Frankfurter Gemeine Zeitung

Summer in Frankfurt 2013 – Daten

Observieren zwischen Finanzpark, Studierenden und Datenknoten

Am Rande des Bankenviertels, im Westend liegt der neue Uni Campus, “Campus Westend”. Richtig agile Studierende bewegen sich durch das Gelände, und es treffen sich viele noch jetzt, in den Semesterferien, sind wirklich stolz auf das neue Ambiente. Damit meint der akademische Nachwuchs nicht nur das Casino und seinen Aussengarten, den Teich mit Wasserspielen oder den angrenzenden koreanischen Garten.  “Es hat hier was von einem amerikanischen Campus” klingt es stolz.  Repräsentation statt AFE-Turm.

Das soll wohl so sein: Im Schatten von Deutscher Bank und UBS siedelt sich das “House of Finance” an, ein Neubau hinter dem alten IG-Farben Bau. Das geschlossene Gebäude distanziert sich etwas vom restlichen Ensemble, wird von Videokameras überwacht und ist schwer zugänglich. Als beim letzten “Tag der offenen Tür” unwissende Besucher offene Türen in diesem sicherheitssensiblen Hause erwarteten, wurden sie von einer resoluten Empfangsdame zurechtgewiesen: Ohne Chipkarte geht hier gar nichts!

Ohne Chipkarte geht sowieso vieles nicht auf dem Campus. Da helfen keine schönen Wiesen, neue Gebäude oder sonnengeflutete Plätze. Laut Präsidialamt hat Sicherheit höchste Priorität hier in der neuen Uni. Frage mich zaghaft für und gegen wen, oder soll der lammfromme Nachwuchs auf unterbrechungsfreie Kontrolle eingetunt werden? Denn im Grünen unter den Bäumen im Cafe des Kasinos kommt mir wenig Bedrohliches daher, Akademie kleidet sich heute eher nach Jobbörse und sperrig-freakiges scheint Fehl am Platze. Solche Klima konnte wohl der Umzug der Sozialwissenschaften in die neuen Gebäude an der Hansaallee auch nicht umstimmen.

Blick aus dem größten Internetknoten der Welt

Gut, Schläfer kleiden sich nicht auffällig, aber eventuell hängt das Sicherheitsbedürfnis und der Informationswille mit dem besonderen Ort und Frankfurt insgesamt zusammen. Denn direkt vor der akademischen Umwidmung des Areals residierte im Hauptgebäude die CIA, eine amerikanische Spionageeinrichtung mit enormer Ausspählust, bekanntermaßen. Die Dispositionen dieser Einrichtung haben sich vermutlich im Gelände oder gar der ganzen Stadt sedimentiert, denn der Datenverkehr, der im Städtchen am Main abgewickelt wird, hat wirklich metropolitane Ausmaße.

Rund um die Firma DE-CIX gibt es Gerüchte über großen Eingriff in Datenströme. Nie gehört? Glaube ich, ein unscheinbares Gebäude rückseitig der Hanauer Landstrasse nur wenige hundert Meter von der neuen EZB entfernt. Hat es aber in sich: Hier wird der wohl größte Internet-Knoten der Welt gelenkt, mit den Rechenkapazitäten in Zentren quer über die City verteilt. Genau, das gibt es hier in Frankfurt.

Die Gegend lädt selbst im Sommer nicht zu längeren Spaziergängen ein, obwohl es zum versteckten Schwedler See und seine hippen Kneipe nur noch wenige Meter sind. DE-CIX bestreitet jedenfalls alle Zugriffe auf ihre fixen Daten, und wer weiss schon genau, wo CIA und NSA sich heute in Rheinmain tummeln. Und Mr. Snowden offenbarte uns nur ganz allgemein “Frankfurt” als Eingriffspunkt der informationsbegierigen NSA.

Das “House of  Finance” jedenfalls, der wohlgesicherte geistige Knoten des Campus Westend arbeitet auch mit Informationen, und zwar vornehmlich mit solchen, die sich in Myriaden durch den Ostend-Knoten quälen, Handelsdaten zum Beispiel.

Natürlich meine ich nicht, dass das wissenschaftlich agierende House of Finance sich Daten über die CIA oder NSA anliefern lässt, es beschäftigt sich aber genauso wie genannte Häuser mit den Analyse der vielen Informationen: was zeigen die Bytes uns über künftige Geschehnisse in der realen Welt an.

Forscher und Studierende des Houses of Finance entwerfen Theorien darüber, wie sich die Leute in der Welt der Finanzen und drum  herum verhalten, etwa wie sie miteinander in Tauschsituationen umgehen. Solche Theorien proben sie dann an Daten, die durch eben jene Knoten eilen, die DE-CIX kontrolliert, oder wer auch sonst. Am liebsten würden sie die Daten in Realzeit analysieren, dann könnten sie günstige Kauf- und Verkaufsentscheidungen vorschlagen. Und das gefällt wieder UBS und Deutscher Bank direkt vor den Toren des Campus, deren Derivatehändler und “Algotrader”… ok, ein unerquickliches Thema im Sommer, selbst in Frankfurt.

Finanz-Wissen im Frankfurter Sommer

Auf dem großen Platz vor dem House, in Äquidistanz zu den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften steht eine filigrane, transparente Skulptur mit dem Namen “Knowledge”. Als ich durch sie auf das House blickte, kam mit das Motto der CIA in den Kopf: And you shall know the truth and the truth shall make you free“. Und das Ensemble erinnert wirklich an Datengewusel in Front einer mächtigen Institution, ein amerikanischer Campus mit fragwürdiger Freiheit.

Während ich den Ort eilig durch einen beschatteten Seitenausgang verlies, erinnerte ich mich an ein neues Forschungsergebnis von Wirtschaftswissenschaftlern aus Hamburg, das diese Szenerie, das Wissen und die Verhaltensökonomie aus anderer Perspektive bemerkenswert verknüpfte. Das “Gefangenendilemma” gilt als eine wirtschaftstheoretische Standardsituation, in der Individuen in prekären Situationen nur einen Vorteil erlangen können, wenn sie kooperieren.  Die Hamburger testeten die Kooperationsbereitschaft in einem echten Gefängnis und mit Studierenden an einer echten Uni unter passenden Situationen. Die Gefangenen im Knast zeigten sich bei der Untersuchung erheblich kooperativer miteinander als die Studierenden, lautete das Ergebnis.

Es gibt in der Sozialforschung die Vermutung, dass das kollektive Alltagsklima Kooperationsbereitschaft fördert oder mindert. Böse interpretiert: das Alltagsklima am Rand des Knowledge-Platzes gibt vielleicht weniger für Kooperation her als das im Preungesheimer Knast, auch wenn letztere vom Sommer nicht sonderlich viel mitkriegen.


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