Frankfurter Gemeine Zeitung

Bockenheimer Erklärung 2013

Bockenheim ist ein lebendiger und vielfältiger Stadtteil Frankfurts. Es ist geprägt durch die Universität, durch studentisches Leben und kritischen Geist sowie durch kulturelle und soziale Vielfalt. Der schrittweise Umzug der Goethe-Universität fordert jetzt eine aktive Stadtteilpolitik und -gestaltung. Bis in die 1990er Jahren reichen die Diskussionen über eine Stadtteilerneuerung zurück, in der eine Vielzahl von Akteuren Position bezogen haben. Die aktuelle Situation bietet für die Bürgerinnen und Bürger Bockenheims nun die Gelegenheit, aktiv an der Gestaltung ihres Stadtteils mitzuwirken, für die Bewahrung seines Charakters Sorge zu tragen und für eine lebenswerte Zukunft Bockenheims einzutreten. Dies ist Chance und Herausforderung zugleich.

Den unterzeichnenden Gruppen, Institutionen und Privatpersonen ist es ein Anliegen, das Leben in ihrem Stadtteil mitzugestalten. Wir wünschen uns eine demokratische Stadtteilentwicklung, die sich als offener und öffentlicher Beteiligungsprozess vollzieht. Bockenheimer Interessengruppen und Bürgerinitiativen müssen in den Planungsprozess einbezogen werden, denn sie wissen, wovon sie reden. Wir wollen nicht nur gehört werden, sondern erwarten auch, unsere Vorstellungen in den politischen Entscheidungen wiederzufinden.

Wir setzen uns für ein weiterhin vielfältiges Bockenheim ein, insbesondere für eine ausgewogene soziale und kulturelle Mischung. Die Aufwertung und Modernisierung des Stadtteils darf nicht mit der Verdrängung von sozial Schwächeren einhergehen, sondern muss das nachbarschaftliche Nebeneinander und Miteinander unterschiedlicher Milieus und Generationen befördern.

Wir kritisieren daher den aktuellen Mietspiegel der Stadt Frankfurt, der viele Bewohnerinnen und Bewohner unseres Stadtteils existenziell bedrohlichen Mieterhöhungen aussetzt. Menschen unterschiedlicher Einkommensgruppen müssen auch in Zukunft bezahlbaren Wohnraum in Bockenheim finden. Wir appellieren an die Stadtverordnetenversammlung, ihren Gestaltungsspielraum zu nutzen, um auf dem Universitätsareal bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der in Bockenheim dringend benötigt wird.

Die Umwandlung des Universitätsgeländes lässt Chancen und Herausforderung der Stadtteilentwicklung deutlich werden; ihr kommt zentrale Bedeutung für die Zukunft Bockenheims zu. Bei der Neuentwicklung des Areals sollten Entscheidungen nicht aufgrund von kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen getroffen werden. Vielmehr muss die Chance für eine verantwortungsvolle Entwicklung eines zukunftsweisenden Bockenheims zum langfristigen gesellschaftlichen Wohle genutzt werden. Daher darf die knappe Ressource „Bauland“, insbesondere da sie sich in öffentlicher Hand befindet, nicht vorrangig für die Errichtung von kommerziell genutztem Büroraum verwendet werden. Dieser steht andernorts in der Stadt vielfach leer. Prinzipiell brauchen wir auch in Bockenheim neue Gewerbeflächen, diese allerdings müssen im Sinne einer urbanen und sozialen Stadtteilentwicklung primär ortsbezogenem Gewerbe, gemeinnützigen Institutionen und Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen.

Mit dem Kulturcampus verbinden wir die Vorstellung, dass neben eingesessene Institutionen wie das Senckenberg Naturmuseum und das Institut für Sozialforschung neue Kultur- und Bildungsträger treten, allen voran die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Künstlerische und kulturpädagogische Projekte werden eine Atmosphäre der ästhetischen und intellektuellen Auseinandersetzung im Stadtteil befördern. Zugleich setzen wir uns dafür ein, bestehende soziale und kulturelle Begegnungsräume zu erhalten und neue zu schaffen. Innovative und soziale Wohnprojekte, z. B. im ehemaligen Philosophicum, sind gesellschaftlich geboten und sollten daher auch den Raum zur Realisierung erhalten. Die Umwandlung des Studierendenhauses in ein von den Nutzerinnen und Nutzern selbstverwaltetes Offenes Haus der Kulturen ist ein sinnvoller Schritt, um im Stadtteil demokratische und emanzipative Freiräume zu öffnen. Mit diesen Initiativen können sich Nachbarschaftsstrukturen im neuen Quartier Campus Bockenheim bilden und Räume für eine aktive Teilhabe im Stadtteil entstehen.

In die skizzierte Gestaltung des Kulturcampus sollen Bestandsbauten in Sinne der Vielfältigkeit integriert werden. Ein Nebeneinander aus Neu und Alt fördert einerseits die Identifikation der Bockenheimerinnen und Bockenheimer mit dem entstehenden Quartier. Anderseits wird so eine nachhaltige Umwandlung des ehemaligen Universitätsgeländes realisiert, die soziale und ökologische Dimensionen umfasst.

Nur wenn wir, die Bürgerinnen und Bürger, unsere Erfahrungen, Vorstellungen und unser Engagement in die Gestaltung Bockenheims einbringen, kann die Stadtteilentwicklung gelingen. Dafür setzen wir uns ein.

Unterstützerinnen und Unterstützer der Bockenheimer Erklärung:
Bürgerinitiative „Campus & Kultur“
Evangelische Gemeinde Bockenheim
Gruppe Philosophicum
Katholische Pfarrei Frauenfrieden
Katholische Pfarrei St. Elisabeth
Mieterinitiative im Stadtteilbüro
Offenes Haus der Kulturen e.V.
Stadtteilbüro Initiative Zukunft Bockenheim


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