Frankfurter Gemeine Zeitung

Oprah Winfrey und TÄSCHLIGATE: oder die Schwierigkeiten beim Finden der Wahrheit


Der Vorfall: Die Milliardenschwere US-Talkerin Oprah Winfrey besuchte in Zürich unerkannt eine Luxusboutique. Laut ihrer Darstellung verlangte sie dort drei Mal eine 35 000 Franken teure Handtasche zu sehen- die Verkäuferin zeigte sie ihr aber nicht mit der Begründung, sie sei zu teuer für sie, sondern führte ihr stattdessen wesentliche billigere Modelle vor. Sie empfand das als einen Fall von Racial Profiling nach dem Motto „Schwarze können sich eine so teure Handtasche eh nicht leisten“ und erwähnte den Vorfall in zwei US-Talkshows. Dies führte zu einem kleinen medialen Erdbeben in der Schweiz, das allsbald den Spitznamen “Täschligate” bekam. Die Schweizer Boulevardzeitung BLICK machte die Züricher Boutique ausfindig und interviewte die Ladenbesitzerin und später die Verkäuferin. Laut deren Darstellung handelte es sich um ein sprachliches Mißverständnis, bzw. hätte Oprah selbst das Anschauen der sündhaft teueren Tasche abgelehnt. Auf Facebook postete jemand aus meinem Freundeskreis einen Artikel über den Vorfall, der zu einer lebhaften Diskussion führte, die ich hier in Auszügen dokumentieren möchte, weil sie exemplarisch steht für die Schwierigkeit Fälle dieser Art zu beurteilen: War der Vorfall Ausdruck von Racial Profiling, ein bloßes Mißverständnis oder dem Geltungsbedürfnis einer superreichen Promifrau geschuldet? 

Der Ausgangsartikel stand im IndependentAn das Posting dieses Artikels schloß sich folgende ausufernde Diskussion an:

 B: Unglaublich! Bzw. Glaublich! Übrigens sind die Kommentare interessant, die zu großen Teilen am Problem völlig vorbei gehen, indem sie sich über Oprahs Geld oder Geltungsbedürfnis aufregen.Andererseits kann man sich auch fragen wie eine Welt beschaffen ist, in der eine Handtasche 35000 Franken kostet.

 C: Amüsante Geschichte. Aber wohl kaum ein Beleg für Rassismus. Bemerkenswert ist eher, mit welcher Bereitschaft Oprah Winfreys Rassismus-Vorwurf aufgegriffen wird.

 B: Da bin ich vollkommen anderer Ansicht. Ich halte diese Geschichte auch nicht für “amüsant” und bin da ausnahmsweise auf Seite einer Multimillardärin. Anders als durch Rassismus läßt sich die Geschichte nämlich nicht erklären. Aber indirekt geht es sogar um mehr als Rassismus…wie es ja auch beim Rassismus um etwas geht, das über den bloßen Rassismus hinausreicht, nämlich um die generelle Qualifizierung von Menschen. Die Pointe ist nun, dass dies durch eine Verkäuferin geschieht, die in der Hackordnung unendlich weit unter Oprah Winfrey steht, aber die Hackordnung trotzdem bestätigt. …Besides this: es kann im Jahr 2013 nicht allen Ernstes IMMER NOCH darum gehen, “Belege” für Rassismus zu sammeln. Rassismus ist eine Tatsache auf der gesamten Welt- für die USA hat Obama kürzlich das Notwendige dazu gesagt.Das Interessantere hier ist aber die Verbindung des Rassismus zum Sozialen: man traut einer Schwarzen nicht zu, SO viel Geld zu verdienen, dass sie sich eine Handtasche für 35000 Franken leisten kann und will…viel wahrscheinlicher wird Sie sich die Handtasche, wenn man sie vom Regal nimmt, krallen und mit ihr abdüsen. Dieses Klischee ist ein Skandal, aber der schlimmere Skandal ist eine Handtasche für 35000 Franken.

