Frankfurter Gemeine Zeitung

Christopher Street Day (19. – 21. Juli 2013) – in Frankfurt nur noch Party-Time?

Notting Hill Carnival 2012, Foto: ”Kale-xander 2010“, CC-Lizens: CC BY 2.0

Fasching im Sommer? Dufte Idee: Party-Time. Oder so ähnlich, jedenfalls ein Event, wo man hingeht. Stellt sich bloß die Frage, wo findet man so etwas? Jetsetter, gutsituierte SINKIs (Single-Income-No-Kids) und DINKIs (Double-Income-No-Kids) fliegen im August zum Notting Hill Carnival (London, Großbritannien). Caribischer Charme, echt geile Stimmung, kein Kommerz-Food, vieles improvisiert, wenig Kommerz. Tolle Idee, aber gibt es so etwas früher im Sommer, vielleicht näher zu uns, vielleicht sogar direkt in Frankfurt/Main?

Manuela, eine Bekannte wußte, dass es so etwas auch in Bankfurt  – manch Spötter bezeichnet so das hiesige Frankfurt/Main – gibt. Es nennt sich Christopher Street Day (kurz: CSD)¹. Man kann ihn dieses Jahr vom 19. – 21. Juli besuchen. Tipp am Rande: Die lokale CSD-Webseite ist http://www.csd-frankfurt.de/.

Sobald man die frankfurter CSD-Webseite aufschlägt, fühlt man sich von der vielen Werbung ein klein wenig erschlagen. Aber man muß sich ja irgendwie finanzieren, so ein kundiger CSD-Besucher des letzten Jahres. Als Hintergrund der vielen Werbung, dies sollte man wissen, ist das durch Werbeeinnahmen eingespülte Geld bitter nötig – gilt es doch, das gesamte Programm zu finanzieren. Wir feiern schließlich alle gerne, und die LGBT-Community, welche sich vieler Ressentiments zu erwehren hat, erst recht – ein Akt der Selbstbehauptung, führte er weiter fort.

Im Kontrast zum Kommerz gibt es noch den Umzug am 20. Juli 2013 ab 12:00 Uhr sowie die Gedenkminute um 18:00 Uhr am gleichen Tag. Dann gibt es noch die vielen Werbe-, Info- und Fress-Stände mannigfaltiger Organisationen oder Unternehmen…

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen Rückblick zum zwanzigjährigen Jubiläums-CSD in Frankfurt/Main: Es gab eine Podiumsdiskussion nach der Demo-Parade. Diese Diskussion fand ich nicht so dolle, irgendwie steril bis auf auf die Stellungnahme Ruwen Kriegers²: Er warf einige wichtige sozialkritische Fragen auf und brachte das Thema Armut in die Podiumsdiskussion. Ich frage mich, gibt es, etwas überspitzt formuliert, solche Fragen nur bei der Partei Die Linke. Politiker, die sich mit der Lebenswirklichkeit vieler LGBTler auseinandersetzen? Ob sich dieses Jahr hier etwas ändert? Barbara Cardenas (für die Partei Die Linke. im hessischen Landtag) spricht neben Vertretern anderer Parteien am Samstag, 20. Juli 2013, im Rahmen einer Podiumsdiskussion (“große Politrunde”). Schaun mer mal…

Ruwen Krieger im Interview auf der
Podiumsdiskussion beim CSD 2012 in
Frankfurt/Main (eigenes Archivfoto)

Die Tendenz zur LGBT-Diskriminierung dürfte in Deutschland im Laufe der letzten Jahre zwar etwas weniger geworden sein – insbesondere in den Ballungsräumen und Großstädten. Dafür hat die Tendenz der allgemeine Diskriminierung armer Menschen zugenommen – vgl. Heitmeyer³. Hiervon nicht ganz unbetroffen ist die LGBT-Community: Wer nicht gerade mit Reichtum gesegnet in unseren kapitalistischen Wirklichkeit lebt und an AIDS erkrankt ist, wird recht schnell erleben, was es heißt, von ALG 2 oder von der Sozialhilfe leben zu müssen. ALG-2-Verfolgungsbetreuung, krass gesagt, ist definitiv kein Zuckerschlecken, sondern macht zusätzlich noch krank. Hierüber hinaus wird der Umgang mit mittellosen Menschen in prekären Lebenslagen immer fieser in Deutschland. Heitmeyer spricht hier von der Zunahme einer »rohen Bürgerlichkeit«. Auch dies gilt für einen Teil der LGBT-Community. Die LGBT-Community wird genauso zunehmend gespalten wie die Gesamtgesellschaft – in immer ärmer und immer reicher. Die zunehmende Altersarmut betrifft auch die LGBT-Community, insbesondere die Frauen in der Community.

Dessen ungeachtet gibt es kritische Stimmen, die im CSD, zumindest dem in Frankfurt/Main, nur Kommerz und Party sehen. Als krasses Fallbeispiel wurde der FDP-Stand vom letzten Jahr auf dem CSD in Frankfurt/Main benannt. Dort sammelte  sich anscheinend eine hedonistische LGBT-Internationale, die nur noch sich selbst kennt. “Selbstbezogenheit im Quadrat” war der schwächste Vorwurf, addressiert an den FDP-Stand. Ganz schlimm war der FDP-Slogan “Ein Herz für (die) Freiheit”, hat dieser noch eine bösartige, zynische Nebenbedeutung: Gemeint ist die Freiheit zu verrecken, hat man nicht genug Geld zum Überleben.

Perspektivisch besteht die Gefahr, dass zukünftig die CSD-Kommerzialisierung soweit überhand nehmen kann, dass von der Grundidee des CSD nicht mehr viel übrig bleibt. Das wäre das Ende des CSD und der Beginn einer neuen Partymeile – vielleicht sogar eines neuen »Sound of Frankfurt«. Ich wünsche den Organisatoren auch dieses Mal viel Erfolg beim Spagat zwischen Party (Kommerz) und politischem Anspruch. Die schon jetzt beobachtete arm-reich-Spaltung (nur reich nimmt teil) kann zukünftig so stark ausgrenzen, dass vom Kerngebot der Anti-Ausgrenzung des CSD nichts mehr übrig bleibt. Der CSD wäre dann zu einer rein kapitalistischen Subkultur verkommern.

Dies zu verhindern, das kann die LAG Queer4 leisten. Doch hierfür braucht sie viele Unterstützer. Ein Parteibuch ist nicht vonnöten! Wie wäre es mit Ihnen? Schließlich heißt es auf deren Webseite so treffend:

Alle Interessenten sind herzlich willkommen.

 

¹ Wer mehr zum historischen Hintergrund des Christopher Street Days, wissen möchte, hier noch der Wikipedia-Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Christopher_Street_
Day
.
² Ruwen Krieger ist Sprecher der LAG Queer im Landesverband Hessen der Partei Die Linke.
³ Man vergleiche bitte mit den vielen Studien von Prof. Dr. Wilhelm Heitmayer.
4 LAG Queer: DIE LINKE.Queer Hessen ist in Hessen die Interessenvertretung der Schwulen, Lesben-, Trans-, Bi, – und Intersexuellen in der Partei DIE LINKE.

 


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