Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurt ist auf Draht: Alle Preisträger, alle Urkunden des 1. Goldenen Stacheldraht Awards

Letzte Woche hat die  “Akademie für bewegende Bilder, Kunst und Orte mit Strahlkraft” zum ersten Mal verschiedene Bauten und Einrichtungen in Frankfurt mit dem “Goldenen Natodrahtaward” ausgezeichnet.  Dem Vernehmen nach stammt der dabei verwendete Draht aus den Beständen der ABG, die ihn um Gebäude auf dem Campus Bockenheim großzügig ausgelegt hat. Zusammen ergibt die Riege der Preisgekrönten ein eindrücklichesBild der Frankfurter Stadtpolitik, dass im starken Kontrast zu den schöngefärbten Reden der Magistratspolitiker steht. Wir dokumentieren deshalb hier alle Preisträger mit der Preisbegründung:

Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie PREIS FÜR DIE BESTE GESCHÄFTSIDEE – „TEURER GEHT IMMER“ geht an das *** Palmengarten Gesellschaftshaus ***

„Wenn ich schon im Palmengarten eine Gourmetoase für die Superreichen aus Kronberg und deren Autohersteller bauen will, warum soll ich das dann selbst bezahlen? Wenn das die Stadt macht, ist das für mich doch viel günstiger!“ Also dachte sich Schwarz-Grün Liebling Jonny Klinke und hatte eine ebenso einfache wie überzeugende Geschäftsidee: ich pachte das Dinge von der Stadt für einen Quadratmeterpreis, für den man im Westend normalerweise einen Kiosk anmietet, verpachte es für Unsummen an Vereine etc. weiter und serviere Vorspeisen ab 20 Euro aufwärts. Und weil sich in Johnnys Tigerpalast die schwarzgrüne Politikprominenz den, bzw. die Klinke in die Hand gibt, klappte das vorzüglich. Dummerweise kostet dieser Deal die Stadt jetzt 2 Millionen pro Jahr, aber machen wir halt im Palmengarten die Einheitspreise noch ein Stück höher…dann noch ein paar Millionen beim Theater und der Oper, den Schwimmbädern etc. eingespart und schon stimmt die Rechnung wieder.

„Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie PREIS FÜR DIE BEWUSSTESTE FEHLLEISTUNG
geht an das*** Sigmund Freud-Institut ***

„Wo ES war, soll WERT gesteigert werden“ – Das Gebäude des von Alexander Mitscherlich gegründeten Instituts konnte besetzt werden, weil es seit mehr als eineinhalb Jahren leer stand, um ab Sommer mit Mitteln des Landes Hessen renoviert zu werden. Die fünf Millionen Euro, die das Land dafür bereitstellte, waren verknüpft mit einer 40-prozentigen Kürzung der Mittel für die wissenschaftlichen Mitarbeiter auf etwa 400.000 Euro pro Jahr. Gab es in den 80er und 90er Jahren noch mehr als 20 feste wissenschaftliche Mitarbeiterstellen, so ließen sich nun damit kaum fünf finanzieren. Die Zahl wird sich weiter reduzieren, da die Mittel auf diesem Niveau eingefroren wurden. Zur gleichen Zeit wurde das Institut mit Teilbereichen seiner Forschung zwei hessischen Universitäten angegliedert und ist seither auf das Einwerben von Drittmitteln angewiesen. Anstelle der Psychoanalyse soll jetzt vor allem Hirnforschung betrieben werden. Der Geist der Psychoanalyse wird zum zweiten Mal Frankfurt ausgetrieben. Herr, wirf ein wenig Hirn vom Himmel!

Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie INTEGRATION VON STUDENT*INNEN IN IHR WOHNUMFELD geht an

THE FIZZ FRANKFURT

Dieses Projekt der International Campus AG zeigt , wie dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum für Student*innen nicht mehr ist als ein Spekulationsobjekt, das „selbst bei temporären Leerstand des Apartments fort laufende Zahlungen“ gewährleistet . Das günstigste Full-Service- Apartment für „Studenten und Young Professionals“ hat einen Kaufpreis von 84.260,00 Euro für etwa 23 qm. Student*innen, sofern es welche gibt, die sich die ähnlich hohen Mieten leisten können, erhalten hier ein „All-Inclusive-Service“ Wohnen. Wohnen und studieren, um „ Leistung zu fördern“ und „kompetente Berufseinsteiger mit professionellem Profil“ herauszubilden. Schnell von der Uni zurück in die Gated-Community, denn es handelt sich um eine Wohnlage mit „ guter Anbindung bei mitunter schwierigen Nachbarn“ (immobilienscout24).

Wir fragen uns, wie sich bei diesen Wohnformen Dinge wie Gemeinschaftssinn, Selbstorganisation und aktive Mitbestimmung entwickeln können, wenn junge Menschen zu Konsumenten ihres Lebensumfeldes werden.

Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie BÜRGERNAHE VERWALTUNG ZUR ERZIELUNG MÖGLICHST HOHER PROFITRATEN geht an das

*** STADTPLANUNGSAMT FRANKFURT ***

Seit nunmehr über 50 Jahre müht sich unter allen Dezernaten dieser Stadt das Stadtplanungsamt in herausragender Position darum, die Stadt an Investoren – und deren Interessen und Vorlieben – zu gewöhnen. Trotz vieler Rückschläge und ungeachtet vielerlei Anfeindungen ist es in bewundernswerter Weise dem schwarzgrünen Magistrat gelungen, hier eine entscheidende Weiterentwicklung voranzutreiben und zu stabilisieren. Wo bislang nur ein Fünkchen Hoffnung bestand, kann die Stadt heute mit einer mustergült igen Dienst leistungs-Abteilung aufwarten, die Investoren und Spekulanten aus allen Teilen der Welt anzieht . Ihr ausgewogenes All-Inclusive-Paket ist außerordent lich: Bebauungspläne nach Wunsch, Aufbereitung entsprechender Grundstücke, Befreiung von sämtlichen Auflagen und was immer gewünscht wird. Dies und die bewundernswerte Flexibilität ihres Dezernenten ließ die Wahl in der Kategorie leicht werden. Doch soll hier nicht vergessen werden: diese Leistungen zur Verschönerung der Bevölkerung und der Herstellung gehobener Vielfalt auf allen Bürgersteigen werden das Stadtbild nachhaltig verändern.


„Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie DEUTSCHLANDS ÜBERWACHTESTER, UNTERNEHMERISCHSTER UND UNFUNKTIONALSTER CAMPUS geht an das

*** PEG AM UNI-CAMPUS WESTEND ***

Mit der Fertigstellung des Gebäudes für die Psychologie, Erziehungswissenschaften, Gesellschaft swissenschaften und Humangeographie, abgekürzt PEG, wird das Ensemble des IG-Farben Campus vollendet. Der Umzug dieses Fachbereichs von Bockenheim ins Westend ist ein weiterer Schritt der Ent leerung des alten Standorts. Doch es geht nicht nur um leerstehende Gebäude, die t rotz der Ergebnisse in den Planungswerkstätten durch die ABG Frankfurt Holding vorzeitig verkauft oder abgerissen werden, sondern um den Verlust und den gewollten Verzicht auf selbstorganisiertes studentisches Leben am Campus Westend. Fachschaften und selbstverwaltete Einrichtungen, sofern sie geduldet werden, pressen sich in kleinste Zimmer und hinterste Ecken. Innen wie außen Überwachungskameras, zugangsbeschränkte Gebäude, Stahltore und Sicherheitspersonal.Wir sind nicht überzeugt davon, dass so „ traumhafte Studienbedingungen“ auf „Deutschlands schönstem Campus“ aussehen


