Frankfurter Gemeine Zeitung

Einheitstag, tiefschwarz gesehen

Der “Tag der deutschen Einheit” soll ein bundesweiter Feiertag sein, der den Spaltungen und der Einheit des deutschen Nationalstaats gedenkt. Dass darunter sehr verschiedene und sehr unagenehme politische Haltungen zum Ausdruck kommen können, wird uns im Wettbewerbs-Deutschland des Jahres 2013 immer wieder bewußt.

Ich meine weder NSU noch NSA, sondern auch die alltäglichen Lautgewebe, in die uns Sendeanstalten einwickeln. Zum Tag der Einheit brachte eine ehemalige Kampfeinrichtung der Propaganda im kalten Krieg, der sogenannte “Deutschlandfunk” die herrschende Stimmung zur gemeinsamen Geschichte auf den Punkt. Es ging dem Sender dabei um Strassenbezeichnungen, um besonders ungehörige Strassenamen in den “Ländern der ehemaligen DDR”. Wie heute üblich, wurde dazu ein “Spezialist” befragt, der sich als Historiker und Politikwissenschaftler angeblich gut damit auskennt. Besonders wenn solche Erkenntnisse von einem amtlich bestallten und bestellten Akademiker kommen, der sich mit einiger Verve darüber empört, dass in Ostdeutschland immer noch Strassen nach dem Kommunisten Ernst Thälmann heißen. Der war in der Weimarer Republik (1918 – 1933) schließlich ein “unverbesserlicher Stalinist”, und es zeugt angeblich von anhaltender Unverbesserlichkeit der Bewohner im Osten, diesen gefährlichen Namen nicht endlich von deutschen Strassenschildern zu tilgen.

Der befragte “Zeithistoriker” und von der CDU nominierte Sachverständige Klaus Schröder ist Spezialist für den SED-Staat, aber einer, der offensichtlich einen sehr kurzen historischen Horizont hat, und zudem ungeliebte Dinge gern vergessen macht. Um sich solche Dinge in Erinnerung zu rufen, müssen wir gewiß nicht Fans des abgewrackten “preussischen Sozialismus” der DDR zu sein, sondern allein die Bewertung der Urteile zur Geschichte zeigt, welch Geist 2013 wieder Oberwasser gewinnt.

Um mit dem naheliegenden zu beginnen: Den verteufelten KPD-Mann Thälmann einen Stalinisten zu nennen ist zumindest ein gewagter Anachronismus. Wenn unser “Historiker” Schröder den “Stalinismus” – wie gemeinhin üblich – mit Schauprozessen, Säuberungen und Gulag identifizieren würde, dann wüsste er, dass dies in der Sowjetunion nach 1932 geschah. Da Ernst Thälmann 1933 aber sofort nach Machtübernahme der Nazis im KZ inhaftiert wurde, können wir ihn eher einen “Stalinisten avant la lettre” nennen, falls wir keine Mußmaßungen über sein einsames Denken im Verlies anstellen möchten.  Es bleibt der Vorwurf kommunistischer Einstellung und einer falschen Politik gegenüber der SPD bis 1932.

Von größerer Bedeutung allerdings scheint mir, dass der Deutsche Professor und eifrige Drittmitteleinwerber Schröder zum Einheitstag 2013 ohne jede Bedenken darüber hinweg geht, dass der Nazi-Gegner Ernst Thälmann nach seiner Verhaftung 11 Jahre in Einzelhaft verbrachte, und schließlich im KZ 1944 ermordet wurde. Für den Experte n war der Ermordete bloß “Stalinist” und er fordert mithin die historische Exkommunizierung eines ermordeten Nazifeindes wegen der von ihm 15 Jahre vorher vertretenen politischen Einstellung!

Bei den angesehenen und ermordeten Nazi-Gegnern im Westen wird ähnlicher Scharfblick jedoch mitnichten verlangt, im Gegenteil: die Attentäter vom Juli 1944 waren zu erheblichen Teilen eifrige Nazis, Ritterkreuzträger, in der vorderen Front der Angriffskriege Deutschlands in Europa aktiv. „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“ – so schrieb der hoch verehrte Attentäter Claus von Staufenberg während seiner Teilnahme am “Polenfeldzug” 1939, mithin zu einem Zeitpunkt, an dem der heute inkriminierte Thälmann schon seit 6 langen Jahren im Nazi-Gefängnis steckte.

Wenn wir nun bedenken, dass allein im RheinMaingebiet mehrere große Schulen den Namen Staufenbergs tragen, und im ganzen Bundesgebiet an die 100 diesem Beispiel ohne Beanstandung folgen, stellt sich die Frage nach den Beurteilungskriterien. Diese sollten im Falle aller Nazigegner von deren politischer Vorgeschichte – soweit es geht – absehen. Im Falle der aktiven Kriegsfürsten vom Juli 1944 gewiß keine leichte Sache.

Für den Experten Klaus Schröder ist es ganz leicht: im einen Fall, der geistig-politischen Vorgeschichte Thälmanns schon, im anderen spielt die langjährige Verstrickung der vorher siegreichen Krieger Hitlers keine Rolle. Ein wirklich bizarres Ungleichgewicht in der Beurteilung. Diese Unausgewogenheit lässt eigentlich nur den Schluß zu, dass sich bestellte Sachverständige der CDU 2013 dem national-konservativen Geist der Deutschen Militärs nach 1933 eher nahe fühlen; jedenfalls näher als an vielen solchen, die zur gleichen Zeit in Nazigefängnissen schmorten.

Wenn ich jetzt noch an den Vorgang erinnere, dass vor Tagen in der Stadt Hof in Bayern nach fast 70 Jahren an der CSU der Versuch scheiterte, den Strassennamen eines aktiven Nazis und glühenden Hitlerverehrers endlich zu ändern, wird mir beim Gedanken an den tiefschwarzen deutschen Einheitstag der kämpfenden Weltmarktnation und ein mächtiges Geschichtsverständnis, das national erneuert wird, gar nicht wohler. Und das ganze geschah auch in Hof als “grosse Koalition”, die SPD stimmte ebenfalls gegen die Namensänderung.

 


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