 C: Du hast doch bestimmt einen Sinn für das Amüsante dieser Geschichte, das ja gerade darin liegt, dass die Verkäuferin gegen ihre Interessen handelt. Andererseits wundert es mich, dass wenige Kommentare bemerken, wie UNGLAUBHAFT die Geschichte damit zugleich wird – nämlich auf den Rassismus-Vorwurf hin konstruiert. Doch selbst wenn sich der Vorfall so abgespielt haben sollte, wie O. W. das schildert (was ich, wie gesagt, ihr nicht abnehme; es wäre interessant, was die Verkäuferin sagt), wirkt der Rassismus-Vorwurf weit hergeholt. Doch, das Verhalten der Verkäuferin ließe sich auch anders erklären. Gesetzt den Fall, einer von uns beiden würde in Zürich unprofessionell behandelt – wir würden doch deshalb nicht gleich eine Keule zücken wie „Germanophobie“ oder dergleichen, oder? Am wahrscheinlichsten erscheint mir ein Missverständnis zwischen der Schweizerin und der Amerikanerin – vielleicht infolge der unterschiedlichen Muttersprachen. Und, ja: Es gibt Rassismus in der Welt und er ist widerlich – da sind wir derselben Meinung.

A: Ich denke auch, hier ist eine Fusion des Rassismus mit dem Sozialen geschehen. es ist doch heutzutage immernoch der Fall, wenn man in “unangemessenen” Kleidern oder als “Ausländer” sichtbar in einen der Shops an der Goethe-Strasse reingeht, wird man nur mit Glück nicht nach draussen befördert. die Reaktion der Verkäuferin ist völlig normal – und diese “Normalität” zwingt mich zu fragen, in welcher Gesellschaft leben wird denn immer noch, wo man nach Aussehen und Klassenzzgehörigkeit beurteilt. solche Vorurteile enden dann in solchen Beispielen wie bei Oprah. Ich weiss nämlich, wie auch hier, in Deutschland, Leute ab und zu behandelt werden, die nicht europäisch aussehen, oder durch Akzent stigmatisiert sind. And that’s not nice. Aber abgesehen davon, alleine ein Besuch eines solchen Shops kann zur Erkenntnis führen, wie tief unsere Gesellschaft in ihrer Luxuswahn gefallen ist. Diese snobistischen Assistenten sind wie Chimären des Untergangs. Ich denke, das könnte überall sein. ich denke, es ist soga gut, dass man nicht genau weiss, wo das war. dann bekommt die Geschichte den Charakter einer Parabel.

 C: Lieber A, Du entwickelst da – genau wie B – kostbare Überlegungen zum Phänomen des Rassismus, die ich mit meinem polnischen Namen und meiner schwarzen Hand sofort unterzeichnen würde. .Nur führen sie uns nicht weiter in der Kernfrage: Wo ist denn, verdammtnochmal, in der Schweizer Handtaschen-Geschichte überhaupt etwas Rassistisches zu finden? – außer eben in Winfreys Interpretation … Reflexe gegenüber Haltungen, die allgemein als verwerflich gelten, haben die Tendenz, sich zu verselbstständigen; es ist wahrscheinlich „menschlich“ (und bequem), sich als Opfer zu proklamieren, selbst dort, wo man gar kein Opfer ist. Reich-Ranicki schreibt in seiner Autobiographie (auf S. 470), dass viele Juden Schwierigkeiten, die ihnen das Leben bereitet, irrtümlich mit der Vorstellung verbinden, dass ihnen von ihrer nicht-jüdischen Umwelt Feindseligkeit entgegenschlägt. (Es gibt auch einen jüdischen Witz vom Juden, dem die Straßenbahn vor der Nase wegfährt und der schimpft: „Alles Antisemitismus!“ Oder den vom stotternden Juden, der sich als Rundfunksprecher bewirbt und die Absage als Judenfeindlichkeit auslegt).Hier ist übrigens die Version der Boutique. In meinen Augen wahrheitswahrscheinlicher als die Rassismus-Keule der Oprah Winfrey.

A. Lieber C., was die Handtaschengeschichte angeht, könnte es alles mögliche gewesen sein, könnte es auch ein Missverständnis sein. Nichtsdestotrotz tun alle Leute, die Du oben erwähnt hast, und die sich über die Diskrimination beklagen, das aus bitterer Erfahrung. Chauvinismus, Xenophobie, Rassismus sind längst nicht aus der Welt. Und wenn sie ab und zu auch paranoid oder manisch klingen mögen, so sind solche Ängste leider bei weitem nicht irrationell – das kann man aber nur empirisch nachvollziehen… Unsere Gesellschaft – weltweit – ist noch nicht soweit, die Akzeptanz auf die Fahnen zu schreiben… Einige sprechen über die Toleranz, aber das Wort Toleranz an sich trägt schon ja fast chauvinistische Züge…

