Frankfurter Gemeine Zeitung

Westliche Werte

Alle Augen sind auf Istanbul gerichtet, auf Gezi Park. Die Stadtverwaltung wollte den Park wegirrationalisieren, doch die Bürger haben sich S21-artig zusammengetan und den Park okkupiert. Bald ging es nicht mehr nur um Erhalt der Sehenswürdigkeiten. Es ging um den Protest gegen die dystopische Politik von Erdogan (s. ausführliche Analyse der Protestbewegung hier und hier). Doch bald kam schon die Polizei. Bald flogen die ersten Gummigeschösse und Gasbomben, bald gab es die ersten Verletzten. Bald wurde ein Ultimatum gestellt, dass alle, die sich in dem Gezi Park befinden, zu Terroristen erklart werden.

Die Revolutionszustände brechen an. Die Ärzte, die die Demonstranten behandeln wollen, werden verhaftet. Gleichzeitig öffnet Divan Hotel seine Türe für verletzte Demonstranten (und wird von der Polizei beschossen). Und ein Pianist aus der Konstanz, Davide Martello, kommt urplötzlich mit seinem Flugel und spielt “Imagine” von Lennon. Für alle Beteiligten, für beide Seiten.

Im Interview mit Spiegel erklärt der Pianist seine Intention.

SPIEGEL ONLINE: Was kann Klaviermusik zwischen Tränengas und Steinewerfern denn verändern?

Martello: Ich sehe mich mit meiner Musik als eine Art Friedensbotschafter. Dabei ist der Flügel nicht nur mein musikalisches Instrument, er verkörpert auch westliche Werte wie Demokratie und Frieden, für die ich einstehe.
Quelle.

Doch behalten wir die Westlichen Werte mal im Kopf und drehen kurz den Globus in Richtung Schweiz. Basel. Gestern.

Art Basel. Favela. Wissen Sie, was Favela ist? Elendviertel in Brasilien. Doch was hat das mit Basel zu tun? Für Art Basel wurde der Architekt Christophe Scheidegger zusammen mit dem japanischer Künstler, Tadashi Kawamata, beauftragt, ein Café-Meetingpoint als Favela einzurichten, was er auch getan hat. Favela-Café diente ab nun den Galleristen und Vertretern des Kunstbetriebs, im Schatten des schicken Slums ein Cappucino oder Prosecco zu geniessen, ihre Connections zu knüpfen, und unter dem brettigen Hüttendach das moderne Messe-Bau gegenüber zu bewundern. Den Urhebern des Werks ging es aber nicht um die architektonischen Kontraste:

Einen Kontrast zwischen dem schillernden Messe-Neubau und den banalen Holzbauten zu erzeugen sei aber nicht die zentrale Absicht des Künstlers Kawamata. «Es liegt beim Betrachter herauszufinden, warum das Projekt so aussieht.» Er wolle die Interpretation ganz dem Betrachter überlassen, so Scheidegger. Es gehe vor allem darum, den öffentlichen Raum zu gestalten.
Quelle

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Quelle: http://whitewallmag.com/all/art/basel-tadashi-kawamatas-favela-cafe

Und die Interpretationen kamen. Denn das Ganze war für einige zu dekadent, zu zynisch, im Schatten der simulierten Bruchbuden einen teueren Kaffee zu sippen, eine Art Rollenspiel, Schickeria der Armut, eine Apotheose der Gentrifizierung. So okkupierte man den öffentlichen Raum, sprich: diese unechte Favela und baute man zusammen etwas Authentischeres – nämlich die Atmosphäre des Armenviertels, inklusive laute Musik und Tanzen bis 22:00. (Wobei über die Authentizität des Armenviertels im Sinne der berauschenden Partys ist auch – bei all der bewundernswerten Kritik am Establishment – ebenso diskutierwürdig).

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Quelle: http://www.tageswoche.ch/de/2013_24/basel/551573/video-gewaltsame-polizeiraeumung-am-messeplatz.htm

Nichtsdestotrotz hatte die neu zusammengezimmerte Favela nichts mehr von der Heuchlerei – Kinder, Grillen, Kreidebemalung des Bodens, ausgelassene Atmosphäre, fern jeglicher Kunstmarktprofitgeschäftsmeetings.

