Frankfurter Gemeine Zeitung

Offener Brief kritischer Studierender an der Universität Frankfurt zu der Einführungswoche der Wirtschaftswissenschaften

Vor einer Woche haben wir einen heftig diskutierten Artikel über die befremdlichen Spaßrituale bei der Einführungswoche der Wirtschaftswissenschaften gepostet, die von der Deutschen Bank und PriceWaterhouseCooper gesponsort wurden.
Gestern, am 30.9. haben verschiedene Hochschulgruppen einen kritischen offenen Brief zur Einführungswoche an das Präsidium der Universität Frankfurt und das Dekanat des FB Wirtschaftswissenschaften geschrieben. Wir dokumentieren ihn im folgenden:

“An das Präsidium der Universität Frankfurt,
an das Dekanat des Fachbereichs 02 Wirtschaftswissenschaften
und die Fachschaft

Vom 23. bis 25. September hat die Einführungswoche des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, kurz E!-Woche, an der Universität Frankfurt stattgefunden. Mit Befremdung und Beunruhigung mussten wir feststellen, auf welche Weise die Studierenden an ihren neuen Lebensabschnitt herangeführt werden sollen. Zu beobachten war, neben nach einem militärischen Drill klingendem Grölen auf dem Vorplatz des Hörsaalzentrums auf dem IG Farben-Campus im Westend, ein Szenario, welches jedem modernen und aufgeklärtem Verständnis von Gruppendynamik und Sozialität zuwiderläuft.

Junge Erwachsene, die an ihren ersten Tagen an der Uni, angeleitet durch Mentor_innen, an Gruppenspielen teilnehmen sollen, wie beispielsweise einer vielleicht im ersten Moment harmlos klingenden Gruppenmassage, die von den Schultern über die Ohrläppchen bis zur Hüfte der_des jeweils Vorderen wanderte, bis hin zu einem gleichzeitigen setzen aller Beteiligten auf den Schoß der hinteren Person in einem riesigen Kreis, an dem sich der Schätzung nach 300 Menschen beteiligten. Einem Augenzeugenbericht zufolge klang das so: “Richtigen Kreis machen! Babys können das! Ihr seid ja keine Babys mehr? Hey du Jeans, rück’ mal weiter rechts, damit der Kreis steht! So, gut gemacht!”

Ein Video der E!-Woche im vergangenen Wintersemester 12/13 (s. Anhang) zeigt ähnliche Bilder. Hier werden männerbündische Initiationsrituale, wie das gegenseitige Schlagen auf die Fäuste, Wetttrinken, Spießrutenläufe bei denen den Teilnehmer_innen auf den Hintern geklatscht wird und sonstige entwürdigende „Kraftproben“ als Einführung ins Studium verkauft und zelebriert. Durchzogen ist das Video von Parolen wie „Sei dabei! Lern zum Orgasmus zu kommen.“ und Marschmusik. Am Ende des Videos ist der Schriftzug „Willkommen auf [sic] der Goethe Uni“ zu lesen. Das Verhalten, welches hier durch höhere Semester angeordnet wird, kündet von offenem Sexismus und Sozialchauvinismus. Die Studienbeginner_innen können sich dem Gruppenzwang kaum dezent entziehen, wollen sie nicht negativ oder abweichend auffallen. Uns scheint als sollen hier Orientierung suchende Studierende frühzeitig auf den Gehorsam eingeschworen werden, der von ihnen, gerade unter Berücksichtigung des Studiengangs Wirtschaftswissenschaften, von Beginn an verinnerlicht werden soll.

Zu den Hintergründen des Mentor_innen-Programms des SSIX ( Student Services for International Exchange) ist zu sagen, dass dieses von den privatwirtschaftlichen Unternehmen Deutsche Bank und PriceWaterhouseCooper finanziert wird. An einem Schulungswochenende werden den Mentor_innen scheinbar jene Praktiken gelehrt, welche uns nicht nur irritieren, sondern anwidern. Den Mentor_innen wird an diesem Schulungswochenende geraten, diejenigen, die sich in der E!-Woche nicht motivieren lassen mitzumachen öffentlich als „Langweiler“ bloßzustellen. Wir fragen uns, mit welcher Zielsetzung dieses „Mentor_innenprogramm“ und im besonderen die E!-Woche konzipiert wurde. Ebenfalls fragen wir uns, ob weitere Einführungswochen im Studiengang Wirtschaftswissenschaften an anderen Hochschulen durch die Deutsche Bank und PriceWaterhouseCooper mit ähnlichen Kozeptionierungen finanziert werden. Auf der Homepage des Fachbereichs finden wir weitere Informationen zur E!-Woche. Die Darstellung postuliert mehrfach, dass sich die Mentor_innen in studentischem Engagement beweisen würden und lädt auch dazu ein sich selbst zu engagieren. Wir fragen uns, sieht so das studentische Engagement der Zukunft aus? Weiter wird in einem Imagefilm zur E!-Woche mit den Worten „…komm auch du zur E!-Woche und erlebe den Start in Dein Studium hautnah“ zu dieser eingeladen. Zynischer kann man es kaum formulieren.

Die Hochschulleitung, selbst schnell zur Stelle, wenn es darum geht kritisches, abweichendes Verhalten an der Uni zu unterbinden, selbst wenn es sich bloß um Sticker auf dem vielbeschworenen „schönsten Campus Europas“ handelt, scheint das hier dargebotene Verhalten nicht bloß zu tolerieren, sondern auch noch zu fördern.

Wir möchten nicht, dass Erstsemester die Uni als einen Ort kennenlernen an dem Drill und Sexismus zum guten Ton gehören und fragen uns nicht zuletzt, ob das dann der gewünschte Normalzustand ist.”

Links:
Imagefilm zur E!-Woche:

Youtube-Video zur E!-Woche im letzten Wintersemester 2012/13:http://www.youtube.com/watch?v=x1ffdR-KyHk

 

Frankfurt am Main, den 30.09.2013

Unterzeichner_innen:

AK Kritische Psychologie

Fachschaft 04 Erziehungswissenschaften

arbeitskreis kritischer jurist_innen frankfurt am main

Grüne Hochschulgruppe

Demokratische Linke Liste

Gemeinsame Liste Medizin

assoziation : aufheben

Offensichtlich wurde oben genanntes Video zum Geschehen auf Youtube wegen Peinlichkeit unzugänglich (privat), aber findige Leute haben es auf einem anderen Hoster hochgeladen:


E!Woche Goethe Uni WS 12/13 von dm_508b33adacccb


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