Frankfurter Gemeine Zeitung

Gentrifizierung – und ihre städtische Beförderung

Es scheint sich eine neue Front bei der Gentrifizierung der „angesagten“ Stadtteile in Frankfurt zu entwickeln, nunmehr getragen von der Abteilung „Soziales“ und recht beunruhigend in ihren Konsequenzen.

Für die Empfänger von sog. Transfer-Leistungen verdichtet sich die zunehmende Diskrepanz zwischen den städtisch zu Grunde gelegten Mietwert-Tabellen und den tatsächlich aufgerufenen Mieten zu einem kaum zu lösenden Problem, sieht man davon ab, dass ein Umzug eine Lösung sein könnte.
Mit diesen Tabellen ist es seit jeher problematisch, da sie chronisch den aktuellen Entwicklungen auf diesem Markt hinterherhinken. Dies betrifft nicht nur Neuvermietungen, sondern eben auch ältere Verträge, deren Mieten mit jedem Mietspiegel, jeder Massnahme steigen. Besonders geeignet: die energetische Modernisierung, bei der man im Falle einer Weigerung auf das geringste Verständnis hoffen kann.
Die Anpassung dieser Tabellen steht weitgehend im Ermessen der zuständigen Ämter und richtet sich folglich nach politischem Gusto und natürlich der Kassenlage – und nicht zuletzt von der Laune der Sachbearbeiterin.

Nun wird bekannt, dass unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Mietspiegel, hier die neuen Lage-Einteilungen, die Übernahme dieser Mehrkosten durch Mitarbeiter*innen eines Sozialrathauses verweigert wurde.

Das heisst im Klartext, sobald eine Lage aufgewertet ist, ist sie für diesen Teil der Bevölkerung nicht mehr erreichbar, da der Zuzug verweigert wird, denn die jetzt aufgerufenen Mieten sind nicht durch die Tabellen des Amts für Wohnungswesen gedeckt – und jetzt kommt noch eins drauf: die Zuschläge, die für diese Quartiere nun möglich sind und kräftig erhoben werden, führen dazu, dass ein weiteres Bleiben im angestammten Kiez versagt wird, es sei, man bezahlt die Mehrkosten aus dem kläglichen Betrag, der als Hilfe zum Lebensunterhalt sowieso kaum ausreicht.
Was auf den ersten Blick Folge eines Einsparungswahns erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wirkungsvolles Instrument zur Entsorgung ungeliebter Restbestände aus den properen Vierteln. Sie können jetzt sorglos homogenisiert werden, auf dass nichts den Lifestyle der umworbenen Leistungsträger und kreativen Klassen stören möge.
Hausbesitzer können aufatmen, wird ihnen doch eine unangenehme Aufgabe von der Stadt abgenommen.
Nun waren und sind Mieterhöhungen immer schon ein Anlass, gerade Gering-Verdienern und Leistungs-Empfängern nach einer kurzen Karenz-Zeit nahe zu legen, sich besser nach einer neuen Bleibe umzusehen.

Neu jedoch ist die explizite Begründung mit der Lage-Einteilung, die so verstanden sehr wohl Teil einer Stadtplanung wird, wie wir sie im Überdruss beobachten können. Da wird von einer Abteilung dieser Stadt eine solche Bewertung eingeführt und eine andere Abteilung nutzt dies zur Begründung der Entmietung. Gut, dass Zwangsräumungen jetzt viel leichter sind, gerade bei solchen Leuten, die das geordnete Nebeneinander nur vermiesen.
Sehen wir uns die Einteilung städtischer Lagen an, so werden diese Menschen immer weiter an den Rand gedrängt, wobei auch hier nicht sicher ist, dass sie in peripheren Stadtteilen wie etwa Harheim, Nieder Erlenbach etwas finden, sie sind dort – wo noch das Eigenheim vorherrscht – nicht sonderlich erwünscht. Zudem in den umliegenden Gemeinden auch die Gewährung von Kosten-Übernahmen äusserst restriktiv gehandhabt wird, da sie ebenfalls wenig Neigung zeigen, sich Frankfurter Probleme aufhalsen zu lassen.
Die Einschränkung von Grundrechten bei gleichzeitiger Erweiterung von „Zumutbarkeiten“ – nicht nur muss jede Arbeit angenommen werden, sondern auch das Umfeld unterliegt strengen Restriktionen – heisst, weitere Polarisierung der städtischen Gesellschaft nicht nur billigen hinzunehmen, sondern sie aktiv zu fördern.
War schon der letzte Mietspiegel in dieser Stadt Ausdruck des Geschehens auf den Finanz- und Kapitalmärkten (was anderes ist die Lagen-Einteilung nicht), so sind weite Teile der Bevölkerung jetzt akut bedroht, denn ausser dem Mietspiegel ist jede Modernisierungs-Aktion für diese Teile gleichbedeutend mit dem Verlust des angestammten Umfelds und erschwert zugleich das Auffinden einer einigermassen gleichwertigen Bleibe in der Stadt. Es ist eine naive Vorstellung, zu glauben, dass sich dieser Prozess nicht ausbreitet und eine Entspannung in den angesagten Vierteln auch zu einem grösseren Angebot in der Peripherie führen wird.
Nehmen wir die Politik der stadt-eigenen ABG-FH hinzu, die noch jeden Umbau versucht als Neubau hinzustellen, weil damit höhere Mieten zu erreichen sind, gewinnt man eine Vorstellung vom Ausmass dieser Technik der Vertreibung.
Es scheint, dass die städtischen Verwaltungs-Einheiten sich langsam aber mit aller Konsequenz zu formieren beginnen, damit das primäre Ziel sicher erreicht werden kann, die Aufnahme all dieser schönen finanz-starken Menschen aus aller Welt.


2 Kommentare zu “Gentrifizierung – und ihre städtische Beförderung”

  1. Blogs im Juli 2013 |

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  2. Blogs im Juli 2013 | STADTKIND

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