Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Albträume im Juni 2013

Koalitionäre nächtens am Volk

Zuweilen schlafe ich schlecht. Ganz schlimm wird es, wenn mich ein Nachtmahr zum Schwitzen bringt. Der Alb kommt meistens mit einer Art Cliffhanger, zu dem was mich am Tag, die Woche vorher in meinem Umfeld überfiel. Diesmal waren es wieder Presseerklärungen, Zeitungsartikel und ein wenig Politik auf der Strasse rund um “Blockupy”.

Dabei fing eigentlich alles ganz harmlos an. Die schwarz-grüne Koalition reagierte wie gewohnt auf die Ankündigung einer Demonstration gegen die europäische Wirtschaftsregierung und ihr Wüten, das vornehmlich gegen schwächer armierte Bevölkerungsteile quer durch die Länder gerichtet ist. Die CDU und ihre Freunde kreischten über drohende Gewalt am Main, die Grünen ängstigten sich um die EZB und das nette Frankfurter Lebensklima. Vereint wollten sie wie üblich alles verbieten, doch überraschend gab ein Gericht die Strassen um die EZB frei.
Deshalb mussten andere Mittel her, paramilitärische Polizei stoppte das Ganze und prügelte mal richtig durch. Derweil saß Schwarz und Grün im nahen Römer, solidarisierte sich mit dem Gewaltapparat und der OB-Pudding Feldmann von der SPD suchte hastig das Weite. Kennen wir, war nicht anders zu erwarten. Tapfer blieben die Grünen auch noch auf eigener Pressekonferenz, und stützten die absurden Gewaltrechtfertigungen ihrer Koalitionspartner. Kennen wir auch, haben ja die Grünen Realos in Frankfurt schon seit Jahren am Hals.

Der Auslöser meines Albtraums war noch nicht die anschließende schwarz-grüne Forderung nach „Aufklärung der Vorgänge um Blockupy“, sondern die Überschriften in der FR am Montag: „Gewaltlos“ zur „Ausgelassenen Protest-Party“ am letzten Samstag. Fett dabei in den Strassen die Grünen, mit Bürgermeister und Bundestagsabgeordneten. Ja genau, die Frankfurter Grünen in der Angst vor Wählerverlust.

Die Bilder liessen mich nachts nicht los, und vor meinen Augen marschierte die Führung der Partei-Grünen aus Stadt und Land. Ganz vorne als Phalanx an der Spitze einer zehntausendköpfigen Demo kamen sie mit ihren Fahnen direkt vor die EZB am Willi-Brandt-Platz. Transparente wie „Gewaltlos mit dem Euro“, „Retten in der Krise“ hüpften über die Köpfe und polizeiliche Greiftrupps öffneten ihnen schließlich den Stacheldrahtverhau um die Bank.

EZB-Banker kamen aus dem Gebäude und klatschten immer mehr Beifall, gar Mobiliar wurde herausgeschoben. Ein runder Tisch bildete sich vor dem großen €, an dem die Banker, Polizeiführung und Grünenvorstand Platz nahmen: „so sieht echte Partizipation aus“, vernahmen die von hinten Aufrückenden.

Gefühlte Freiheit am Grünen

Ich traute meinen Augen nicht, ein Hitzeschwall kam beim nächsten Akt: da stürmte doch Ordnungsdezernent Frank auf dem Mountainbike an den runden Tisch und verkündeten „freie Fahrt fürs Fahrrad vor der EZB“, und zwar in alle Richtungen. Jubel an den Bänken kam besonders von der Polizeiführung, als eine radelnde Grünenabordnung aus der Bergerstrasse flugs mobile Fahrradständer heran karrte und direkt vor der EZB monierte: „so lässt es sich in begrünter City, im schönen Frankfurt gut leben“.

Doch das war nicht alles, schweissgebadet kam für mich die nächste Szene: an der Spitze einer Abordnung des Tigerpalasts schritt Innenminister Boris Rhein, und forderte die Umstehenden zum Tabledance unter dem €-Zeichen auf. „Gelebte Freiheit aus Frankfurt“ skandierten Rhein, sein ehemaliger Studienkollege Cunitz und der grüne Kulturmanager Klinke. Der konnte gerade noch neben Frank verkünden, dass er für dieses friedvolle Kulturevent sein Entertainment zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellt. Journalisten murmelten „Boris for President“?

Die vier tanzten zusammen auf den Tischen, mit den Armen unterhakt, bejubelt von den zahlreichen Initiativen des „Frankfurt Gardening“ und den noch zahlreicheren Firmenmitarbeitern, die sie im Auftrag ihres Sponsors vom Flughafen, der FAG, begleiteten. „Wir brauchen keine schwarzen Blöcke, die durch unsere Gardens trampeln“ konstatierte energisch ihr Sprecher.

Sogar eine Abordnung der Frankfurter Studentenschaft war diesmal dabei, direkt vom Campus um das „House of Finance“ gekommen. Sie verlas von oben eine Grußbotschaft des Präsidenten der Stiftungsuni an die Tausende staunender Zuhörerinnen. Es ging um die nächste Freiheit, eben die unserer Gedanken, wie sie gerade im Westend so wunderbar gepflegt werde.

Eigentlich eine reizende, eine typisch Frankfurter Szene, durch die hindurch an mein Ohr allmählich die Stimme der Grünen-Bürgermeisters Cunitz drang. Der Geck erklärte, dass die Grünen klar Position bezogen haben und drückte sein Unverständnis über Kritiker aus, die sie – und damit meinte er vermutlich sowohl „die Bewegung“ wie „schwarz-grün“ – immer wieder spalten wollten.

Die blanke Wut darüber, über die affigen Fahrradständermonteure und die ganze restliche Bagage weckten mich, aber das war alles kein Traum mehr, denn genau das äusserten die Grünen tatsächlich gegenüber den Medien.

Schlicht der Albtraum im Albtraum am Main.

 


Ein Kommentar zu “Frankfurter Albträume im Juni 2013”

  1. Bernhard Schülke

    Zum Foto: Ich hätte es eher mit der Bildunterschrift “Grüne Freiheitsperspektiven” versehen, was den Widerspruch stärker hervorhebt und ein Wort des Plakates aufgreift.

    Bei Polizeisperren ist es mit der “Mobilität” nicht weit her.

    Grünen Wähler wird eine Art besondere “geistige Mobilität” abverlangt; ein Zwischending zwischen gezieltem Wegschauen und aktiver spießbürgerlicher Sättigungspassivität.

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