Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Klimawandel: eine Wasserstandsmeldung

Die kleine City am Main neigte schon immer zu gewisser Überschätzung. Die betraf manchmal ihren bürgerlichen Liberalismus, die Bedeutung als politisches Zentrum des Parlamentarismus oder subversiver Initiativen. Frankfurt galt als Springquell kritischer Gesellschaftstheorie und Attraktor der deutschen Verlagskultur. Nun, für all das konnten wir zumindest etwas Zustimmung einfordern. Tempi passati, geblieben ist in Frankfurt beinahe nur noch die zurechtgebügelte Investorenwelt und ein dazu passendes soziales und kulturelles Klima.

Eine weitere symbolische Marke für den Klimawandel am Untermain wurde gestern gesetzt, nämlich mit dem polizeilichen Großeinsatz zur Räumung des besetzten Instituts für vergleichende Irrelevanz (IvI), einem kulturell anregenden, bisweilen umstrittenen Veranstaltungsort. Das IvI war seit 10 Jahren besetzt, residierte in Räumen, die bis vor einem Jahr der Frankfurter Uni gehörten und war im Frankfurter Westend, unweit des Campus Bockenheim und des Instituts für Sozialforschung gelegen.

In Hintergrund, Zeitpunkt und Form der Räumung scheinen mir zumindest drei verschiedene Entwicklungen der Stadt aufscheinen und zusammen zu laufen, die in den nächsten Jahren Frankfurts Politik und Kultur weiter prägen werden, ob in ruhigeren oder unruhigeren Wettern.

Zum ersten die Verfassung der Universität und das geistige Leben drum herum. Während die Universität inzwischen über das zeitgemässe Steuerungsinstrument „Stiftung“ geführt wird, zog sie in ein Areal im Westend um, zu dem kritische Kultur genauso gut passt wie zu einer Gated Community oder den diversen Luxusansiedlungen, in denen HNWI nur ein paar Meter entfernt einziehen kann. Wer die alte Frankfurter Uni kennt, kann vielleicht über den hübschen Park am neuen Standort staunen, aber noch mehr über die Zäune und Sperranlagen, die Wachposten, Videokameras und Zugangskontrollen, die den „IG Farben Campus“ durchziehen und vermutlich das Gedenken der Militäreinrichtungen wamöchten, die hier jahrzehnte lang residierten. Auf dem Kommandohügel dieses Geländes residiert passend das „House of Finance“ mit den Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Seite.

So wird Studierende schon früh auf die Nähe der drei wichtigen Gewalten des Landes eingestimmt. Überwachungsfreie, dabei mehr oder weniger akademisch gekoppelte Gesellschafts- und Kulturkritik liegt jedoch dieser Geografie fern, und es kann der Uniführung nur passen, Störungsquellen wie ein IvI zu Semesterbeginn auszumerzen, und dies den neu zugezogenen Sozialwissenschaften plastisch zu machen.

Zum zweiten wurde das IvI jetzt zu Beginn des Deutschen Städtetags in Frankfurt geräumt, ein Städtetag, bei dem die prekäre Lage vieler Großstadtbewohner Thema wird, unter Wohnbedingungen, die sich für viele im Lande weiter zuspitzen. „Mietpreisexplosion“ und „Gentrifizierung“ lautet eine entsprechende Diagnose der Stunde, und die freiwerdenden Bauplätze im Westend und Bockenheim bieten dafür „Entwicklungspotential“, sei es bis in den Mietspiegel der ganzen Stadt hinein. Die konservative Stadtführung setzte deswegen gegen die Intentionen des Oberbürgermeisters einen Wegweiser für den Städtetag, dass ordentliche Stadtführung sich nicht um ein paar Störungen im urbanen Umbau sorgen müsse. Hauptsache die Linie stimmt, und zwar bundesweit. Diese Strategie knüpft in der Denkweise an das Vorgehen der Stiftungs-Uni an, wirklich Freunde im Geiste.

Schließlich passt zu beiden der dritte Punkt, das ordnungspolitische Zeichen, mit dem die hessische Landesregierung in Frankfurt uns die Folterwerkzeuge zeigt. Ich möchte genauso wenig wie die Polizeiführung in Wiesbaden den heldenhaften Mut einiger Dutzend Unentwegter in einem kleinen Bau im Kettenhofweg unterschätzen. Mir scheint aber, dass sie sich von dem militärischen Aufmarsch in Boston letzte Woche inspirieren lies, und zur Räumung nur auf schwere Panzerfahrzeuge verzichtete. Die Frankfurter Verkehrsachse, der achtspurige Alleenring kam jedenfalls nicht um die Vollsperrung im morgendlichen Berufsverkehr herum, so wollten es die Einsatzstrategen aus Wiesbaden. Alle, die im ganzen Stadtgebiet im Stau standen und nicht nur die, konnten sich dann in Ruhe vergewissern, dass jegliche Störungen der „Investoren“ zwischen Bankenviertel und der neuen Edelmeile „Europaviertel“, ja alle Irritationen von Kapitalinvestition am Main sofort mit exorbitantem Gewaltaufmarsch unterbunden wird.

In diesem Sinn funktioniert die Räumung des IvI als Maß des Klimawandels in Frankfurt, ein Klimawandel, der letztlich nicht nur die Kulturkritiker des IvI, sondern ganz ruhige Leute vor ihrem Video in Bornheim, oder im Cafe im Gallus, beim Kicken in Niederrad und im Park an der Nidda betrifft. Manche haben die Zeichen nur noch nicht gesehen.


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