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie FRANKFURTS HINTERHÄLTIGSTER UND SKRUPELOSESTER SCHURKE IM IMMOBILIENGESCHÄFT geht an die *** FRANCONOFURT AG ***

Franconofurt – Immobilienunternehmen: bekannt für fieseste Entmietungsstrategien zur Sanierung, Aufwertung und Privatisierung von Wohnungen. Die Franconofurt AG kaufte für eine lächerliche Summe das Gebäude in dem sich seit 2003 das IvI – Institut für vergleichende Irrelevanz befand. Durch die kontinuierliche Arbeit hatte sich das IvI zu einem Ort entwickelt, in welchem Wissenschaftler*innen, Bands, Künstler*innen und anderen Engagierten Theorie, Praxis und Party leben und ihren alternativen Gesellschaftsentwurf verwirklichen konnten. Am 22.04.2013 ließ Franconofurt das Gebäude räumen um angeblich eine Kindertagesstätte einzurichten. Schon lange vor diesem Datum hatte das Stadtschulamt den Standort als völlig ungeeignet deklariert und als inakzeptabel abgelehnt. In der öffentlichen Darstellung zur Räumung und bei den nachfolgenden Diskussionen hielt man jedoch demonstrativ an den Plänen fest.


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie DIE STADT PLANT FÜR DIE BÜRGER*INNEN geht an das *** MAINTOR QUARTIER ***

Bei derzeit 2 Mio. qm Büroleerstand in Frankfurt entstehen hier erneut 84.000 qm Bürofläche. Bei akutem Wohnungsbedarf entstehen hier ca. 200 Luxuswohnungen, die zwischen 5000 und 10.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche kosten. Das Wohnangebot soll „anspruchsvolle Kosmopoliten herzlich willkommen“ heißen und diese „bestens repräsentieren“. Wir fragen uns, wer diese Kosmopoliten sein sollen: Rund 25 Prozent der Bürger*innen in Frankfurt verfügen über keinen deutschen Pass. Sie stammen aus etwa 170 Nationen, leben in Frankfurt. Wer von ihnen sich diese Wohnungen wohl wird leisten können?


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie UNTERNEHMERISCHE STADT – BÜRGERNAHE VERWALTUNG FÜR INVESTOREN geht an den *** RÖMER ***

Unerbittlich wird an diesem Ort die Stadt dem Standort als “Global City” zugetrieben. Hart und rücksichtslos gegen sich selbst und die Bürger* innen wird von hier aus der letzte Gedanke an eine städtische Solidargemeinschaft zu Gunsten einer Stadt im gnadenlosen Wettbewerb der Städte weltweit ausgemerzt und an die Bevölkerung Frankfurts nicht nur appelliert , ihr Wohlergehen für diese große Aufgabe hinten an zustellen. Die Akademie würdigt diese Haltung in der Kategorie: Unternehmerische Stadt – bürgernahe Verwaltung für Investoren mit der Verleihung eines Goldenen Stacheldrahts.
Besondere Erwähnung findet das erfolgreiche Bemühen der städtischen Entscheidungsträger* innen durch Einsparungen und Erhöhungen von Eintrittspreisen – ohne Ansehen der Person – die städtischen Kassen nachhaltig zu entlasten.


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie DIE STADT FÖRDERT STUDENTISCHES WOHNEN geht an das

*** HEADQUARTER FRANKFURT ***

Die Suche nach bezahlbarem Wohnraum für Student * innen gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. WG-Besichtigungen nehmen mittlerweile bizarre Formen an: Castingshows, Clownerie auf Ansage,Bewerbungsfoto…. Anstatt dass das Studentenwerk Frankfurt gemeinsam mit der Stadt Frankfurt nach Möglichkeiten sucht, dieser Situation Abhilfe zu schaffen, preist man stellvertretend neu entstandenen, kommerziell betriebenen studentischen Wohnraum an. Ein 17 qm Zimmer incl. Kochnische und Bad kostet bis zu 530 Euro. Die Mieten sind so hoch, dass das Immobilienunternehmen Euro Grundinvest Eltern von Studienanfängern dazu rät , eine Wohnung zu kaufen, anstatt Miete zu zahlen.
Wir fragen uns, wie auf diese Weise die bestehende Abhängigkeit zwischen den Einkommensverhältnissen der Eltern und dem Zugang zu einer weiterführenden Ausbildung für ihre Kinder überwunden werden soll. Derzeit liegt der BAföG Förderungshöchstsatz bei 670 Euro.


