Frankfurter Gemeine Zeitung

Krimi Shortcuts I: Pollock – Thompson – Weber – Vargas – Gran

Donald Ray Pollock
Das Handwerk des Teufels

Sie möchten wissen, wo eine Hölle auf Erden Hölle liegt? Wenn Sie den Roman Das Handwerk des Teufels gelesen haben, dann werden Sie es wissen. Die Hölle, das ist Knockemstiff, ein kleines Kaff in Ohio. Erfunden hat den fiktiven Ort (Faulkners „Yoknapatawpha County“ läßt grüßen) der 1954 geborene und in Ohio aufgewachsene und noch heute in diesem Bundesstaat lebende Donald Ray Pollock. Erzählt wird die Geschichte von Arvin, der in diesem von gebrochenen und unendlich armer Menschen bevölkerten kleinen Kosmos aufwächst – in einer Welt, die bestimmt wird von religiösem Wahn und Inzest, wo sich Psychopathen und Serienkiller herumtreiben und ein bis auf die Knochen korrupter Sheriff sein Amt ausübt. Arvin muß sich durch dieses Meer von Perversionen durchkämpfen, um dem Horror vielleicht entfliehen zu können. Und wenn er überleben will, dann geht es nicht, ohne selbst Schuld auf sich zu laden. Das hört sich nach dicker Hose an, aber die Häufung archaischer Gewalt ist keiner billigen Effekthascherei geschuldet, sondern erscheint zwangsläufig notwendig in diesem Hinterhof der USA. In Knockemstiff ist wirklich niemand, auch wenn sein Name oft fällt, im Auftrag eines gütigen Herrn unterwegs. Das Handwerk des Teufels wurde völlig zu Recht mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet.

Donald Ray Pollock, Das Handwerk des Teufels, Aus dem Englischen von Peter Torberg, München 2012. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, 303 Seiten, geb., 19,80 €

Jim Thompson
In die finstere Nacht

Mit seinem Roman Der Mörder in mir wurde der „Groschenheft-Dostojewski“ Jim Thompson (1906 – 1977), dieser Meister des noir-Genres, auch hierzulande zum Begriff. Einige Schätze aus dessen Feder sind noch zu heben, wie die deutsche Erstausgabe seines Romans In die finstere Nacht beweist. Carl Bigelow ist einer der erfolgreichsten Killer in den Staaten, zahhlreiche Auftragsmorde gehen auf sein Konto. Obwohl er aufgrund seiner Körpergröße von nur einmeterfünfzig eigentlich leicht zu identifizieren wäre, ist der Polizei der Zugriff über die Jahre seines Untertauchens nicht gelungen. Aber seionem Boss. Bigelow muß noch einen Auftrag ausführen. Einen Kronzeugen ausschalten. Also logiert er sich unter falschem Namen in dessen Haus in der Provinz, das Zimmer vermietet, ein. Carl muß vorischtig vorgehen und die Tat gut planen. Zum psychologischen Kammerspiel gehören noch die attraktive Frau des potentiellen Opfers, das verkrüppelte Dienstmädchen, ein sehr fürsorglicher älterer Herr, der ebenfalls in der Pension wohnt und ein äußerst mißtrauischer Sherriff. Spannend bis zur letzten Seite, zum doppelt überraschenden Ende, ist dieses Buch. Thompsons Leben verlief äußerst unglücklich, sein Schreiben jedoch ist ein Glücksfall, der bis heute seine Gültigkeit hat.

Jim Thompson, In die fintere Nacht, Roman, Aus dem Amerikanischen von Simone Salitter und Gunter Blank, Mit einem Vorwort von Ryan David Jahn, 272 Seiten, München 2012, Wilhelm Heyne Verlag, Taschenbuch 67611, 9.99 €

Gregor Weber
Keine Vergebung

Gregor Weber war elf Jahre lang der Hauptkommissar Stefan Deininger im Saarbrücker Tatort. So beginnen in der Regel die Texte über den Autor Gregor Weber. Und auch die Klappentexte. Er gab aber auch den Sohn in der Kleinbürgerserie Familie Heinz Becker. Und neben seiner Schauspielerei machte er erfogreiche eine Kochlehre, seine Erfahrungen damit beschrieb er in seinem Bestseller Kochen ist Krieg! Am Herd mit deutschen Spitzenköchen. 2011 ließ er mit seinem wirklich guten Kriminalroman Feindberührung um den Ermittler Kurt Grewe und sein Team aufhorchen. Jetzt legt Weber mit einem weiteren Fall um diese Kriminalisten nach, Keine Vergebung heißt das Buch. Zwei Polizisten werden nachts bei einer Verkehrskontrolle auf einer Landstraße erschossen. Grewe und Kollegen tappen lange im Dunkeln, bis sie einen Zipfel zur Aufklärung zu fassen kriegen. Der Leser weiß mehr als die Kriminalen, scheinbar. In Parallelhandlungen führt Weber ein in die Welt der Geheimdienste und noch geheimeren Staatsorganisationen, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen. Es geht um deren Verquickung mit militanten Gruppen der „Neuen Rechten“. Eine Welt voller Hybris, Paranpoia und hartnäckigen Bestrebungen zum Machterhalt. Und in dieser Welt hat einer noch eine Rechnung offen und ist auf einem privaten Rachefeldzug. Irgendwann werden, wenn er so überzeugend weiterschreibt, die Texte über Gregor Weber nicht mehr damit beginnen, daß er elf Jahre der Haupkommissar Stefan Deininger war, sondern hoffentlich auf eine lange Reihe sehr guter Kriminalromane verweisen.

