Frankfurter Gemeine Zeitung

Veranstaltung “Armutsfalle: Wohnen”

Immer mehr Menschen können sich die Miete nicht mehr leisten

Mit einer gemeinsamen Veranstaltung wollen der VdK-Dörnigheim, die evangelische Kirchengemeinde und der DGB Maintal auf das Thema Armut aufmerksam machen. Nicht verschämt wegsehen, sondern die Situation kritisch beleuchten, den Betroffenen Hilfestellungen an die Hand zu geben und mögliche Lösungswege aufzeichnen, ist die Absicht der Veranstalter. Die Veranstaltung findet am 4. September um 18:00 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum Dörnigheim statt. Gesprächspartner sind Bernd Laukel (Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Hanau), Professor Hans See (Sozialwissenschaftler) und Jürgen Malbrich vom VdK Dörnigheim.

Es lauern heute viele Gefahren, ohne eigenes Verschulden in die Armutsfalle zu geraten. Eine davon ist das Thema Wohnen und zu hohe Mieten. Auch in Maintal stellt sich das Problem verschärft dar. Die unmittelbare Nähe zu Frankfurt treibt viele Mieten derart in die Höhe, dass sie für die Bezieher kleiner und selbst mittlerer Einkommen kaum noch erschwinglich sind. In unsere Stadt gibt es jeden dritten Tag eine Stromabschaltung oder Wohnungsräumung antwortete der Magistrat auf eine Anfrage im Stadtparlament. „Doch die Misere ist weitaus größer. Denn nicht hinzugerechnet sind dabei erzwungene Umzüge wegen zu hoher Mietkosten. Oder dass Familien bis zu 50 Prozent ihres Einkommens für eine Unterkunft zahlen müssen, von der privaten Verschuldung mancher Haushalte ganz zu schweigen,“ so der DGB.
Wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW) mitteilt, ist die Zahl der Wohnungslosen im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf 300.000 gestiegen. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass das Ausmaß der Wohnungslosigkeit zwischen 2010 und 2012 sogar noch dramatischer gestiegen ist als erwartet“, berichtete Thomas Specht, Geschäftsführer der BAGW. In Deutschland fehlt bislang eine gesetzliche Grundlage für eine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung. Die BAGW muss deshalb Schätzungen vornehmen, um die Situation bundesweit bewerten zu können.

2012 habe es 65.000 neue Wohnungsverluste gegeben, von denen 25.000 (38 Prozent) auf Zwangsräumungen und etwa 40.000 (32 Prozent) auf sogenannte „kalte“ Wohnungsverluste zurückzuführen sind. „Kalt“ bedeutet in diesem Fall, dass der Mieter die Wohnung ohne Zwangsräumung oder ein Räumungsverfahren verlässt. „Ein ausschließlicher Blick auf die Zwangsräumungszahlen verkennt das Ausmaß neu entstehender Wohnungslosigkeit“, erklärte Specht. Wenn die Betroffenen nicht bei Angehörigen oder Freunden unterkommen können, droht die Obdachlosigkeit. Die Zahl derjenigen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg um zehn Prozent im Zeitraum von 2010 (ca. 22.000 Fälle) bis 2012 (ca. 24.000 Fälle).
11 Prozent (32.000) der Wohnungslosen sollen demnach Kinder und Jugendliche und 89 Prozent (252.000) Erwachsene sein. Es sind deutlich mehr Männer (75 Prozent) als Frauen (25 Prozent) von Wohnungslosigkeit betroffen. Zu den rund 284.000 Menschen, die im vergangenen Jahr keine Wohnung hatten, kamen weitere 130.000 Menschen hinzu, die von Wohnungslosigkeit bedroht waren, also der Verlust der Wohnung unmittelbar bevorstand. Insgesamt gab es 2012 rund 414.000 Wohnungsnotfälle. Prognosen der BAGW zufolge werden die Zahlen weiter steigen. Bis zum Jahr 2016 erwartet der Verband eine Zunahme der Wohnungslosen um 33 Prozent auf 380.000.
Die Ursachen für Wohnungslosigkeit sind vielfältig. Einer der Hauptgründe ist die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum. Die Mieten ziehen insbesondere in Ballungsgebieten immer weiter an, wobei gleichzeitig eine verstärkte Verarmung der unteren Einkommensgruppen – nicht zuletzt durch die Dauerkrise auf dem Arbeitsmarkt mit hohen Langzeitarbeitslosenzahlen und einer weiteren Ausdehnung des Niedriglohnsektors – zu verzeichnen ist. Zudem schrumpfen die Angebote des sozialen Wohnungsbaus. „Allein in Maintal ist die Zahl der Sozialwohnungen in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Gegenmaßnahmen durch Neubau oder soziale Wohnungspolitik gab es in unserer Stadt nicht. Bisher war das Gegenteil der Fall, in dem die Stadt sogar noch günstige Wohnungen veräußerte. Das jüngst ein Antrag im Stadtparlament angenommen wurde, nach dem bei Geschosswohnungsbau mindestens 30 Prozent Sozialwohnungen sein sollen, dieser Schritt war längst überfällig. Man darf gespannt sein, dass zukünftige Bebauungspläne auch wirklich Geschosswohnungen ausweisen,“ so Maintals Gewerkschafter.

