Frankfurter Gemeine Zeitung

Deutschland-Beglückungen

http://4.bp.blogspot.com/-lJVrvwnclF4/UQlTzo6eN9I/AAAAAAAAAxA/gAlrsClERaY/s640/IMG_5424.JPGDer sogenannte Bundestagswahlkampf findet allgemein wenig Interesse. Deshalb mühen sich unsere marktführenden Medien darum, gelangweiltes Publikum im Lande für fehlende parlamentarische Aufreger zu entschädigen. Das “Kanzler-Duell” hielt was es versprach: Staatsführung triefte regelrecht aus unseren Bildschirmen. Die vierte Gewalt arbeitet bestens mit der ersten Gewalt zusammen.

Deshalb: Wohlfühlen ist angesagt, deutschen Sieg im Wettbewerb gilt es wie bei einer WM zu feiern, und die Qualitätsmedien decken uns derzeit im Tages-, gar im Stundenrhythmus mit passenden Siegesmeldungen ein. Wir fühlen uns versetzt in Erhards Wirtschaftswunderland, oder erinnern uns an die Erfolge beim Fünfjahresplan unter Ulbricht. Klar ist, die deutsche  Wachstumsfront wird halten, da können die Wirtschaftszwerge um uns herum noch so gegen anrennen. Und der große Club heisst jetzt: USA, China und Deutschland, natürlich.

In diese Front reicht sich vorauseilender Gehorsam der öffentlich-rechtlichen Sender ein, deren Verpflichtung zur Sorgfalt eigentlich besonders hoch sein muß. Der Druck in Richtung Wohlfühlklima geht aber inzwischen soweit, dass solche Sender gerne absurde Wirtschaftszahlen verkünden. Ein Beispiel ist der Deutschlandfunk, eines der wenigen bundesweit empfangbaren Radios.

Vor dem Wochende brachte der Sender stündlich in seinen Hauptnachrichten die folgende Meldung: “Die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone ist im Juli zum zweiten Mal in Folge leicht gesunken. Wie das europäische Statistikamt Eurostat mitteilte, waren 19,23 Millionen Männer und Frauen erwerbslos gemeldet – 15.000 weniger als im Vormonat. Die um jahreszeitliche Schwankungen bereinigte Arbeitslosenquote verharrte allerdings wie in den Vormonaten auf dem Rekordwert von 12,1 Prozent. Die höchsten Arbeitslosenquoten gibt es nach wie vor in Griechenland und Spanien mit deutlich über 25 Prozent. Die niedrigste Quote verzeichnete Österreich mit 4,8 Prozent, gefolgt von Deutschland mit 5,3 Prozent.”

Mit Verlaub, das ist blanker Unsinn. Eine Arbeitslosenquote von 5,3 gab es in Deutschland schon seit 30 Jahren nicht mehr, obwohl im Laufe dieser Zeit immer mehr faktisch arbeitslose aus der Statistik rausgeschönt wurden. Tatsächlich lautete die offizielle Arbeitslosenquote im August 6,8 %, im Jahresschnitt schwankt sie um die 7%.

Mit anderen Worten: der Sender kürzte die Arbeitslosenzahl einfach um gut eine Million Betroffene.

So schön kann es im Deutschland der Merkels und Steinbrücks sein!


Ein Kommentar zu “Deutschland-Beglückungen”

  1. Bernhard Schülke

    In den HR1-Nachrichten (Radio) spukte vor kurzem die Nachricht herum, die Zahl der Arbeitslosen sei in Hessen leicht gefallen. Es fehlte der Hinweis »saisonbereinigt«, so dass ich vermuten muß, dass in Wirklichkeit die Arbeitslosenstatistik gleichgeblieben oder – was ich vermute – real sogar gestiegen ist.

    Wer sich für so eine Meinungsmache hergibt, gehört aus den öffentlich-rechtlichen Medien entfernt. Wir brauchen Stephan Stuchliks beim Hessischen Rundfunk. Entsprechend sollte man bei der bevorstehenden Landtagswahl wählen.

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