Frankfurter Gemeine Zeitung

Orientierungsveranstaltung

- Seid ihr alle da?
– Ja!!
– Fraaankfuurt! Fraankfuurt!

Ei wieso ist es denn so laut da draußen auf dem Campus Westend? Ist es ein SommerHerbstfest? Nein. Wird der Brunnen-Platz mal wieder kommerziell marketingtechnisch zweckentfremdet? Nein. Ist es etwa eine Demo gegen die Gentrifi… NEIN! habe ich doch gesagt.

Die WiWis feiern E!Woche, die “langersehnte Einführungswoche des Fachbereichs FB02 Wirtschaftswissenschaften der Goethe Universität“. Und es ist jetzt… man nachschauen… aha: “Grossgruppenspiel und Ausgabe der Sponsorenpräsente”.

Und das geht so:


In der Begleitung von der zudröhnend abgedroschenen Hitliste (in einer Dezibel-Höhe, da wird sogar Fraport neidisch) werden die Erstis in die Materie eingeführt: sie müssen sich beispielsweise in einem riesigen Kreis hinstellen und den Vordermann/-Frau massieren: zuerst die Schulter, dann die Ohrläppchen, dann die Hüften. Und dann setzen sich alle in dieser Stellung auf den Boden. Aufwärmen vor dem Start in das Studium oder das Vorbereiten auf das Sexual Harassment im Bankfilialkopierraum? Nein, wollen wir doch nicht so mies sein. Sind ja erst die Erstis. Ihr Studium fängt an. Mit einer Initiation.

Eine Mischung aus Kasernenerniedrigung und Ballermann 6 Belustigung steht in der Luft. Das ganze wird begleitet von einem überlauten Megaphon-HiQuality-Funkmikrophon-Genossen, der ganz locker und cool vorkommen möchte: “Richtigen Kreis machen! Babys können das! Ihr seid ja keine Babys mehr? Hey du Jeans, rück mal weiter rechts, damit der Kreis steht! So, gut gemacht!” Eine fette Soundanlage haben die aber auf jeden Fall, respekt.

Und als Video:

Als sie – vor einigen Semestern – auf dem nun fast verlassenen Campus Bockenheim diese Orientierungsveranstaltungen durchführten, dachten wir zuerst auch, es sei eine Demo. Ja, weil sie so “Frankfurt! Frankfurt!” und “Bockenheim! Bockenheim!” skandierten. Wir sahen aber keine Transparente, die den Gegenstand ihres Unmutes konkretisieren sollten. Eine Monstration? Als wir dann zu einem der Veranstalter kamen und ihn fragten: “Wogegen protestiert Ihr hier eigentlich?“, hat er sich fast verschluckt vor lauter Schreck: “Wir? Protestieren?! Nein nein! Um Himmels Willen! Wir protestieren nicht. Das sind einfach die Einführungsveranstaltungen für die Erstis“.

Und das ging so: Der Hauptanimateur-Gruppenleiter (eventuell nicht unalkoholisiert) grölte damals mit vergnüglichen Stimme (endlich mal so eine riesige Menschenmasse steuern und leiten): “Stellt Euch in Kreis auf!”, dann wurde Guantanamera gesungen (daher meine anfängliche Vermutung, es sei eine Demo), aber dann: “Und jetzt haut mal eure Vordermänner aufn Arsch, hahaha!”. Die Erstis mussten dann allen Befehlen folgen. Soziales Engagement wird heutzutage hochgeschätzt. Dann teilte sich die Masse in kleinere Gruppen auf und alle rannten zum Hauptbahnhof. Die Gruppe, die als erste an das Ziel kam, bekam Gutscheine für Äppelwöi-Express. Also, nix Politisches hier, hau ab du, apage satanas! Ist halt nur die Orientierungsveranstaltung. Die Erstsemestler werden orientiert.

Naja, aber zurück zu heute. Die Gruppenzwang-Hölle wird bald vorüber sein, dann kommen endlich die Sponsorenpräsente. (Und wem diese Kollektivität nicht schmeckt, der hat hier nix verloren). Denn danach gibt es Campusralley und dann Partyabend bis in die Nacht. So ist die Universität. Gaudeamus igitur, meine Herrschaften, iuvenes dum sumus.