Doch ach, bald kam schon die Polizei. Bald wurde ein Ultimatum erklärt, “dass eine Strafanzeige riskiere, wer sich nach 20 Uhr noch auf dem Platz befinde” (Quelle). Bald flogen Gummigeschösse. Bald floss Pfefferspray. Bald gab es Verletzte *). Platz geräumt. (S. Video – nicht für Zimperliche)

youtube
Basel, 15.06.2013. Quelle: Youtube

Westlichen Werte?


P.S. Das Ganze schreit nach einer Performance, als eine künstlerische Auseinandersetzung mit den hochaktuellen Themen wie (Bl)occupy, Staatsterror, Gentrifizierung, Superfizialität des Kunstbetriebs etc.. Wenn das eine Künstleraktion war (samt kostümierter Polizei), dann Hut ab! Wenn das aber die tatsächliche Vorgehensweise gegen die “Okkupierer” gewesen ist – dann Gute Nacht!
P.P.S. Gute Nacht. (S. eine treffliche Analyse von Michèle Binswanger: “Ein Zeugnis geistiger Verkrustung“)
P.P.P.S. Philipp Meier, der Ex-Direktor der Züricher Cabaret Voltaire, brachte diese Gegenüberstellung (artBasel, wo die Werke von Ai Weiwei präseniert werden, versus Anti-Establishment-Aktion) auf den Punkt:

Art Basel 2013: drinnen feiern sie systemkritiker und draussen prügeln sie systemkritiker.

S. auch seine tiefgreifende Analyse.

Ja, so ist es halt bei uns in Europa. Die bösen Systeme sind immer woanders. Bei uns stimmt ja immer alles.

________________

*) Basler Polizeidirektor Baschi Dürr verteidigt weiterhin den Polizeieinsatz. Das Ziel war lediglich die Musikanlage, die zu beschlagnahmen war. (Von dutzenden herumballernden Polizisten in Vollmontur). Er behauptet auch, es habe keine Verletzten gegeben und auch keine Verhaftungen:

Ja, es hat keine Verletzten gegeben und auch keine Verhaftungen.
Quelle

Es hat also keine Verletzten gegeben. Und auch keine Verhaftungen. Dann fragt man sich nur, was der auf dem Boden liegende Mann da macht, inmitten der Polizeistiefel (s. Bild oben). Geniesst wahrscheinlich ein Cappuccino für EUR 9,- aus einem der Favela-Cafés.


5 Kommentare zu “Westliche Werte”

  1. Florian K.

    Von der politischen Seite her habe ich eine klare Meinung zu dem Vorgehen der Polizei.

    Von einem (zugegebenermaßen zynischen) kunstästhetischen Gedanken her bin ich zutiefst beeindruckt, von dieser grandiosen Performance moderner Kunst.

    Erst durch das unfreiwillige Zusammenwirken der Akteure Veranstalter, Protestierer und Polizei konnte es gelingen, Favela nicht nur als Kulisse darzustellen, sondern Favela für die Beteiligten wenigstens ein kleines Stück weit erlebbar zu machen und damit einen großen Anspruch moderner Kunst einzulösen.

    Dass es eigentlich nicht Ziel der Polizei sein sollte, diese Art von Kunst zu produzieren, steht auf einem anderen Blatt.

  2. Merzmensch

    Ja, das ist die nach Peter Bürger stattfindende “Überführung der Kunst in die Lebenspraxis” (die Realisierung der Avantgarde). Denn alle Beteiligten werden – ohne es zu wissen – zu den Mitwirkenden. Eigentlich, wenn ich mir mal überlege, diese verschachtelte Performance ist – angefangen von den Favela-Cafés (in welchen die Kunstmarktgeschäftsleute verweilen, ohne diese Diskrepanz zu beachten) – ein grossartiges Sinnbild für die Lächerlichkeit unserer kontemporären Kultur.

  3. gaukler

    Wir könnten es auch als ein ultimatives Zeichen des Marktes interpretieren: auch Gewalt dieser und jener Art, handgreifliche politische Umstände lassen sich von ihm adaptieren und auf eine passende Schiene schicken, Über sie können wir uns dann – Teil des Spiel – artikulieren, erregen, sie medial inszenieren – und wir bleiben bis zum Schluß des Akts fast immer in seinem installierten Geschäft.