Gregor Weber, Keine Vergebung, Kriminalroman,., München 2013, Knaus Verlag, 256 Seiten, Klapppenbroschur, 16,99 €

Fred Vargas
Nacht des Zorns

Fred Vargas ist eine Institution. Ihre Kriminalromane um den Kommissar Adamsberg finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Ihr letzter Roman, Die Nacht des Zorns, ausgezeichnet mit dem Europäischen Krimipreis 2012, liegt jetzt als preisgpünstige Taschenbuchausgabe vor. Und wieder ist es ein Fall, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Ein Mythos, eine Sage wird wieder lebendig. Oder aktiviert, um Morde zu begehen. Das glaubt jedenfalls Adamsberg. Er und sein Team aus Ermittlern mit sehr speziellen Fähigkeiten und Interessen müssen zweigleisig arbeiten, in der Satdt und in der Provinz. Was ist dran an an dem „Wütenden Heer“, diesem Zug von Toten, der jedesmal auf kommende Todesfälle hindeuten soll? Ein wiederaufgetauchter Sohn und eine rekonvaleszente Taube spielen ebenfalls in diesem spannenden Fall, den Vargas mit dem nötigen ironischen Augenzwinkern erzählt, eine Rolle.

Fred Vargas, Die Macht des Zorns, Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze, Berlin 2013, Aufbau Taqschenbuchverlag, No. 2937, brosch., 454 Seiten, 9,99 €

Sara Gran
Die Stadt der Toten / Das Ende der Welt

„Der Detektiv glaubt, einen Mord aufzuklären oder das Verschwinden eines Mädchens, aber in Wahrheit ist ist er einer vollkommen anderen Sache auf der Spur, einer Sache, die er selbst nicht ganz versteht. Genugtuung erlebt er fast nie. Die Unsicherheit ist sein natürlicher Begleiter. Einen Großteil seines Lebens verbringt er in einem düsteren Wald, wo keine Wege mehr zu sehen sind. Und ihn nichts und niemand begleitet als seine Angst und seine Einsamkeit. Doch die Antworten sind da. Die Lösungen warten darauf, gefunden zu werden …“, schreibt Jacques Silette in seinem (fiktiven) klandestinen Werk Détection. Détection ist die Bibel der besten Detektivin der Welt, Claire DeWitt. Mit ihr hat die US-amerikanische Autorin Sara Gran die Herzen der Kritiker (Deutscher Krimi Preis 2013, Platz 1 der Krimi Bestenliste) und die der Leser erobert. DeWitt ermittelt gegen die Regeln des Genres, eher intutiv „löst“ sie ihre Fälle. Ihr Bewußtsein wird erhellt durch exzessiven Drogenkonsum und Esoterik, ihre Seele und ihr Leben weisen zahlreiche Verletzungen auf. Ob man die durchaus originellen Kriminalromane von Sara Gran jedoch so enthusiastisch hochhängen muß wie die Kritik, das scheint mir doch zweifelhaft.

Sara Gran Die Stadt der Toten, Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt, Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné, München 2012, Droemer,, 360 Seiten, brosch., 14,99 €

Sara Gran, Das Ende der Welt, Claire DeWitt ermittelt, Ausd dem Amerikanischen von Eva Bonné, München 2013, Droemer, 367 Seiten, brosch, 14,99 €

Ihre Bücher besorgen Sie sich doch sicherlich in Ihrer Buchhandlung um die Ecke? Und bestellen nicht bei diesem großen Versand-„Buchhändler“? Sie wissen schon, wen ich meine. Was der kann, das kann Ihre Buchhandlung auch, (fast) jedes beliebige Buch innerhalb von 24 Stunden besorgen. Abholen müssen Sie es in der Regel sowieso. Dann doch lieber in den Laden als zur Poststelle. Da hilft Ihnen auch kein Zufallsalgorithmus weiter, sondern vielleicht eine belesene Buchhändlerin oder Buchhändler. Und (noch) ist der Preis des Buches derselbe. Wenn es die vielgepriesene Buchhandlung um die Ecke nicht mehr gibt, will ich keine Klagen hören.


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