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie PREIS FÜR DEN ÜBERFLÜSSIGSTEN KONSUMTEMPEL „HINTER BUNTEN LAMELLEN ALTE KAMELLEN” geht an die *** Skyline-Plaza ***

Am Tor zur neuen Stalin-äh Europaallee, die wie das ganze Europaviertel die historische Mission hat, den letzten bezahlbaren Mieten im Gallus den Garaus zu bereiten, steht als Symbol Europas natürlicherweise ein neues „Einkaufsparadies“ . Das ist deutlich mehr deutsch als griechisch, Rewe sei Dank. Im Konsumtempel herrschen allerdings die gleichen Götter wie seit Jahren überall auf der Welt : Also Schnellimbisse mit 400 Sitzplätzen, Saturn, Peek & Cloppenburg, Zara und H&M, McDonald’s, KFC und Nordsee. Und oben auf dem Dach um den schnicken neuen Garten lauter Auffanggitter, damit sich keiner runter stürzt, wenn er merkt, dass es hier genauso ist wie auf der ZEIL.


Der Goldene Stacheldraht in der Kategorie KAUM NOCH BEZAHLBARER WOHNRAUM geht an die

ABG FRANKFURT HOLDING

Die AKADEMIE FÜR BEWEGENDE BILDER, KUNST UND ORTE MIT STRAHLKRAFT würdigt mit der Vergabe des „Goldenen Stacheldrahts“ die unermüdliche Aktivität der ABG-FH im hochpreisigen Wohnungsbau, mit der sie die unangefochtene Führung auf diesem Sektor zu erlangen und zu halten gedenkt . In der Kategorie „ kaum noch bezahlbarer Wohnraum“ konnte sie die Jury mühelos überzeugen. Besondere Erwähnung soll hier finden, dass die ABG-FH ungebrochen und entgegen allen Anfeindungen vor-moderne Wohneinheiten radikal (und seit Jahren) der Modernisierung unterwirft und dabei insbesondere diese dabei den ökologischen Extra-Profiten zugänglich macht (Passiv-Haus). Dieser Preis möge ihr Ansporn sein, nicht nachzulassen auf dem Weg, das NEUE FRANKFURT zu schaffen – global, grün und exklusiv!

Ein besonderer Dank geht an die ABG als diesjährigen Sponsor des Natodraht Awards! Mit der großflächigen Umzäunung der von ihr auf dem Campus Bockenheim erworbenen Gebäude hat sie bewiesen, welchen Wert sie dem öffentlichen Raum beimisst und ein leuchtendes Beispiel für ihre Vision eines Kulturcampus gegeben!


3 Kommentare zu “Frankfurt ist auf Draht: Alle Preisträger, alle Urkunden des 1. Goldenen Stacheldraht Awards”

  1. Bernhard

    Wundervoll der Artikel!

  2. Trickster

    Leider ist zu kurz gekommen, dass zwei weitere Preisträger in die erlauchte Runde gewählt wurden:
    einmal der schwarz-grüne Magistrat für die CO2-freundlichste Location im Nordend – Quartiersgarage und dann die mit der Franconofurt irgenwie verbandelte und von der Taunussparkasse reichlich unterstützte BAUWERTE für ihre dreisten Entmietungen in bester Frankfurter Tradition. Mal sehen, was da noch nachgeliefert werden kann.

  3. Bert Bresgen

    Wurde der Draht denn da verliehen? War nicht auf der FB-Seite der Akademie.

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