 C Mit allem, was Du schreibst, A., hast Du vollkommen recht. Ich ziehe nur einen anderen Schluss. Gerade weil sich mit dem Rassismus entsetzliche Erfahrungen verbinden, weil er immer noch in der Welt ist und lauert, sollte man ihn nicht leichtfertig ins Spiel bringen, aus einer Art Willkür heraus. Sonst entstehen ebenfalls Opfer. Was meinst Du, wie sich die arme Verkäuferin heute Abend fühlt? Alle Welt zeigt auf sie mit den Fingern. Wenigstens scheint sie eine besonnene Chefin zu haben …

 B. Well, ich halte leider die Stellungnahme der Chefin im Gegensatz zu C. für VÖLLIG unglaubwürdig, und frage mich besides this, warum der Tagesanzeiger die Chefin befragt, die überhaupt nicht dabei war und nicht die Verkäuferin selbst. Seriöser Journalismus sieht für mich anders aus. Die Story, dass die Verkäuferin ihr eigentlich die Tasche zeigen WOLLTE und Oprah ausgerechnet mit “i just want to have a look” dies äh, ablehnte oder wie? scheint mir einigermaßen crazy…Von dem Verkäuferinnensatz: “Diese Tasche ist zu teuer für sie” ist nicht die Rede, offenbar hat Oprah den erfunden, oder was? Ja, und leider wurden die Videoaufzeichnungen gelöscht, hmm. Die Chefin ist auch m. E. nicht “besonnen”, sie will einfach ihren Arsch (und den ihres superteuren Promilladens ) retten, thats all. Im Gegensatz zu ihr (und dem Züricher Tagesanzeiger) hat Oprah keinerlei Motiv, sich die Sache zurecht zu biegen und dass sich die Frau, eine Milliardärin, die grade wieder zur einflußreichsten Frau der Welt gewählt wurde, immer gleich als “Opfer” fühlt, wie Du das unterstellst, lieber C., glaube ich auch nicht. “Racial Profiling” ist eine anerkannte und weidlich wissenschaftlich untersuchte Tatsache und sie findet nicht nur bei der Polizei und den Behörden statt, sondern auch in Edelläden und im traurigen europäischen und amerikanischen Alltag. Selbst Barack Obama hat kürzlich über Erfahrungen berichtet, dass wenn er in einen Aufzug kam (als junger Noch- Nicht-Präsident), Frauen sich panisch an ihre Handtasche klammerten- weil ja “Schwarze immer die Handtaschen klauen”… Wenn Du das aber alles besser weisst, schreib ihm doch mal einen Brief. Und das letzte Wort gebe ich damit an Oprah. Hier die Originalaufnahme des Interviews, wo sie nebenbei ab der 2. Minute von dem Vorfall berichtet.

C: Du hast wahrscheinlich gesehen, dass sich Oprah Winfrey in mehreren Talkshows geäußert hat. Die Frau verdient (wie man hört) 1 Million Dollar PRO TAG mit dem, was sie in Talkshows erzählt. Hey, und da soll sie kein Motiv haben, eine Geschichte umzubiegen und sich selbst in ein interessantes Licht zu rücken? – Den Rassismus-Vorwurf verwendet sie nicht zum ersten Mal: Vor mehreren Jahren wollte sie in der Pariser Luxusboutique Hermès einkaufen, kam eine Viertelstunde nach Geschäftsschluss an und wurde nicht mehr eingelassen. (Hier eine Quelle dazu: ). Am nächsten Tag hat sie den US-Landeschef von Hermés angerufen und sich über Rassismus beschwert. Wow! Das muss man erst mal bringen … Vor diesem Hintergrund, lieber B., will ich über Deinen Vorschlag nachdenken, einen Brief an Obama zu schreiben. ;-) Vielleicht ist Dir entgangen, dass O. W. in den Talkshows den Namen der Zürcher Boutique gar nicht nennt. Die Besitzerin musste also „ihren Arsch“ gar nicht „retten“ (wie Du schreibst). Sie wurde auch vom Tagesanzeiger nicht interviewt, ist vielmehr von sich aus an die Öffentlichkeit getreten mit ihrer Erklärung. Was soll an dem Dialog „Soll ich Ihnen die Tasche herunterholen?“ – „Ich will nur einen Blick darauf werfen“ seltsam sein? Sowas hörst Du TÄGLICH in Läden für Krokodilsledertaschen, wie wir beide wissen. Auch anderswo. Übrigens vermute ich tatsächlich an dieser Stelle ein Mißverständnis zwischen der Schweizerin und der Amerikanerin, vielleicht infolge der unterschiedlichen Muttersprachen. Winfrey könnte die Äußerung „Das ist unsere teuerste Tasche, wir haben auch preisgünstigere“ aufgefasst haben als „… FÜR SIE haben wir auch preisgünstigere Taschen.“ Da die preisgünstigen Taschen in dem Laden aber 4.000 Franken kosten, muss man schon sehr verbohrt sein, um in diesem Vorschlag Rassismus zu erkennen. Dazu ein Artikel in der Süddeutschen Oprahs Aussage: „Ich hatte meinen ganzen Winfrey-Look an, nur die Wimpern nicht“ und „In Zürich wird die Oprah-Winfrey-Show wohl nicht gezeigt“ und ihr kurz erwogener Plan, den Laden im Stil des Pretty-Woman-Film leerzukaufen, zeigt meiner Ansicht nach zur Genüge, in welchen Kategorien sie denkt. Paradoxerweise ist im Zuge dieser Geschichte der Verkauf von krokodilsteuren Damenledertaschen in den letzten Tagen übrigens sprunghaft angestiegen. Ich hab mir natürlich auch sofort eine gekauft. ;-)

