Frankfurter Gemeine Zeitung

Angelinas Brüste

Nein, liebe Leser, die FGZ ist keine Plattform für Promi-Klatsch und ich habe auch nicht vor, sie zu einer zu machen.

Egal was man davon halten mag: Normalerweise pflege ich mich durch eine gehörige Portion Arroganz gepaart mit einer Prise linksintellektuellen Standesdünkels gegenüber Leuten abzugrenzen, die sich für Themen wie die Brüste von Angelina Jolie interessieren. Doch manchmal kann man bestimmten Themen nicht entkommen und dann ist nun einmal eine Synapsenverbindung, die sich eigentlich mit Philosophie oder Politik hätte beschäftigen sollen, mit “Brangelina” und ähnlichen Banalitäten zugespammed.
Doch im Kern soll es bei diesem Artikel auch nicht um Angelina Jolie, ob nun mit oder ohne Brüste, gehen.

Darum lasst mich vorab ein paar Dinge festhalten:

1. Angelina Jolie interessiert mich nicht besonders, jedenfalls nicht mehr als Lieschen Müller von nebenan. Tendenziell sogar weniger, weil Lieschen Müller ja wenigstens nebenan wohnt.

2. Angelina Jolie kann mit ihrem Körper machen was sie will. Selbst wenn sie sich ihr rechtes Bein ab Oberschenkel selbst und ohne Betäubung mit Hilfe einer Laubsäge amputiert hätte, wäre das erst mal alleine ihre Sache.

3. Frauen, die eine oder beide Brüste aufgrund von Unfällen oder Krebs verloren haben, verdienen Solidarität und Verständnis der sie umgebenden Gesellschaft.

Angelina Jolie hat mit ihrer Entscheidung sich aufgrund eines bestehenden Krebsrisikos von angeblich 87 Prozent ihre Brüste amputieren zu lassen eine Entscheidung getroffen, die einerseits zweckrational, zum anderen aber auch gewiss durch ihre persönliche Vita mit dem Krebstod ihrer Mutter bestimmt war.

Ich maße mir nicht an, diese Entscheidung zu kritisieren, selbst wenn ich die Entscheidung, zumindest nach meiner jetzigen Überzeugung, selbst so nicht getroffen hätte.
Wenn eine 87prozentige Wahrscheinlichkeit bestünde, dass ich irgendwann im Laufe meines Lebens einmal an Hodenkrebs erkranke, würde ich mir wahrscheinlich trotzdem nicht die Hoden abschneiden lassen, so lange ich nicht gesichert diagnostizierten Krebs hätte.

Was ich allerdings kritisiere, ist die mediale Präsentation ihrer Entscheidung. Die selbsternannte “Stimme des Volkes”, der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner feierte sie regelrecht als Heldin. Auch in den übrigen Medien erscheint mir, dass ihre Entscheidung überwiegend als vorbildlich und nachahmenswert dargestellt wird.

Wie ich bereits in einem anderen Artikel dargelegt habe, stellt das Gebot der utilitaristischen Durchrationalisierung unseres Seins eine erhebliche Bedrohung unserer Freiheit dar.
Ich würde dies nun erweitern: Die utilitaristische Durchrationalisierung unseres Seins stellt sogar eine Bedrohung unseres körperlichen Selbst dar.

Denn mit der Darstellung ihrer Entscheidung als vorbildhaft geht fast zwangsläufig die Einstellung einher, eine gegenläufige Entscheidung sei eben auch das Gegenteil von vorbildhaft, was eine Form der gesellschaftlichen Ächtung einer gegenteiligen persönlichen Entscheidung darstellt.

Die Entscheidung von Angelina Jolie wurde, sowohl von ihr selbst, als auch von den Medien, als eine Entscheidung im Interesse ihrer Kinder zelebriert.
Der Eingriff in den eigenen Körper im Interesse Anderer erscheint hierbei als ein gesellschaftlicher Imperativ, das Verweigern eines solchen Eingriffes hingegen als irrationaler Egoismus.
Im Lichte eines immer mehr um sich greifenden Regulierungs- und Machbarkeitswahns sollte man dies äußerst kritisch betrachten und es tun sich Parallelen auf, zum Beispiel zur Diskussion um Rauchverbote, wie auch zur immer mal wieder aufs Tapet gebrachten Diskussion über Impfpflichten und Erhöhung von Krankenkassenbeiträgen für selbst verschuldete Risiken.

Hier aber droht unsere Gesellschaft eine der grundlegendsten Ideen zu verwerfen, nämlich die der Autonomie über den eigenen Körper. Nicht einmal diese soll nach dem Willen der Apologeten utilitaristischer Denkweise dem Zugriff zweckrationalen Handelns entzogen sein.

Denn man muss ja auch bedenken, dass die Entscheidungsgrundlage, nämlich die 87prozentige Krebswahrscheinlichkeit, nicht Produkt ihres eigenen Handelns, sondern vielmehr Produkt der Feststellungen ihrer Ärzte ist.
Genau aber hierin liegt eine Aufgabe eigener Autonomie zugunsten eines Expertenurteils. Natürlich liegt es im Wesen wahrer Autonomie, auch Entscheidungen treffen zu können, die diese für sich selbst verwerfen.
Die Art und Weise, wie diese Entscheidung nun aber idealisiert wird, lässt mich frösteln.

Angesichts der überall grassierenden Nachfrage nach Experten, Ratgebern und Life-Coaches scheint mir dies ein gewichtiger, aber beängstigender, Zug unserer Zeit zu sein.

Leider nutzt auch Angelina Jolie ihre derzeitige mediale Hyperpräsenz um genau in dieses Horn zu stoßen. So treibt sie nun aktiv Werbung dafür, dass Frauen sich einem entsprechenden Gentest unterziehen. Die Aktienkurse des Gentest-Herstellers Myriad dankten es ihr prompt und kletterten noch einmal in die Höhe.
Ein Statement zu ihrer Operation in der New York Times mit dem Titel “My medical choice” schloss sie mit folgendem Satz:
“Life comes with many challenges. The ones that should not scare us are the ones we can take on and take control of.”

Deutlicher hätte man die geistige Essenz des Wahns universeller Kontrollierbarkeit kaum zusammenfassen können.

Auch wenn ich Angelina Jolie nicht für ihre Entscheidung kritisieren kann: Für diesen Satz kritisiere ich sie. Auf´s Schärfste!


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