Frankfurter Gemeine Zeitung

Wanderzirkus Partizipation: Planungsgespräche jetzt in Niederrad

In schöner Regelmässigkeit gastiert der Wanderzirkus Planungsgespräche in dieser Stadt, zuerst zog er seine Show in Bockenheim ab, nun hat er seine Zelte in Niederrad, im Mainfeld aufgeschlagen. Wie noch immer kommt er mit hochkarätiger Besetzung daher und versetzt die Menschen allenthalben in wahre Verzückung.
Aktuell sind sie mit dem Programm Planungsgespräche Niederrad am Main unterwegs. Und wie erwartet ist es wieder das beliebte Schelmenstück. Nur hier gibt es noch einen Moderator, im Alltag Quartiersmanager, der sich aufführt wie James Cagney im Krimi Little Caesar der schwarzen Reihe („Ich bin der Moderator“).
Die Dramaturgie des Stücks ist gut, soviel sei neidlos anerkannt. Die Steigerung der Handlung ist so gewählt, dass sie die Beteiligung der Zuschauer fast realistisch gestaltet, heute würde man sagen, ein interaktives Skript oder eine Art „Schwarmintelligenz“. (Da habe ich mitgemacht, die Farbe der Fenster ist mein Vorschlag).
Es heisst auch nicht umsonst „Niederrad am Main“, um deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass es um mehr geht als nur um ein paar Wohnungen und deren Mieter*innen (was übrigens der Herr Quartiersmanager sofort klar machte) und deshalb die Meinung aller im Stadtteil gefragt ist.

Zunächst geht es um den schicken neuen Quartiersplatz, zentral in die Siedlung geknallt und nachdem hier schon mal ein grundlegendes Einverständnis erzielt ist, um die bestehenden Hochhäuser und den neuen Wohnungsbau, dann um die Gestaltung des Mainufers.
Dies entspricht zwar nicht unbedingt den Interessen und vor allem den Befürchtungen der Bewohner*innen einiger Häuser, dafür aber folgt es dem Drehbuch hin auf das ersehnte Happy End. Wer sich erstmal auf die Gestaltung eines zentralen Platzes geeinigt hat, der sieht den Rest mit anderen Augen und ist auch eher geneigt, einige Härten hinzunehmen im Sinne der Verantwortung um das Ganze. Der hat natürlich auch akzeptiert, dass das Senioren-Wohnheim unbedingt abgerissen werden muss, sonst wären alle die bunten Bildchen, die so gemalt wurden, hinfällig. Dass hier aus Verlegenheit mit der Zeit ein Mix aus studentischen Zimmern und eben den Alten entstand, Schwamm drüber.
Und die Verbindung von Grünanlagen macht nebenbei auch die Neubauten schmackhaft, vor allem, wenn sie sich so niedlich in die Zeichnungen integrieren lassen. Und da Frankfurt stets für Alle baut, erübrigt sich die Nachfrage (s. Kulturcampus und Europa-Viertel, Gallus und Ostend).

So kommt man über diese wunderbaren Anlagen, klar und leicht sauber zu halten, was erst öffentlich heisst, wird im nächsten Satz zur Stätte von Gastronomie, zur Frage, dass dem ein Haus entgegen steht und aus ästhetischen Gründen da nicht mehr hingehört. Die Konsumenten werden bedient und das müssen die paar Betroffenen doch verstehen.
Die Anwesenden dürften einen Durchschnitt von 55+ repräsentiert haben und auch das nur, weil die Journalisten und Bediensteten der Einrichtungen mitgezählt wurden. Und im Grunde typisch: die Bewohner der am meisten betroffenen Häuser glänzten durch massive Abwesenheit. Und ganz offen: die hätten nur gestört, wie sich am Auftreten eines Aktiven auch zeigte.
Nach der Präsentation vieler bunter Bildchen durch Planungsamt und Planungsbüro wurden die Anwesenden von Moderator Little Caesar eingeteilt und durften sich ans Werk machen, Buntstifte und Vorlagen gab es reichlich, nette junge Stadtplanerinnen standen Rede und Antwort und stimmten auf diese schöne neue Niederräder Welt ein, die auf Papier so ordentlich und adrett, in der Realität meist öde und steril daher kommt.
Das tut der Stimmung keinen Abbruch, es kann darüber diskutiert werden, ob sich japanische Zierkirschen gut machen und alles ist voll dabei. Einwendungen, hier ginge es vordringlich um ein anderes Thema – Vertreibung ja oder ja – wird einvernehmlich von Moderator und der Mehrheit nieder gebrüllt.
Es ist an der Zeit die Krabbelstube zu verlassen.

Rechtzeitig zu der Auftaktveranstaltung erhalten die wenigen Aktiven eine Antwort vom OB auf einen Brief, in dem es um Klarheit betreffs der Hochhäuser geht.

Im Wortlaut:

Sehr geehrte……
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 16.05.2013.
Die Situation der Mieter im Mainfeld ist mir eine wichtiges Anliegen und ich kann Ihren Unmut sehr gut nachvollziehen.
Ich möchte Ihnen hiermit nochmals versichern, dass ich mein Wort halte. Außer der Altenwohnanlage soll nichts abgerissen werden, d.h. ein Abriss anderer Häuser darf nicht stattfinden.
Wie im vergangenen Jahr bei meinem Besuch von mir sehr deutlich gesagt, sollen die anderen bestehenden Gebäude im Bestand renoviert werden, nicht zuletzt um die Planungssicherheit der Mieter zu gewährleisten.
Über diese Zusage den Mietern gegenüber besteht Einigkeit zwischen Herrn Junker und mir! Zu Aussagen anderer Personen kann ich nichts sagen und Ihnen hier ein weiteres Mal versichern, dass ich bei meiner Position bleiben werde.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Peter Feldmann

Weswegen nun aber Varianten diskutiert wird, die genau einen solchen Abriss vorsehen, ist nicht richtig verständlich. Warum werden zwei Varianten vorgestellt, wenn laut dieser Aussage eine bereits gegenstandslos sein sollte? Doch nicht so ganz?
Die Variante mit dem schönen grossen zentralen Platz weist ein merklich höhere Neubebauung aus und auch bei der Präsentation war nur von dieser Variante die Rede. Dabei wurde immer auf einen „Strukturplan“ verwiesen, es ist notwendig, hier einmal klarzustellen, was das ist.

Strukturpläne sind kein Bestandteil des Planungsrechts, so wenig wie Planungswerkstätten Gremien echter Mitbestimmung sind. Diese Strukturpläne sind einerseits Kalkulationsmodelle, andererseits dienen sie dazu, die verschiedenen Interessen in einen Plan so einzubinden, dass keine Widersprüche entstehen. Sie verpflichten zu nichts. Aber sie sind gute Tests, ob und wie sich Widerstand regt.


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