 A: Ja liebe Leute, diese Story, da wir nicht dabei waren, ist ambivalent – mag sein, die Verkäuferin war rassistich motiviert, mag sein, das ganze war ein Missverständnis. wobei in jedem Fall eine Verkaufsarroganz der Luxusshops ist sehr authentisch dargestellt. ich denke, egal, wie wir uns hier aufregen, wird 1) Rassismus nicht verschwinden, bzw. 2) Missverständnisse nicht aufgeklärt. Inflationärer Missbrauch der Thematik Xenophobie auf eigene Person bezogen, wäre unschön. Oprah erzählte dies aber eher als eine Anekdote aus ihrer Reise, statt eine Antirassismus-Kampagne zu eröffnen. den Rest haben Medien und wir getan.

 B Ich möchte aber leider noch weiter etwas Argumentationsöl ins Feuer gießen, weils Spaß macht. Im Gegensatz zu Deiner Darstellung, C., hats Oprah m.E. nicht nötig, sich mit einer eher kleinen Geschichte “in ein interessantes Licht zu setzen”. Sie ist selbst die erfolgreichste Talkerin aller Zeiten und wurde von Forbes im Juni also VOR dieser Geschichte zur”einflußreichsten Frau der Welt” gewählt.Das “interessante Licht” halte ich jedenfalls für ein ungleich schwächeres Motiv als das Geschäftsinteressse der Boutiquenbesitzerin, die auf schwerreiche Promiklientel angewiesen ist. Die Boutiquenbessitzerin ist auch nicht von sich selbst aus an die Öffentlichkeit getreten, sondern die Schweizer Boulevardzeitung BLICK (so was wie BILD) hat herausgefunden, dass es sich um diese Boutique handelt. Den zitierten Dialog hört man natürlich oft, aber hier wird er so interpretiert, als hätte Oprah SELBST damit das Anschauen der Tasche abgelehnt. “Die Verkäuferin habe Winfrey gefragt, ob sie ihr die Tasche zeigen dürfe. Aber Winfrey habe nur gesagt: «No, no, I just want to have a look.” Für mich bedeutet der Satz:” i just want to have a look” , dass sie die Tasche anschauen, aber nicht unbedingt kaufen will. Dazu hätte die Verkäuferin die Tasche aus dem Schaufenster hinter einer Sicherheitswand hervorholen müssen, was sie nicht getan hat. Also: Oprah behauptet, sie hätte insgesamt drei Mal gefordert, die Tasche anzusehen und die Verkäuferin hätte sie nicht gezeigt. Boutiquenbesitzerin-die nicht dabei war- behauptet, Oprah hätte das Ansehen der Tasche, das ihr von der Verkäuferin angeboten wurde, von sich aus abgelehnt. Wer lügt? Interessanterweise ist die Boutiquenbesitzerin noch mit einer gänzlich anderen Version unterwegs, die in Deinem SZ-Link erwähnt wird. Da sagt sie: “Die Verkäuferin habe beim Preis der 35.000 Franken teuren Tasche Gewissensbisse gehabt und ihrer Kundin deshalb noch andere Versionen anbieten wollen. Ihr einziger Fehler sei gewesen, das Stück nicht auch aus dem Regal zu nehmen.” Das klingt für mich genauso unglaubwürdig wie die Version oben: GEWISSENSBISSE wegen der Preise in dem Laden, für den ich arbeite? Obwohl die Verkäuferin, wie die Boutiquenbesitzerin anderswo sagt, “gewohnt ist für den Jetset zu arbeiten” ? Anyhow: in dieser zweiten Version aus Boutiquenbesitzerinnenmund ist es die Verkäuferin, die sich wegen ihrer schweren Gewissensbissen weigert, das Stück aus dem Regal zu nehmen. Kurzum: ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass die Boutiquenbesitzerin die “Wahrheit zurecht biegt ” als Oprah.