17 Kommentare zu “Orientierungsveranstaltung”

  1. gaukler

    Was genau sind denn “Sponsorenpräsente”?
    Freiauftritt bei DsdS?
    Oder Empfang mit Schnittchen bei der Deutschen Bank?
    Wen wundert da noch “Mutti-Deutschland mit freiem Girokonto”?
    Zumindest wirft das Initiatioonsszenario auch ein Schlaglicht auf die klägliche Verfassung der Wirtschaftswissenschaften, auf das dort herrschende Verständnis differenzierter sozialer Prozesse. Kommt nicht über Banalitäten hinaus.

  2. Merzmensch

    Ja, so sieht’s aus mit der Zukunft unserer Wir(r/t)schaft: einige wenige leiten, viele werden geleitet, egal, was sie machen sollen. Und sie freuen sich sogar darauf. Auch wenn’s um Ohrenläppchenmassage geht. Der Erfahrene soll’s besser wissen.

  3. basta

    Ja, das Studium und dann auch der spätere Job sind eben alles nur die Verlängerung des Abi-Scherzes. Wozu sonst WiWi studieren, wenn nicht mit dem ganzen Geld auch später für seine Kindheit sorgen?

  4. Bernhard Schülke

    @gaukler: Du schriebst “Kommt nicht über Banalitäten hinaus.“. Und ich dachte noch, sie würden das Glaubensfach Ökonomie studieren.

  5. Merzmensch

    Nachtrag. Heute ging’s weiter mit Orientierungen. Und das sah so aus: Studis (bei weitem nicht alle, so um 40 Leute) standen Spalier und haben nacheinander den zwischen zwei Reihen eilenden Komillitonen den Hintern versohlt – unabhängig vom Geschlecht. Alle kamen ran. Eine sadomasochistische Initiation?

  6. Juliet

    Ach du meine Güte, man kann aber auch wirklich alles politisieren wenn man nichts weiter zu tun hat, als sich immer über “die anderen”, vor allem “die bösen WiWis” aufzuregen! Und ja, es gibt Leute, die nicht immer gegen irgendetwas demonstieren müssen, so schwer es zu glauben scheint! Man kann sich auch versammeln aus anderen Gründen, wie zum Beispiel dem gegenseitigen Kennenlernen bei einer solchen Einführungswoche oder den albernen Spielen, die da zum Teil gemacht werden. Aber mehr ist es auch wirklich nicht, und es hilft keinem wenn man immer alles versucht zu dämonisieren und zu verhetzen… In einem solchen Zusammenhang ist es sogar mehr als lächerlich.

  7. Schmitt

    Juliet ist vermutlich selbst WiWi, denn wer wollte sonst so naiv sein, in dirigierten Spektakeln gar keine politische Einstellung zu erkennen.
    Eben solche, deren einfache Perspektive unterscheidet in die, welche “immer gegen irgendetwas demonstieren müssen” und die anderen, die sich ordentlich den Sachzwängen der Welt und den simplen Lehren über sie ergeben.

  8. Merzmensch

    Liebe Juliet, natürlich ist es albern, gegen alles mögliche ohne Grund zu demonstrieren. Und das tut keiner hier. Andererseits ist ein Mensch, wenn wir von der Aristotelischen und Platonischen Definition ausgehen, ein ζον πολιτικόν, man kann nicht apolitisch denken oder handeln, auch wenn man nicht gerade politisiert. Man lebt in der Gesellschaft, und auch Spass ist politisch konnotiert.

