Frankfurter Gemeine Zeitung

Ostend im Umbruch – Rede aus dem Frankfurter Stadtnetzwerk an der Alten Feuerwache

Herzlich willkommen an der alten Feuerwache!

Auch wenn es hier eigentlich noch hübsch schmuddelig aussieht, befinden wir uns hier sozusagen im Auge des Orkans dessen, was man schön abstrakt Gentrifizierung nennt.

Das Ostend wird heute ganz offiziell als „die letzte große Erfolgsgeschichte Frankfurts“ tituliert – so zum Beispiel in einem kürzlich entstandenen Imagefilm der Franconofurt-Tochter Opera One, mit dem sie im Netz, aber auch auf Bürgerversammlungen, für ihre neuesten Immobilienprojekte wirbt.

Das Ostend wird gerne als total „dynamisch“ angepriesen. Es gilt nicht nur bei privaten Immobilieninvestoren, sondern auch bei der Frankfurter Stadtplanung als das dynamischste Viertel Frankfurts. Was damit gemeint ist, wird meistens hinter Schlagwörtern wie Kreativität und Urbanität versteckt.

In Wahrheit gemeint ist damit aber die „dynamische“ Entwicklung des Preises von Wohnraum.

Das heisst im Ostend ganz konkret, dass ein ehemaliges Industrieviertel, dass vor 10-20 Jahren noch am unteren Rand des Mietniveaus lag, heute bei den Neuvermietungen das zweitteuerste Viertel der Stadt geworden ist, und nur noch knapp hinter dem Westend liegt, aber schon vor dem Nordend, dass ja auch nicht eben billig ist.

Hierzu nur mal ein paar Zahlen:
Eigentumswohnungen sind in den vergangenen Jahren im Schnitt um 20% pro Jahr teurer geworden. Bei Mietwohnungen ist der Anstieg immer etwas zeitverzögert und deshalb noch etwas weniger drastisch. Das wird sich aber leider ziemlich schnell ändern. Wen das trifft, ist natürlich klar: Die Stadt gibt den Hauseigentümer_innen im Ostend den Rat, sich den Modernisierungsausgleich, den sie auf Grund der durch ihre Sanierung und durch den Bau der EZB sprunghaft angestiegenen Bodenpreise zahlen müssen, bei den Mieterinnen und Mietern wieder rein zu holen.

Dass man die Geschichte des Ostends als Erfolgsgeschichte erzählen kann ist also sicher richtig. Man sollte nur halt nicht vergessen dazu zu sagen, wer hier den Erfolg hat, und das es bei den meisten Geschichten neben Gewinnern eben immer auch Verlierer gibt.

Ein paar Beispiele aus der unmittelbaren Nähe, für wen die Stadt hier gerade besonders dynamisch ist:

-  Auf der Brache der alten Feuerwache hier direkt neben uns wächst seit Jahren Unkraut. Das wird sich allerdings sehr bald ändern. Dort soll noch in diesem Jahr mit dem Bau eines Luxushotels, hochpreisiger Eigentumswohnungen und Gewerbe begonnen werden. Der Danziger Platz selbst soll dann komplett saniert und rausgeputzt werden.

-  Ein paar hundert Meter von hier entfernt, am Osthafenplatz kann man seit kurzem Luxusloffts und Penthouses beziehen. Das Projekt unter dem schönen Titel Main-Eastside-Premium-Lofft besteht aus Eigentumswohnungen für 7.500 Euro/m2 und Mietwohnungen zum Preis von knapp 20 Euro/m2.

-  Ebenfalls in Spuckweite von hier, in der Ferdinand Happ Straße, entstehen Wohnungen nach dem Konzept des Microliving. Das ist so eine Art Mini-Appartment für reiche Singles, die unter der Woche hier in den zahlreichen Werbeagenturen arbeiten und am Wochenende pendeln.

-  Da vorne, hinter der EZB, wo heute noch das Sudfass, der bekannteste Puff der Stadt ist, gibt es demnächst Boardinghouses: das sind komplett eingerichtete Appartments für Spitzenverdiener z.B. aus der EZB, die eigentlich funktionieren wie ein Hotel: wenn man das nötige Kleingeld hat, muss man sich um gar nichts mehr kümmern, bekommt gekocht und die Wäsche gewaschen.

-  Und wenn man in die Tiefgaragen der in den letzten Jahren entlang des Mains entstandenen Wohnungen schaut, sieht man eine beeindruckende Anzahl von Sportwagen. Wer diese Wohnungen bezahlen kann, ist also ziemlich klar.

Jetzt könnte man sagen: Was schert uns das? Soll doch jeder leben wie er will. Stimmt natürlich leider nicht. Denn all diese Entwicklungen betreffen die Menschen, die hier leben ganz unmittelbar. Und das heisst: Sie betreffen uns alle ganz unmittelbar.

Wenn man von hier aus auf das umliegende Ostend schaut, muss man leider sagen: Wenn wir uns nicht jetzt anfangen zu wehren, dann kommt das Schlimmste erst noch, und zwar ziemlich bald. Spätestens in den nächsten Mietspiegel werden diese teuren neuen Investitionsobjekte nämlich eingehen, und dann gibt es für jeden Vermieter die Möglichkeit, die Miete drastisch zu erhöhen. Dann wird es für sehr viele der Menschen, die schon lange hier leben, garantiert nicht mehr möglich sein, ihre Wohnung zu bezahlen. Dann könnte sich das ganze Viertel sehr schnell in eine Gated Community für Reiche verwandeln, nur vielleicht ohne Zaun.

Auch wenn uns das Investoren, Politiker und manche Sozialwissenschaftler gerne erzählen: Gentrifizierung ist kein „natürlicher“ Prozess, den man nicht ändern kann. Gentrifizierung ist ein bewusst gesteuerter Prozess, hinter dem ganz bestimmte Entscheidungen und Interessen stehen.

Bei der „Erfolgsgeschichte“ des Ostends handelt es sich also leider um eine ziemlich schlichte Geschichte: Gewinner sind diejenigen, denen der Grund und Boden hier gehört, und die sich über Rekordrenditen freuen können. Verlierer sind die Menschen, die hier bereits wegziehen mussten und die hier in Zukunft noch wegziehen müssen. So einfach ist das manchmal.

Es ist also an der Zeit, die Frage „Wem gehört die Stadt?“ wieder einmal neu zu stellen.

Mit dieser Frage stellen wir vor allem Eigentumsverhältnisse in Frage. Wir meinen sie als Provokation und Intervention in den öffentlichen Raum, denn sie meint auch: Gehört die Stadt überhaupt?

Wir wollen uns unkontrolliert und nach eigenem Belieben überall bewegen können. Wir wollen, dass nicht die soziale Herkunft oder die Hautfarbe darüber entscheidet, wer eine Wohnung in der Stadt bekommt. Wir wollen eine Stadt, in der das Wohnen ein bedingungsloses Recht aller ist, völlig egal, welche materiellen Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen und egal, in welche Kategorie von „Nützlichkeit“ irgendwer gesteckt wird.

Kämpfen wir also dafür:
Wohnraum darf keine Ware sein, Stadt darf keine Ware sein! Ostend für alle!


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