das(oder die Leute) die Sie hier kritisieren

  3. Ano

    Gell Sandra, Gott sei dank waren es Tschetschenen und keine von der kuscheligen TeaParty. Da hatte doch der Putin endlich mal was richtig gemacht vor Jahren da drüben, wie man sieht.

    Tja und das mit den politischen Banden von Türken und Arabern, die in unseren Städten in Serie deutsche Ladenbesitzer umlegen und Wohnhäuser in Brand stecken, oder mal Bomben hochjagen und verarmte Deutsche auf der Strasse strangulieren, immer wieder politische Gegner zu Tode hetzen oder auch mal 1, 2, 3 Polizisten umbringen. Auf die Prozesse bin ich auch richtig gespannt.

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    Vielen Dank für den sehr lesenswerten text!

  5. Allencarty

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