 C. Auf mehrere Punkte, die ich angesprochen habe, lieber B., bist Du gar nicht eingegangen. Insbesondere nicht darauf, dass Winfrey es einmal „rassistisch“ genannt hat, dass sie in einer Pariser Boutique nach Ladenschluss nicht mehr einkaufen durfte . Hier nun, frisch im Netz, die Stimme der Verkäuferin, nach der Dich so sehr verlangt. Sie bestätigt leider meine Einschätzung, dass der Rassismus-Vorwurf, zu Unrecht erhoben, seinerseits Leid produziert. Oder kommt Dir das jetzt auch alles wieder erlogen und erstunken vor?
Hier das vollständige Interview in der Schweizer Zeitung „Blick“

 B: Ich habe den Artikel über die Pariser Boutique nicht erwähnt, weil das Ereignis 8 Jahre zurückliegt und weil der von Dir verlinkte Artikel verschiedene Versionen des Ereignisses präsentiert, von denen Du nur die erwähnst, die in deine Argumentation passt. Der Artikel selbst hingegen stellt als Fazit fest: “The public probably will never know precisely what transpired in the case of Winfrey versus Hermes” und führt zudem verschiedene Beispiele für den Alltagsrassismus auf, der schwarzen Prominenten zugestoßen ist: “There have been countless stories of well-known African Americans feeling snubbed. Cornel West in a three-piece suit couldn’t get a cab in Manhattan. Vanessa Williams was mistaken for a waitress at a private dinner party even though she was wearing an evening gown. Condoleezza Rice — before she became secretary of state — reprimanded a salesgirl for showing her costume jewelry after she had requested the better pieces”. Ich nehme an, Du hättest in JEDEM dieser Fälle vermutet, dass das “doch nichts mit Rassismus zu tun hat”. Die Amis sehen das aber offensichtlich anders und die kennen sich damit aus. Dies zusammen mit dem Umstand, dass der Vorfall 8 Jahre zurückliegt, schien und scheint mir kaum die These zu stützen, dass Oprah ständig durch die Gegend läuft und sich über Rassismus beklagt. Was nun das Interview angeht, so hast Du ganz Recht: ich kaufe diese Version nicht. Der Vorfall hat INZWISCHEN so viel Wind gemacht, das die Verkäuferin es sich kaum noch leisten könnte, sich hinzustellen und zu sagen: “Ja, ich habe diese Kundin falsch eingeschätzt.”, zumal sie damit weiter ihrer Chefin schaden würde. Das Interview selbst ist wie bei Blick als BILDäquivalent zu vermuten völlig tendenziös (“Die Verkäuferin erzählt wie das Treffen WIRKLICH verlief” als Headline) und Boulevardmäßig aufgezogen: Die Melodie heißt “Reiche Frau gegen arme Verkäuferin”. Damit soll sich dann die Verkäuferin, die für ein paar Franken an der Migroskasse arbeitet, identifizieren können. Nur dass wir hier über eine Verkäuferin reden, die in einer absoluten Luxusboutique für den Jetset arbeitet und natürlich auch dementsprechend bezahlt wird. Weil sie dort arbeitet, kaufe ich ihr ebenfalls ihr mageres Englisch nicht ab; so jemand wird an einem solchen Ort nicht eingestellt, denn die Anzahl der Promis, die Schwyzerdütsch sprechen ist nicht sehr groß. Die Darstellung selbst kommt mit einer Unzahl unwichtiger Details daher, wer wem wann die Tür aufgehalten hat usw., umgeht aber den kritischen Dialog, der stattgefunden hat: “Sie blickte auf ein Gestell hinter mir. Weit oben. Darauf aus­gestellt war die 35000-Franken-Krokotasche. Ich sagte ihr, dass es dieselbe Tasche sei wie die, die ich gerade in der Hand hielt. Nur dass sie viel teurer sei. Ich könne ihr gerne noch andere Taschen zeigen. ” Oprah hat also auf das Gestell geblickt, ohne etwas zu sagen, und durch diesen wortlosen Blick wird die Verkäuferin zu ihrer Äußerung veranlaßt: das sei die gleiche Tasche, nur viel teurer. Worauf sie wieder ohne Antwort fortfährt mit: ich kann ihnen gerne noch andere Taschen zeigen. Mir erscheint diese Abfolge nicht glaubwürdig. Glaubst Du allen Ernstes Oprah behauptet, sie hätte DREI Mal darum gebeten, die Tasche anschauen zu dürfen, während sie in Wirklichkeit dies ablehnte, bzw. einfach offenbar die ganze Zeit den Mund hielt, was normalerweise nicht ihre Art ist. Und wie passt diese Version mit der ersten Cheffinnenversion zusammen, nach der die Verkäuferin die Tasche nicht gezeigt hat, weil sie “ein schlechtes Gewissen hatte wegen des Preises”. Kommen wir nochmal zu BLICK und der Art der Interviweführung; BlICK fragt: “Oprah Winfrey behauptete im US-Fernsehen, Sie hätten ihr die Tasche aus rasssistischen Gründen nicht ausgehändigt” Hälst Du diese Frage für serösen Journalismus? Soll die Frau darauf antworten: “Ja, ich habe sie ihr aus rassistischen Gründen nicht ausgehändigt?” Nicht mal der ärgste Rassist würde von sich sagen, dass er “Rassist ist”. Aus der Rassismusforschung ist deshalb seit Jahrzehnten bekannt, dass man, wenns darum geht Vorurteile rauszufinden, bei Fragen das R-wort meidet.