  4. Florian K.

    Ich finde übrigens folgenden Teil sehr interessant:

    “Es hat also keine Verletzten gegeben. Und auch keine Verhaftungen. Dann fragt man sich nur, was der auf dem Boden liegende Mann da macht, inmitten der Polizeistiefel (s. Bild oben). Geniesst wahrscheinlich ein Cappuccino für EUR 9,- aus einem der Favela-Cafés.”

    Hier hat Merzmensch den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Denn was mir bei Demonstrationen immer wieder auffällt, ist die unterschiedliche Zählweise von Verletzten in Gesellschaft und Medien.

    Wenn es heißt bei einer Demo hätte es soundsoviele verletzte Polizisten gegeben, so zählen hierbei gewiss auch Verletzungen der folgenden Art dazu:

    - Druckstellen und Blasen aufgrund des Tragens von schwerer Schutzausrüstung, sowie Überanstrengungsschäden aller Art
    - Augenreizungen durch Pfefferspray der eigenen Kollegen
    - Stürze von Polizisten beim Ansturm auf die Demonstranten
    - u.s.w.

    Dies scheint mir nur teilweise mit politischen Absichten zusammenzuhängen.
    Ich glaube vielmehr, dass hierbei auch praktische Faktoren statistischer Erfassbarkeit eine Rolle spielen.

    Während Polizisten während ihres Einsatzes unfallversichert und organisatorisch voll eingebunden sind, sind es die Demonstranten nicht.

    Es ist ohne weiteres statistisch lückenlos zu erfassen, wieviele Polizisten nach einer Demo zum Arzt mussten.
    Wesentlich schwieriger ist es zu ermitteln, welche Verletzungen von Polizisten durch direkte Einwirkung von Demonstrationsteilnehmern verletzt wurden.

    Verletzungen von Demonstranten sind wesentlich schwerer zu erfassen. Ein Demonstrant, der verletzt zum Arzt geht, könnte aus verschiedenen Gründen garnicht wollen, dass er statistisch erfasst wird, zum Beispiel wenn ihm alleine aus der Teilnahme an einer Demo juristische und gesellschaftliche Nachteile erwachsen könnten.
    Und wer ermittelt überhaupt die Zahlen verletzter Demonstranten? Die Polizei? Die Rettungskräfte vor Ort?
    Was ist, wenn ein Demonstrant mit gebrochenem Arm sich nicht vor Ort behandeln lässt, sondern sich ins nächste Krankenhaus schleppt und auf eine Anzeige verzichtet, weil er den vermummten Polizisten, der zugeschlagen hat, ohnehin nicht identifizieren könnte?
    Zählt der dann noch als Verletzter mit?
    Zählen Rettungskräfte vor Ort überhaupt jeden Demonstranten, der sich einen Eisbeutel geben lässt, weil er einen Knüppel auf den Ellenbogen bekommen hat?
    Ein Polizist mit einer Prellung wird definitiv als Dienstunfall behandelt und meines Wissens nach sind Polizisten auch angehalten solche Dinge zu melden, so dass bei Verletzungen von Demonstranten von einer weit höheren Dunkelziffer ausgegangen werden müsste, als bei Verletzungen von Polizisten, wo die Dunkelziffer verschwindend gering sein dürfte.

    An den Zahlen über Verletzte bei Demonstrationen, die in den Medien veröffentlicht werden, sind Zweifel gerechtfertigt.

    Noch schwieriger ist es übrigens zu erfassen, wieviele Polizisten im Rahmen rechtmäßiger Handlungen und wieviele im Rahmen von unrechtmäßigen Handlungen und damit im Rahmen von Notwehr durch Demonstranten verletzt wurden.

    Tatsächlich wird das bestehende Recht auf Notwehr und Widerstand gegen Gewalt- und Willkürmaßnahmen der Polizei gesellschaftlich kaum thematisiert und damit auch die juristisch und moralisch gerechtfertigte Gegenwehr gegen Polizeiübergriffe meist nur unter dem Gesichtspunkt der Gewalt gegen Polizisten diskutiert.

    Die oft geäußerte Forderung nach Kennzeichnung von Polizisten und einer unabhängigen Kontrollstelle scheint mir vor diesem Hintergrund äußerst unterstützenswert.
    Bisher wurde diese Forderung aber von Interessenverbänden der Polizei, sowie konservativen Politkern erfolgreich blockiert.

  5. Allencarty

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