Frankfurter Gemeine Zeitung

Wir prüfen die Angelegenheit

Facebook prüft die Angelegenheit. Äusserungen dieser Art kennen wir aus Militärkommandos rund um die Welt, von Google über ihre China-Geschäfte oder der Bundesregierung zum Abhören der ganzen Bevölkerung Deutschlands.

Anlass zu dieser militärischen Verlautbarung des Web-Konzerns ist die Sperrung eines politischen Eintrags in ihrem “Social-Media”, der zu einer Demonstration gegen die komplette digitale Verwanzung der Lebenswelt aufrief. Wer meint, dass Facebook daran ausser geschäfts-politischen Anweisungen irgend etwas zu prüfen hätte bedenke, dass deren Firmenkonzept und Technologie genau darin besteht, die kleinste digitale Verbindung automatisch zu bewerten. Sprich, sie wissen bestens Bescheid darüber, was ich die letzten Tage zu meiner Bekannten Charlie über Fischstäbchen von mir gab. So werden sie denn auch bestens wissen, was mit dieser Site mit Tausenden von Links auf ihren eigenen Servern passierte. Für wie blöd hält diese Web-Bagage uns eigentlich?

Deutlicher als bisher wird durch diesen digital-politischen Abschaltakt, um was es beim Walten und Schalten, beim Geschwätz um “Sicherheit” und die “Freiheit der Bürger” tatsächlich geht. Wir lernen, dass es einen globalen digitalen Geschäftskomplex gibt, für den wir selbst das Spielgeld sind. Und dieser Komplex pendelt in seinen Aktivitäten zwischen Medien, Märkten und Militärs, sucht für fixe Knete nach allem Denkbaren, gibt dafür alles preis, und zwar an jede Institution weltweit, die genügend Einfluß oder Geld besitzt. In diesem Sinne sind globale IT-Konzerne nichts als Info-Prostituierte.

File:We never sleep.jpgDen Beziehern der interessanten Infos geht es aber nicht allein um Wirtschaft und Feindstaaten, Konsumenten und Terroristen, wie uns Medien und Regierungsvertreter so gerne weismachen möchten. Wer die Geschichte des Abhörens, Ausfilterns und Spionierens seit den berühmt-berüchtigten Pinkertons Mitte des 19. Jahrhunderts kennt, dem ist klar, dass die Agenturen und Polizeien nicht wirklich an Fischstäbchen und einem lokalen Freundeskreis von “World of Warcraft” interessiert sind. Sondern es geht ihnen viel mehr um gesellschaftliche Initiativen, die über das gewohnte, brav institutionalisierte und regulierte hinausgehen. Der Geheimdienst der USA – um nur eines der Beispiele aus dem “freiheitlichen Westen” zu wählen – entstand in enger Zusammenarbeit mit Kämpfen gegen gewerkschaftliche Organisierung und ihrem Ausspionieren. Und an dieser Disposition hat sich beileibe nicht viel geändert, dafür brauchen wir kein böses China und kein dunkles Russland: die meisten Geheimdienste richten sich auf politische Opposition in ihren Ländern. Das liegt quasi in ihrem Gen-Pool verankert.

Die gehübschten medialen Reden von “individueller Privatsphäre”, deren Integrität buchstäblich hinter den eigenen vier Wänden bedroht sei, gehen deshalb zielgenau am Kern des Problems vorbei. Die Algorithmen des Data-Minings, mit denen unsere Aktivitäten aus Myriaden von Vorgängen und Gesprächen digital ausgeforscht werden sollen, kümmern sich um die Qualitäten unserer sozialen Verknüpfungen, gehen auf das, was wir zusammen zu unternehmen gedenken – unf darin sind sie schon ganz gut.  Sie können sich bei Bedarf gegen eine rumorende Öffentlichkeit hierzulande und andererorts richten, besonders wenn solche zur falschen Zeit am falschen Ort rumort. Prism und andere Überwachungsgeschäfte zielen auf Konstitutionsbedingungen jeder Demokratie und aller politischen Initiativen, die nicht dem herrschenden Geist nach dem Munde plappern.

Deshalb mutet es absurd an, die Redeweise eines Bundespräsidenten als “mutig” zu bezeichnen, der davon spricht dass das “Freiheitsgefühl eingeschränkt” würde. Als ob es hier um das “Gefällt mir” bei Facebook gehe, mit dem Charlie vor dem Einkauf ihr ganz persönliches Gefühl über Fischstäbchen anklickt. Es geht tatsächlich um faktische politische Unfreiheit vieler zusammen, aber das kann schwerlich ein Deutscher Präsident beurteilen, der sein Leben lang nur aus dem Schutze von Institutionen heraus über politische Gefühle einzelner sprach. Vermutlich ist er genau deswegen der richtige Repräsentant einer reinen Konsumenten-Demokratie, deren letztes Fitzelchen Courage gerade demontiert wird, für eine andere brauchen wir ihn nicht.

Und Facebook, um auf den Beginn zurück zu kommen, möchte als “Social Media” aus dem Club digitaler Pinkertons mit derartiger Politik und dazu passenden Konsumenten  abkassieren, und zwar kräftig und auf Teufel komm raus.

Diese Art unterwanderter digitaler Öffentlichkeit braucht (fast) keiner.

 


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