 C: B., ich kann kaum glauben, dass es Dir ernst ist mit Deiner Argumentation. Warum verteidigst Du diese arrogante Milliardärin so unbeirrt? Bist Du tatsächlich unempfindlich gegen ihr Opfer? Come on!Dass die „Blick“ nicht Deine Kragenweite ist, versteh ich ja, hab aber auch die „Süddeutsche Zeitung“ angeführt. Du kritisierst lang und breit den Boulevard-Stil der „Blick“, erwähnst dagegen die „Süddeutsche“ mit keinem Wort. Unzählige Medien zitieren mittlerweile die Äußerungen der Verkäuferin, schau mal ins Netz! Liegen die ALLE neben der Spur? Apropos seriöser Journalismus: Als leicht untergriffig (liebevoll ausgedrückt) empfinde ich den Umstand, dass Du mehrere Fälle von Rassismus gegenüber Schwarzen in Amerika anbringst und dann schreibst: „Ich nehme an, Du hättest in JEDEM dieser Fälle vermutet, dass das ‚doch nichts mit Rassismus zu tun hat’.“ Ich habe mich zu diesen Fällen gar nicht geäußert; auch habe ich im Lauf unserer Diskussion nie bestritten, dass es Rassismus gibt (und dass ich ihn für verwerflich halte).

