Frankfurter Gemeine Zeitung

no camera- still no problem?

Auf der Demo gegen den geplanten Naziaufmarsch am ersten Mai drückte mir ein freundliches Mädchen einen Flyer mit folgendem Text in die Hand:

„Sicherer Umgang mit Handys und Kameras…
Eine Demo ist kein Urlaubstrip! Deshalb besonders wichtig… lasst eure Kameras zu Hause, Erinnerungsfotos von Demos braucht niemand! Die Polizei darf außerdem Kameras und Handys beschlagnahmen, wenn sie darauf belastendes Beweismaterial vermutet- im Zweifelsfall werden dann lustig gemeinte Fotos schnell zu repressiven Mitteln gegenüber anderen Demoteilnehmer_innen. In diesem Sinne: auf die Rote Hilfe hören! no camera- still no problem! Dokumentieren und Fotografieren besser den geübten Journalist_innen überlassen!“

Ich verstrickte die junge Dame daraufhin in eine Diskussion. Prinzipiell fand ich es durchaus begrüßenswert, die Demonstrationsteilnehmer für dieses Thema zu sensibilisieren. Grundsätzlich kann ich die wilde und ungefragte Knipserei, die auf Veranstaltungen aller Art und auch im privaten Umfeld leider gang und gäbe ist, nicht leiden.
Trotzdem fand ich, dass der Flyer durch die Realität auf der Maidemonstration ad absurdum geführt wurde.

Die Polizei hatte derart viele Kameras auf die Demonstranten gerichtet, dass man davon ausgehen musste, dass jede noch so kleine Bewegung mitgefilmt wird. Wer irgendetwas tat, das ihn juristisch belastet hätte, konnte sich eigentlich sicher sein, dass die Polizei das ohnehin auf Video hat- so sind nun einmal die Fakten in unserem schwarz-gelb regierten Hessen.
Von daher tritt aus meiner Sicht das Argument, dass versehentlich belastendes Material durch fotografierende Demonstranten erzeugt werden könnte, zurück.
Viel wichtiger finde ich es, den Hunderten von Kameras auf Seiten der Polizei, ebenso viele eigene Kameras entgegenzustellen. Denn Polizeikameras haben so einen seltsamen technischen Fehler: Sie zeichnen zwar Fehlverhalten von Demonstranten minutiös auf, versagen aber regelmäßig ihren Dienst, wenn es darum geht, Gesetzesübertretungen von Polizisten zu dokumentieren.
Und leider sind, wenn Polizisten zu unverhältnismäßiger Gewalt greifen, nicht immer „geübte Journalist_innen“ vor Ort.

Außerdem zeigt die Erfahrung, dass die deutsche Polizei im Zweifel auch nicht unbedingt davor zurückschreckt, Material von Journalisten zu beschlagnahmen.

Vor diesem Hintergrund haben viele Kameras in den eigenen Reihen auch den Vorteil des Schwarmes.
Wenn eine Person mit ihrer Kamera fotografiert, hat die Polizei es leicht, diese herauszuziehen und die Kamera zu beschlagnahmen. Wenn hingegen 100 Kameras auf die Polizei gerichtet sind, ist das nicht mehr so einfach möglich. Schließlich können Kameras auch ein sehr geeignetes Druckmittel sein, übereifrige Ordnungskräfte von allzu selbstgerechtem Verhalten abzuhalten.
Zudem darf man die Macht der Bilder nicht vergessen:
Immer öfter greifen auch Profijournalisten bei ihren Recherchen auf Amateurmaterial zurück.
Ich denke bei den Protesten gegen Stuttgart 21 haben die privaten Kameras der protestierenden Bürger einen wichtigen Teil zur öffentlichen Wahrnehmung der Proteste beigetragen.
Auch der Fall des „Pepperspray-Cop“, also des Campus-Polizisten der University of California, der sitzende Occupy-Aktivisten in sadistischer Weise mit seinem Pfeffer-Spray misshandelte, hätte niemals ein derartiges weltweites Echo erzeugt, wenn er nicht von privaten Kameras mitgefilmt worden wäre.
Als ich am 1. Mai 2002 Zeuge davon wurde, wie eine junge Punkerin mit unverhältnismäßiger Brutalität von Polizisten getreten wurde, bedauerte ich, keine Kamera dabei zu haben. „Geübte Journalist_innen“ waren damals leider weit und breit nicht zu sehen.
So etwas wird mir nicht mehr passieren!
Zumindest so lange die Polizei auf Demonstrationen jeden Teilnehmer und auch jeden unbeteiligten Passanten filmt, lasse ich mir die Mitnahme meiner Kamera auf eine Demonstration weder verbieten noch ausreden.

Natürlich werde ich es vermeiden, Fotos einzelner Demonstranten zu machen, es sei denn es seien Bekannte, die mich ausdrücklich um ein Erinnerungsfoto bitten.
Dies gebietet übrigens auch außerhalb von Demos der Anstand, was sich die sorglosen Trottel, die einen auf jeder zweiten Party fotografieren, um die Fotos danach ungefragt auf Faceblöd zu stellen, auch einmal hinter die Ohren schreiben sollten.


3 Kommentare zu “no camera- still no problem?”

  1. ostendfaxpost

    Überlasst das den geübten Journalisten? Ey der war gut. Und wem gehören dann die Pics? wer hat Zugriff und wer entscheidet was davon veröffentlicht wird? Nun die FR hat hier gute Arbeit geleistet, na ja war ja auch die FR aber gesichter verpixeln? Die doch nicht. Ist doch kein Szeneblättchen.

    Nun zu diesem Thema hab ich was 4 U. *sfg*

    http://politsekten.blogspot.de/2013/05/parteibild.html

    http://politsekten.blogspot.de/2013/03/kameramann-arschloch.html

    http://politsekten.blogspot.de/2013/03/demofotos.html

  2. Blogs im Mai 2013 |

    [...] von Polizisten zu dokumentieren.” Warum Kameras bei Demos wichtig sind: No camera- still no problem? (frankfurter gemeine [...]

  3. Blogs im Mai 2013 | STADTKIND

    [...] von Polizisten zu dokumentieren.” Warum Kameras bei Demos wichtig sind: No camera- still no problem? (frankfurter gemeine [...]

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