Frankfurter Gemeine Zeitung

Summer in Frankfurt 2013 – I

Hitze weht durch die Berger Strasse, endlich ein paar Tage richtiger Sommer in Frankfurt. Und den wollen wir nachhaltig, draussen genießen. Wenn kein Wochenmarkt den Platz am Uhrtürmchen besetzt, dann stehen dort an die hundert Tische von Cafes und Restaurants, gewöhnlich gut besetzt. Die Berger möchte sich strikt mediterran geben und zusammen mit dem Branding „bio-öko“ eine attraktive grüne Linie von der Innenstadt ins pittoresk vermarktete Bornheim ziehen.

Deshalb, der richtige Platz zum Verweilen, und eine Menge Sinngebung fürs urbane Volk ist direkt dabei. Supermärkte der Typen öko bis vegan, Bio-Metzger und Bio-Bäcker machen einiges her, in Haufen drängeln sich Kunden zur Freude der bald 100 Kneipen, inzwischen in Massen von ausserhalb eingefahren.

Zu diesem greenen Geschäft passte die Bewerbung Frankfurts in einem City-Wettbewerb, der sich recht ins schwarz-grünen Selbstgefühl der Stadt am Main einfügte: Als „Frankfurt Green City“ versuchte besonders der Grüne Planungsdezernent Olaf Cunitz, für die Finanzmetropole den Titel „Europäische Grüne Hauptstadt 2014“ zu ergattern. Klappte nicht, obwohl der Obergrüne Bürgermeister doch seine ganze Erfahrung im Erwerbsleben aus der Marktforschung schöpfte. Da halfen auch grüne Initiativen für „Urban Gardening“ zwischen Ostbahnhof und Eschersheimer nicht. Obwohl es mit der Fraport einen angemessenen Sponsor gab, einen, der mit dem „Green Frankfurt Airport“ erhebliche Kompetenz für solche Dinge mit sich bringt.

Und es hätte so schön gepasst zum laufenden “Schuljahr der Nachhaltigkeit” in Frankfurt. Wundert euch nicht: das ist ein Kooperationsprojekt von  “Best Practice-Aktivitäten” der Stadtverwaltung aus dem Bereich “Bildung für nachhaltige Entwicklung” (BNE). Diese werden zusammengeführt und zu einem integrierten Programm für den schulischen Unterricht weiterentwickelt. Ein Business-Sprech erster Sahne, das wie folgt weiter geht: Wunderbar integriert den nachhaltigen Unterricht ein „Onlinedialog“, in den uns die grüne Umweltdezernentin mit dem Projektwettbewerb “Zukunft lernen” bei der Sonderausstellung “[g]artenvielfalt” einführt.

Doch der nachhaltige Sommer um die Berger kommt noch heisser, den bremsen auch nicht die nagelneuen SUVs in den Seitenstrassen aus. Öko-Läden starteten nämlich eine neue Initiative, die werthaltiges Wohlfühlen und Vermarktung der Stadt weiter zu treiben: Frankfurt soll jetzt den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels” erlangen! Richtig gehört: des Fairen Handels. Der betrifft solche Dinge wie Genossenschaften aus dem globalen Süden, die ihren Kaffee ein Stück weit abseits der großen Handelskonzerne in den Norden vertreiben möchten, und zwar zur Hilfe der Produzenten. Drei kleine Geschäfte in Frankfurt wünschen, dass die City diesen Titel bekommt, wo es doch bereits seit 2011 „Fairtradetown“ heißt.
Eine wirklich sinnige Geschichte, so wie die Wahl des Schirmherrns dieses Unternehmens, dem Bundesminister für Umwelt Dirk Niebel. Der strikt neoliberale FDPler hat mit selbstverwalteten Genossenschaften etwa so viel im Sinn wie ein Investmentbanker der Deutschen Bank mit einer Öko-Kommune. „Den Bock zum Gärtner machen“ heißt das gewöhnlich, und so wird eigentlich keine Landwirtschaftsgenossenschaft betrieben. Aber unsere Fairen Trader lassen sich davon nicht abschrecken, und gehen mutig in die marktgerechte Offensive: „Wir laden Mitarbeitende im Frankfurter Banken- und Finanzwesen ein, sich für den Fairen Handel stark zu machen. U. a. starten wir die Mitmach-Aktion „Bulle und Bär trinken fair”“.

Ich glaub´s nicht! Manches Öko-Branding Frankfurts lässt mich selbst in der Sommerhitze frösteln. Dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass es hier um Kampagnen der Art geht, einem betuchten Öko-Klientel die laufend steigenden Immobilienpreise in der Stadt plausibel zu machen, und sie fürs gesittete Wohlfühlen im Nordend oder Bornheim, in Bockenheim oder im Ostend beim Erwerb neuer Wohnungen noch einige Tausender mehr hinlegen.

Bauplätze für die neuen Wohlfühlangebote lassen sich im Sommer auch besichtigen, niocht zuletzt in und um die Berger Strasse. Nur steht in Frage im Raum, ob es bei deren Vermarktung noch um “Fair Trade” für die Bewohner des Viertels geht.


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