    Ich war mal auch in der Fachschaft. Wir haben auch Orientierungsveranstaltungen für die Erstis organisiert. Aber dabei haben wir die Menschens Würde immer im Blick behalten, wir haben sie so behandelt, wie uns alle, auf der gleichen Ebene, auch wenn sie alle ganz neu in der Uni waren. Wir stellten den Leuten Campus, Bibliothek vor, zeigten Filme, erzählten über die kommende Themen, und das alles ohne auf das Hintern zu hauen oder andere erniedrigende Handlungen, wie hier zu beobachten war. Universität ist schließlich kein Kindergarten. Natürlich ist das Spielerische nicht zu vernachlässigen, doch nicht manipulativ oder primitiv, wie es hier sich abspielte. Ich begrüße das Engagement, mit dem man die Erstis in die Uni einführt, doch solche niveaulose animatorischen Aktionen sind prekär und fragwürdig. Mehr Respekt gegenüber den Erstis bitte.

  9. E!Wochen Mentor

    Ist schon ganz schön traurig was der Neid auf die Teilnahme an dieser Veranstaltung aus einigen Schmierblattautoren und Teilzeitphilosophen macht.

    die Frankfurter E!Woche grüßt recht herzlich…

  10. gaukler

    “Neid”, “Schmierblatt”, “Teilzeit” – welch frischer Geist weht doch durch die Stadt vom Campus der Stiftungsuni und dem House of Finance!
    Da ist es fast sicher, dass durch unser Städtchen am Main bald ganz, ganz neue Ideen strömen.

  11. Bert Bresgen

    @ E!WochenMentor: Der potentielle “Neid” auf die Teilnahme am einer Veranstaltung, bei der man als Student auf dem Unicampus mit den Worten: “Richtigen Kreis machen! Babys können das! Ihr seid ja keine Babys mehr?”rumkommandiert wird, als wäre man bei der Bundeswehr, ist begrenzt. Und wenn Sie tatsächlich ein “Mentor” dieser traurigen Polonaise Blankenaise sind, sollten Sie sich fragen, ob es sich mit der Würde der Frankfurter Universität verträgt, wenn Studierende sich so für Sponsoren zum Affen machen müssen. Ich finde das schlicht und einfach skandalös. Und es macht die Sache auch nicht grade besser, dass Sie den Autor unqualifiziert beschimpfen.

  12. Schmitt

    Ei, die können auf dem Campus bei den vielen Firmenevents der “Stiftungsuni” vielleicht gar nicht mehr klar unterscheiden, ob sie nun auf einer Roadschow von Opel oder einem Casting der UBS sind, oder einfach nur der geistige Hintergrund der gegenwärtigen neoklassischen Ökonomie nahe gebracht werden soll.

  13. Merzmensch

    @E1WochenMentor Merzmensch grüsst ebenso herzlich zurück und möchte verteuern, dass bei der Verfassung des teilzeitphilosophischen Artikels in unserem Schmierblatt der Faktor “Neid” kaum eine Rolle gespielt hatte -denn wenn einem der Hintern spaliertechnisch versohlt wird, oder sonstige gruppendynamischen Ferienanlagen-Tätigkeiten auf dem Plan stehen, – und das in einem universitären Kontext – ist es kaum beneidenswert. Wirklich schön, dass Ihr was für die Erstis organisiert – das begrüsse ich. Nur bitte mit mehr Niveau, der Universität entsprechend. Und, wie gesagt, mit mehr Respekt gegenüber den Erstsemestlern.

  14. marie

    Ist doch ganz einfach, bei wem sich hier Widerspruch erhebt, der ist raus. Immer schön machen, was die oberen sagen, und wenn’s die größte Scheiße ist und man es sich gefallen lassen muss vom Hintermann um die Hüfte gefasst zu werden.

  15. Bitskin

    @Bernhardt
    Du schriebst “Kommt nicht über Banalitäten hinaus.“. Und ich dachte noch, Sie würden das Glaubensfach Ökonomie studieren.

    ^^ der Absolute Hammer !!!

  16. Bernhard Schülke

    Hi Bitskin, das s von Sie sollte klein geschrieben werden. Sorry, war mißverständlich.

  17. Ich

    haha, kaum weiß sich einer nicht mehr zu “verteidigen” und findet keine plausiblen Rechtfertigungen/Erklärungen, wird sofort “Neid” geschien. Das macht die Sache auch nicht besser ;)

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