Nach Meinung der BAGW sind die steigenden Zahlen der Wohnungslosen nicht zuletzt auf „andauernde schwerwiegende sozialpolitische Fehlentscheidungen bei Hartz IV“ zurückzuführen. Dazu zählten Sanktionen, die auch Leistungskürzungen bei den Unterkunftskosten zur Folge haben, eine unzureichende Anhebung des Regelsatzes sowie der Rückgang der Arbeitsförderungsmaßnahmen. Dies kann der DGB nur bestätigen: „Diese Regelsätze machen sich in Maintal besonders negativ bemerkbar, da sie wegen der zugespitzten Lage auf dem örtlichen Wohnungsmarkt zu niedrig angesetzt sind. Ein Vergleich mit den Wohnungsangeboten in der örtlichen Presse zeigt diesen Missstand deutlich auf.“
Darüber hinaus gebe es zu wenig Fachstellen, an die sich Betroffene wenden könnten, wenn der Wohnungsverlust droht. Häufig könnte bei frühzeitiger Meldung Schlimmeres verhindert werden. Auch Maintal hat keine eigene Sozialverwaltung mehr. Sie wurde schon vor Jahren nicht wegen mangelndem Bedarf, sondern aus Kostengründen aufgelöst. Zuständig für unsere Stadt ist der Kreis mit Sitz in Gelnhausen, was für viele Menschen eine große Hürde bedeuten kann. Da auch viele Möglichkeiten der Hilfestellung für die Betroffenen nahezu unbekannt seien, ist es auch ein Ziel der Veranstaltung, hier die wichtigen Informationen zu geben.


Video-Serie: “Wohnen in der Krise”

Die Berliner MieterGemeinschaft e.V. ist die zweitgröße Mietervereinigung in Berlin, und vor Ort in der Hauptstadt mit einer Reihe von Beratungsstellen vertreten. Sie kümmern sich um Probleme mit Mietverhältnisse, das heisst Beratung, Rechtsschutz anwaltliche Hilfe etc.

Die Berliner MieterGemeinschaft erhält keine öffentlichen Zuschüsse oder sonstige Zuwendungen, und  finanziert ihre Arbeit ausschließlich aus Spenden und den Beiträgen ihrer Mitglieder.

Sie macht aber noch viel mehr als Rechtsberatung, sondern kümmert sich auch dokumentarisch um Wohnungsverhältnisse im gegenwärtigen Europa. Mit Videos über den Umbau der Mietverhältnisse besonders im Zuge der Finanz- und Staaten-Krise erweitert sie den lokalpolitischen Blickwinkel.

Die Zunahme des Drucks auf Mieter und prekäre Wohnungsbesitzer in den meisten Großstädten ist inzwischen ein internationales Phänomen geworden, das mit millionenfachen Insolvenzen “einkommensschwacher” Hausbesitzer in den USA und nachfolgenden Zwangsräumungen Prominenz erlangte. Zwangsräumungen sind inzwischen Gewohnheit geworden, in Spanien droht sie Hunderttausenden.

Um die Mechanismen rund um Wohnbedingungen in Städten zu verstehen, sollten diese Vorgänge und Strategien genau verfolgt werden. Sie bewegen sich meist zwischen Immobilien- und Finanzwirtschaft, sowie der ihr hörigen Politik. Wir kennen das Spiel aus Frankfurt.

Die Berliner MieterGemeinschaft führt dazu eine Veranstaltungsreihe “Wohnen in der Krise. NEOLIBERALISMUS – KÄMPFE – PERSPEKTIVEN” durch. “ Wohnungsmangel, steigende Mieten, Verdrängung – diese Probleme kennen wir aus Berlin, und das in zunehmendem Maß! Und nicht nur in Berlin regt sich Widerstand gegen die Krise des Wohnens.Die globale Finanz- und Schuldenkrise verschärft die Situation. Immer krasser werden Wohnungen zu Objekten der Verwertung und Spekulation. Zugleich sind viele Menschen mit sinkenden Einkommen, Arbeitslosigkeit, prekären Arbeitsverhältnissen und staatlichen Sparprogrammen konfrontiert.Mit der Veranstaltungsreihe „Wohnen in der Krise. NEOLIBERALISMUS – KÄMPFE – PERSPEKTIVEN“ werfen wir einen Blick auf die Situation in anderen Ländern und Städten.

Die Vorträge lassen sich auf einem eigenen YouTube-Kanal hier nachhören.

Die Situation in den Niederlanden gleich im folgenden:


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