Frankfurter Gemeine Zeitung

Vom Wal und seinem größten Sänger

 Neues von und über Herman Melville

 Heute sind Wale und ihr Schutz fast schon Mode, diese oft gewaltigen und majestätischen Tiere rühren uns an, sind tonnenschwere Inkarnationen unseres schlechten ökologischen Gewissens, wenn wir an die Zerstörung der Natur und die mögliche Ausrottung nicht nur dieser Spezies denken. Das war nicht immer so. Unser Wohlstand, die Wurzeln des zeitgenössischen Kapitalismus, sie liegen mehr im industriellen Walfang, der seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert erlebte, als wir uns vorstellen können. Der Walfang in Nordamerika geht bis auf die Pilgerväter zurück und machte später das Hafenkaff New Bedford zeitweise zur reichsten Stadt der Welt. Davon und von noch viel mehr erzählt der britische Autor und Journalist Philip Hoare in seinem Buch Leviathan oder der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe. Ausgezeichnet 2009 mit Samuel Johnson Prize for Non-Fiction, stellt Hoare folgerichtig einen Mann und sein größtes Buch, wenn nicht einen der größten Romane der Literaturgeschichte, wohl einer der wenigen, die in der Moderne einen Mythos geschaffen haben, in den Mittelpunkt: Herman Melville und sein 1851 erschienener Moby Dick, oder der Wal. Der Kampf zwischen Wahnsinn und Verblendung und dem Leviathan, zwischen Ahab und dem Wal aller Wale, dem weißen Pottwal. Am Ende sind beide dem Untergang geweiht. Melvilles Moby Dick ist ein Weltbuch. Sicher, Frauen kommen darin nicht vor, denn der Walfang trennte die Geschlechter, wie es Ahab seinem Ersten Steuermann Starbuck gegenüber auf den Punkt bringt: „ Aye ( : ) von diesen vierzig Jahren habe ich nicht drei an Land verbracht … kaum daß ich eine Mulde hinterließ auf meinem Hochzeitskissen.“ – Ansonsten – ein Kosmos erzählerischen Furors und polyhistorischer Kompositionskunst, der sich aller Formen der Prosa, der Lyrik, gar des Dramas bedient und zu einer bis heute eine grandiose Leseerfahrung beschert. Hoares Buch atmet diesen Geist, auch weil er von seinen persönlichen Erfahrungen und Reisen zu den ehemaligen Zentren des Walfangs berichtet, sich jedoch nicht ungebührlich in den Vordergrund drängt. Sondern damit eine schöne Klammer zwischen den Zeiten schafft, wenn er davon erzählt, wie tote Wale zur Attraktion wurden, davon, wie lange die Menschen so gar nichts von diesen Säugetieren wußten, die aber gnadenlos von ihnen gejagt wurden und von manchen Nationen immer noch werden. Und wer glaubt, mit dem Untergang der „klassischen“ Walfangindustrie habe sich die Situation der Ausbeutung der Ressourcen zu deren Schutz verbessert, den belehrt der Autor eines besseren. Mit esoterischem Schnickschnack hat sein Buch nichts zu tun, sondern mit Respekt und dem Staunen über die Wunder der Evolution. Eine blendend geschriebene Natur-, Kultur- und Literaturgeschichte, die Sie ans Steuer des Lesepults fesseln wird.  http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1d/Herman_Melville_1860.jpg/220px-Herman_Melville_1860.jpg

Eine frühere Version der Übersetzung von Gedichten Herman Melvilles, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, erschien 2007 im Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Nr. 68, herausgegeben von Norbert Wehr. Der Herausgeber und Übersetzer Alexander Pechmann hat seine Übertragungen überarbeitet, jetzt liegen sie in einer edlen, zweisprachigen Ausgabe vor. Und geben so Anlaß und die Möglichkeit, den Lyriker Melville kennenzulernen, der so gut wie vergessen diesen Gedichtband als Privatdruck in 25 Exemplaren 1888 publizierte und an Freunde verschenkte. Darunter Verehrer seines Werkes, die sich in England anschickten, die Renaissance oder genauer, die Wiederentdeckung dieses Autors einzuleiten. Melvilles John Marr und andere Matrosen ist ein wohlkomponiertes Gefüge aus Prosagedichten und lyrischen Texten. Zentrales Thema ist laut Pechmann, der schon so manche Trouvaille der angelsächsischen Literatur des 19. Jahrhunderts gehoben hat, die Trias „Zufall, Wille und Notwendigkeit“. Melancholisch gemildert durch die Erinnerung. Der letzte Zyklus schließ mit sieben Kurzgedichten: Pebbles – Kieselsteine. Rosmarin steht in der Folklore für diese:

 Herman Melville

 Pebbles

 VII

 Healed of my hurt, I laud the inhuman Sea –

 Yea, bless the Angels Four that there convene;

 For healed I am even by their pitiless breath

 Distilled in wholesome dew named rosemarine.

 Kieselsteine

 VII

 Befreit von Schmerz, preis ich die unmenschliche See –

 Segne die Engel, die vier, die dorthin zieh’n;

 Denn sogar ihr gnadenloser Atem hat mich geheilt,

 Vermengt mit bekömmlichem Tau namens Rosmarin.

Philip Hoare, Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe, Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring, Hamburg, mare 2013, 522 Seiten, geb., 26 € 

 Herman Melville, John Marr und andere Matrosen. Mit einigen Seestücken, Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Illustrationen von Pascal Cloëtta, Zweisprachige Ausgabe, Hamburg, mare 2013, 160 Seiten, geb., Ln. Im Schuber, 24 € 

 


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