Frankfurter Gemeine Zeitung

Bärenstark – Benjamin Percys Romandebüt „Wölfe der Nacht“

Bend, ein Provinzkaff in Oregon. Von hier kommt alles Gute, was der Kapitalismus braucht. Strukturprogramme, Landerschließungen, Straßenbau, Siedlungen mit Häusern im „Tudorstil“, alle gleich, für die immer gleichen kalifornischen Rentner. Golfplätze en masse gibt es obendrauf.. Auch der Hauptschauplatz von Benjamin Percys Roman „Wölfe der Nacht, ein Canyon, soll nach langen Planungen in diesem Sinne aufbereitet werden, nächste Woche beginnen die Abholzungsarbeiten. Ein aufgeräumter und übersichtlicher „American Dream“ wird dort entstehen, mit für diese Gegend untypischem satten und gepflegtem Grün, die bedrohliche Wildnis wird verschwunden sein. Sein Unwesen in Bend treibt Bobby, ein mit allen schlechten Wassern gewaschener Investor, der auch mit dem Indianerstamm, der eigentlich geschützte Kultstätten im Canyon hat, gemeinsame Sache macht und die Öffentlichkeit zu blenden und hinter’s Licht zu führen weiß. Die richtigen Gutachter sind eine Frage des Geldes. Und die Glücksspiellizenz bringt den Indianern, zumindest manchen, naturgemäß mehr ein als Traditionen.

Paul, ein übergewichtiger, haariger, ein die besten Jahre hinter sich habender, aber immer noch bärenstarker Mann, hat vor nicht langer Zeit den ersten gesundheitlichen Warnschuß bekommen, einen Herzinfarkt. Paul ist ein Patriarch, der an Männerinitiationsriten glaubt: Biertrinken, Fischen und Jagen. Härte. Antiliberalismus. Die Erziehung seines Sohnes Justin scheint ihm da misslungen zu sein, er hält ihn für einen verweichlichten Nichtsnutz. Justin fällt in Konflikten mit seinen Vater immer wieder in die Rolle des ängstlichen Jungen zurück. Paul hat sich nun vorgenommen, aus Justins Sohn zwölfjährigem Sohn Graham, einen richtigen Mann zu machen. Als Kompensation und um es Justin zu zeigen. Paul liebt die Natur des Canyons und doch profitiert er als Bauunternehmer an dessen Zerstörung. Einmal noch will er mit Sohn und Enkel und seinem Hund Boo in diese Wildnis, alte Plätze aufsuchen und in sentimentalen Erinnerungen schwelgen.

Die Ehe von Justin und Karen scheint am Ende, eine scheinbar unüberwindliche Mauer trennt sie, seitdem Karen das zweite Kind bei einer Frühgeburt verloren hat. Karen flüchtet sich in Extremsport und einen Ernährungswahn. Karen kann Paul aus guten Gründen nicht ausstehen und ist eigentlich gegen dieses Jagdwochenende.

Und dann ist da noch Brian, ein Irakkriegsveteran, seelisch schwer traumatisiert und physisch gezeichnet, ein Schrapnell hat sein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Ein von Paranoia getriebenes, armes, kontaktunfähiges Wesen. Er erinnert in seinem Wahn an Ed Gein, den berühmten Serienkiller, Inspiration für „Psycho“ über „Das Texas Kettensägenmassaker“ bis hin zum „Schweigen der Lämmer“. Ed Gein lebte auf einer heruntergekommenen Farm, nur das Zimmer seiner toten Mutter war peinlich sauber. Aus der Haut von vom Friedhof gestohlenen Frauenleichen und von ihm selbst ermordeten versuchte er, sich eine zweite weibliche Ganzkörperhaut zu nähen. Brian, der das Zimmer seines toten Vaters als unberührten Heiligenschrein pflegt, verwandelt sich in einen Bären und streift im selbstgeschneiderten Fell durch die Wälder. Während Karens Ehemann im Canyon unterwegs ist, rückt er Karen, die ihn fasziniert, im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr auf die Pelle.

Die Konfliktlinien der drei Jäger sind klar. Justin muß sich gegen die dominanten Versuche seine Vaters erwehren, der dem zwölf Jahre alten Graham das Biertrinken und das Schießen beibringt. Was Graham fasziniert, er bekommt die Demütigungen, die Paul seinem Sohn ohne Unterlaß antut, gar nicht mit. Justin wird um den Respekt seines Sohnes kämpfen müssen. Und um ihr Leben. Ein anderer Referenzpunkt ist der Verweis auf James Dickeys großartigen Roman „Deliverance“, auf deutsch „Flussfahrt“. Mancher wird sich an die nicht minder großartige Verfilmung mit Burt Reynolds erinnern. In „Nacht der Wölfe“ ist es Seth, ein Tankstellenwart, der aus Hass auf die feinen Pinkel aus Bend sich an ihre Fersen heftet und als nicht nur latente Bedrohung immer präsent ist. Und da gibt es noch einen richtigen Bären, ein wahres Gebirge von Muskeln, Fett und Kraft. Den es in Oregon eigentlich gar nicht geben dürfte. Aber es gibt ihn – die Bären erobern sich zunehmend Reviere zurück. Es wird einen Kampf ums Äußerste geben.

Percys Roman ist, auch wenn er es hier und da mit Symbolen und Motiven etwas dicke treibt, ein wahres Lesevergnügen, ein echter Pageturner, der die Spannungsschraube immer fester anzuziehen weiß. Atemlos folgt man dem sich zuspitzendem Geschehen und den überzeugenden Psychogrammen von versehrten Menschen. Von dem, mit Verlaub, ziemlich bescheuerten und reißerischen deutschen Titel „Wölfe der Nacht“ sollte der Leser sich also nicht abschrecken lassen. Im amerikanischen Original heißt der Roman schlicht „ The Wilding“. Der passt. Was deutsche Lektorats- und Marketingkonferenzen da ziemlich oft kreieren, ist schlechteste Synchronisation. Von Benjamin Percy, geboren 1979 on Eugene, Oregon liegen sind in den USA noch drei weitere Bücher erschienen: „The Language of Elk“ (2006), „Refresh, Refresh“ (2007) und „Red Moon“ (2013). Die hohe Qualität von „Wölfe der Nacht“ lässt auf weitere Übersetzungen hoffen.

Benjamin Percy, Wölfe der Nacht, Roman, Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr, 367 Seiten, geb., 19,99 €, Luchterhand, München 2013

 

 

 


3 Kommentare zu “Bärenstark – Benjamin Percys Romandebüt „Wölfe der Nacht“”

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