 B: Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung, ebenso wie die anderer Zeitungen, zitiert lediglich das Interview aus der “BLICK”-und zwar ohne eigene Recherche oder Wertung. Warum sollte ich den Aussagen des gleichen Interviews mehr Glauben schenken, weils woanders zitiert wird? Das Interview ist nämlich journalistisch unseriös. Es wurde viel zu spät geführt, nämlich nach Tagelanger “Vorabinformation” durch die Chefin der Interviewten, arbeitet mit Suggestivfragen und stellt keine Nachfragen nach Widersprüchen. Stattdessen setzt es auf Emotionen. Die Verkäuferin ist auch kein “Opfer von Oprah” -auch wenn BlICK genau das zu erzeugen versucht- sondern, wenn überhaupt, von BLICK selbst. Die haben nämlich die Boutique identifiziert. Oprah hat wie Du sehr wohl weißt keine Namen genannt und den Vorfall nur “en passant” erwähnt. BLICK hingegen ging es darum, einen (Schweizgemäßen) “Aufreger” zu schaffen, um dann die “Verteidigung” auf den Plan zu rufen, nach dem Motto: “Jetzt redet XYZ selbst!” Es wundert mich, dass Du auf diese Boulevard-Nummer reinfällst. Das ist das wohlbekannte BILD-Prinzip. Die Fälle von Rassismus, die ich aufgeführt habe, stammen aus dem Artikel der Washington Post, den Du selbst etwas voreilig zur Stützung der Argumentation verlinkt hast. Gewiss ist es gewagt, zu präjudizieren, was Du zu ihnen vermutet hättest. Sie weisen aber eine Strukturähnlichkeit zum vorliegenden Fall auf. Sie spielen in der Upperclass, betreffen unerkannte Schwarze Promis und es geht nicht darum, dass einer “Nigger” sagt, sondern um eine falsche soziale Zuordnung, die mit Racial Profiling zu tun hat. Wenn Condoleezzaa Rice, damals nur Professorin, von einer Verkäuferin in einem teuren Geschäft auf die Frage nach “Jewelery” Modeschmuck gezeigt wird, und sie auf die Nachfrage nach der “good jewelery” eine verschwiemelte Antwort kriegt, MUSS das ja nichts mit Racial Profiling zu tun gehabt haben, das besagt: Schwarze können sich das WIRKLICH teure Zeug nicht leisten oder klauen es vielleicht, wenn ichs ihnen zeige! Tatsächlich kommen aber solche Fälle so auffallend häufig vor, dass Du Ratgeber “shopping while black” findest : 

 C: Wieder schreibst Du ausgiebig über den boulevardesken Stil der „Blick“. Du brauchst mich gar nicht zu überzeugen, B., ich mag den Stil auch nicht. Damit wird aber das Interview mit der Verkäuferin im Kern nicht unglaubhaft. Die internationale Presse zitiert es vielfach – darunter Organe, die sicher auch Du für seriös hältst. Niemand (so weit ich sehe) urteilt darüber so wie Du. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle diese Journalisten sich in ihrer Einschätzung irren.
Es geht in unserer Diskussion um Oprah Winfrey, nicht um Fälle von Rassismus in Amerika, die es zuhauf gibt. Mit denen findest Du eine Ähnlichkeit nur, wenn Du eben eine Ähnlichkeit finden möchtest. Natürlich kannst Du prinzipiell alles mit allem vergleichen; uferlose Möglichkeiten tun sich da auf, nicht jeder Vergleich ist ein Beleg (die wenigsten sind es). Der Rassismus-Vorwurf kann auch zu Unrecht erhoben werden. Ich bitte Dich, das zu sehen. Und dann zu einer Waffe werden, die erheblich verletzt – wie man am Beispiel der Verkäuferin erkennt.
Als Winfrey damals bei Hermés in Paris eine Viertelstunde nach Ladenschluss nicht mehr eingelassen wurde, hat sie „Rassismus!“ gerufen und den Fall in ihrer Talkshow zur Sprache gebracht. Über den Zürcher Vorfall redet sie nach Wochen zum ersten Mal – und wo? In einer Talkshow! Ich jedenfalls bemerke da eine deutliche „Strukturähnlichkeit“. Warum hat sie sich denn nicht sofort bei der Besitzerin der Boutique beschwert, der sie überdies tags darauf bei einer Hochzeit begegnet ist?! Warum erzählt sie die Story zuerst im Fernsehen? Missbraucht sie damit nicht ihre Macht? – Inzwischen wissen wir auch, dass die Verkäuferin aus Italien stammt. Nun ist die Schweiz nicht gerade für ihre Warmherzigkeit gegenüber Ausländern berühmt. Warum sollte sich ausgerechnet eine Italienerin in der Schweiz rassistisch gebärden?
In meinen Augen ist es, alles in allem, viel wahrscheinlicher, dass die gekränkte Selbstliebe der Milliardärin Ausgangspunkt der ganzen Geschichte ist, nichts sonst. Übrigens dreht sich Winfrey jüngster Film, der am Freitag in den USA anläuft, um das Thema „Rassismus“ … ! Merkst Du was?

