Frankfurter Gemeine Zeitung

Von sauberen und schmutzigen Toten

Derzeit wird viel gestritten, es sei nämlich eine „rote Linie“ überschritten worden. Dies sei nicht hinnehmbar, immerhin habe die „Völkergemeinschaft“ sich ein Regelwerk gegeben, innerhalb dessen sich jeder ohne Ausnahme zu bewegen habe – und dies sei nun gröblichst missachtet worden.

Von allen Seiten wird uns die Empörung über derart schändliches Tun um die Ohren gehauen, auf dass die nächste Meinungsumfrage bestätigt, das „Volk“ will, dass hier Ordnung geschaffen wird. Hier – das ist Syrien, und Ordnung – das ist, nur erlaubte Waffen zu benutzen. Das Argument, die erlaubten seien zielgenauer, sieht man von einigen Kollateral-Schäden ab, wie sie nun mal nicht zu vermeiden sind – noch nicht (das ist dann Gegenstand der Drohnen-Diskussion).

 

Richtig – die Welt diskutiert über den nun mehr als gerechtfertigten militärischen Einsatz gegen Syrien, das in einem Fehlgriff im eigenen Arsenal den unerlaubten Tod in die Lande geschickt hat.

 

Bemerkenswert an dieser Diskussion ist nicht, dass hier Leute sich zu Saubermännern aufschwingen, deren Armeen reichlich Erfahrung mit diesem unerlaubten Tod haben, sondern wie ganz selbstverständlich eine feine Unterscheidung getroffen wird zwischen erlaubtem und unerlaubtem Tod, sauberen und schmutzigen Toten.

 

Der massenhafte Tod wird gesellschaftsfähig, indem man ihn säuberlich unterteilt, Kategorien des Erlaubten aufstellt. Damit wird er generell akzeptiert und es dreht sich von nun an nur darum, wie er uns ereilt. In Form einer Kugel? Sauber! Einer Atombombe? Wenn es nicht anders geht, aber auch sauber!

 

Eigentlich ist die Unterteilung nicht differenziert genug, denn die Frage ist doch, wird die Waffe von demokratisch legitimierten Händen benutzt oder handelt es sich um einen Schurken, dann ist sie auf alle Fälle schmutzig. Aber das würde zu weit führen.

 

Schon die Genfer Konvention ist ein gewaltiger Schritt in Richtung Akzeptanz der Massenvernichtung, solange sie gemäß diesen Regeln erfolgt. Die aktuelle Diskussion leistet sich den Zynismus einer Salon-Auseinandersetzung über die Ästhetik des Tötens. Jetzt ist gefragt, wer über die chirurgischen Waffen verfügt und wie groß sein operatives Geschick ist, diese Präzisions-Killer anzuwenden.

 

Und die Toten – die, die es bereits gegeben hat und die, die noch kommen werden?

 

Die werden hingenommen, denn es gilt zu zeigen, was ein zivilisierter Krieg ist, geführt von zivilisierten Nationen mit breiter Zustimmung ihrer Zivilgesellschaften.

 

Welch ein Trost für die syrische Bevölkerung, dass sie seitens dieser herausragenden Zivilisationen nicht mit Chemie-Waffen ausradiert wird, sondern sauber mittels Druckwellen – ausgelöst durch chemische Reaktionen. Da ist er doch, der feine Unterschied, an dem wir uns so bereitwillig festhalten.

 

So lässt sich trefflich schwadronieren und gleichzeitig ein reines Gewissen behalten, denn immerhin halten „wir“ uns an die Regeln des Tötens, während der Gegner gezeigt hat, dass sein Leben verwirkt ist.

 

Eine Regelverletzung, nichts weiter. Das lässt doch Hoffnung für die Menschen in Syrien.

 


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