 B: Die internationalen Zeitungen wie die SZ geben gar kein Werturteil über das Interview ab, sie zitieren nur daraus. Die internationalen Zeitungen wie die SZ geben gar kein Werturteil über das Interview ab, sie zitieren nur daraus. Damit genügen sie ihrer Chronistenpflicht, das stützt aber für mich nicht den Wahrheitswert der Aussagen. Ähnlich wird von der Presse auch oft mit BILDinterviews umgegangen.Die Fälle von Rassismus, die ich angeführt habe, wurden as you know zuerst von der von Dir zitierten Washington Post, und nicht von mir, im Zusammenhang der Hermeskiste aufgeführt. Es geht nämlich um eine sehr spezifische Art von Upperclass-Rassismus: Racial Profiling in der Upperclass gegenüber Schwarzen Promis, die nicht erkannt werden-oder es noch Keine Promis waren. Ich finde diese Beispiele erheblich präziser als “alles mit allem zu vergleichen” wie Du mit vorwirfst. Das Oprah in einer Talkshow davon berichtet ist logisch, denn -simsalabim- sie IST die bekannteste Talkerin der USA. Das kann man nicht mit irgendeiner Politikerin, Geschäftsfrau oder ähnlichem vergleichen, die grade mal in einer Talkshow reinschneit, um sich auszukotzen. Talkshows sind seit Jahrzehnten Oprahs Wohnzimmer. Besides this hat Larry King sie gefragt, ob sie schon mit Rassismus zu tun hatte-warum soll sie die Episode NICHT erzählen, wenn sie sie so empfunden hat? Ob das Ganze hingegen wirklich der richtige Stoff für Tina Turners Hochzeit gewesen wäre- i don´t think so. Der wesentlichste Punkt aber, und da unterscheidet sich unsere Auffassung wirklich diametral ist, ist dass erst BLICK aus Skandalisierungsbedürfnis diese Story so groß gemacht hat, und deshalb in meinen Augen nicht Oprah, sondern BLICK die Verantwortung für die “mißliche Lage” der Verkäuferin trägt, die überdies so Seelendramatisch überhaupt nicht ist, denn sie behält ihren Job und alle national gesonnenen Schweizer und BLICKLeser werden sie als ihre Heldin verehren-so what? Den Amis wird die Kiste im wesentlichen am Arsch vorbeigehen- die haben ihren eigenen Rassismus. Allenfalls sind sie fassungslos, dass man Oprah nicht erkennt! Und kannst du Dir EINEN Schweizer vorstellen, der die Verkäuferin deshalb “auf der Strasse beschimpft”, wie sie das im Interview imaginiert-ich nicht. Da ist für mich eine Menge Heuchelei im Spiel. Zufälligerweise hat mich vorgestern Christina aus der Schweiz angechattet, die sich wie ich denke aufgrund ihres Escortservice gut mit der dunklen Seite der Schweizer Seele auskennt (auch wenn das keine reine Schweizer Angelegenheit ist). Ich habe sie gefragt, was sie von “Täschligate” hält und sie meinte: “Ich persönlich spüre hier schon enormen Rassismus. Kommt mir fast so vor, wie man es manchmal in tv-Reportagen aus der BRD der 60er Jahre sieht. Aber mal ganz ehrlich,wenn ich einen Laden mit Luxusgütern betreiben würde, würde ich mir schon überlegen, wem ich eine 35000chf-Tasche in die Hand gebe.” Eben: ich wette, genau so wars! Und bei ner Schwarzen, die man nicht kennt, schiebt man dann eher mal die günstigeren Modelle vor.Und zu der Frage, ob ich was merke: Nö. Zu dem Thema braucht sie nicht die Schweiz.

 C: Der Täschligate geht den Amis „nicht am Arsch vorbei“, der wurde und wird riesengroß in den Zeitungen dort besprochen.. Oprah hat sich auf dem roten Teppich vor der Filmpremiere übrigens zum Täschligate interviewen lassen – sehr clever, die Gute! Die „Blick“ trägt ihren Teil Schuld an der Geschichte, da gebe ich Dir recht. Hätten die den Laden doch nicht ausfindig gemacht! (WIE sie das geschafft haben, wüsste ich übrigens gern.) Aber Oprah hat den Stein ins Rollen gebracht; die hat das ja nicht zufällig in zwei Talkshows erzählt (die Fragen – zumindest die Themenbereiche – sind wahrscheinlich vorher abgesprochen). Ich weiß, dass die Schweiz leider ein ziemlich chauvinistisches Land ist, das hatte ich oben bereits erwähnt. Dieser traurige Umstand macht die italienische Verkäuferin aber noch nicht zur Rassistin. Wäre ja eine grauenhafte Schlussfolgerung.

Hier endete die Diskussion.

 


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