Frankfurter Gemeine Zeitung

Immer wieder aktuell: “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!”

Der Autor der berühmten Deklaration “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!” hieß Georg Büchner, und wurde vor genau 200 Jahren, am 17. Oktober 1813 bei Groß-Gerau am Rande des Rheinmain Gebiets geboren. Er veröffentlichte neben einigen Theaterstücken mehrere “Flugschriften”, die drastisch und sprachlich beeindruckend die Herrschaftsverhältnisse und schreienden Ungleichheiten im Hessen des 19. Jahrhunderts offenlegten und zu ihrem Umsturz aufriefen.

Auf eine wütende Reaktion der Herrschaft mussten Büchner und seine Weggefährten kaum warten, wen wunderts? Als Strafe auf die Schriften drohten bis zu 10 Jahren Kerker. Leopold Eichelberg druckte 400 Exemplare der Flugschrift in Marburg nach, und wurde dafür am 12. September 1837 zu langjähriger Festungshaft verurteilt.

Weil damals die Grenzen noch nicht so leicht zu verrammeln waren wie in unserer Zeit, konnte Büchner nach Süden, in die Schweiz entkommen. Ohne Asylanträge und Lageraufenthalt erlangte er in Zürich rasch den Doktorgrad und erhielt Wochen später bereits einen Lehrauftrag an der dortigen Universität. Nur wenige Monate später allerdings, zu Beginn 1837 starb er im Alter von erst 23 Jahren an einer Typhusinfektion, die er sich in seiner medizinischen Arbeit zuzog.

Wir mögen denken, Aufrufe des 19. Jahrhunderts haben höchstens historischen Wert. Jedoch lässt sich unsere konservative, “neoliberale” Wende heute gut auf eine Zeit zurückbiegen, in der einerseits die europäische Restauration nach der gescheiterten französischen Revolution die alten Herrschaftsverhältnisse wieder brutal festigte. Andererseits bildeten sich rund um den aufstrebenden internationalen Handel die Ideen des “Liberalismus” heraus, die anders als ihr gegenwärtiger Wechselbalg auch glaubwürdig auf gewisse demokratisierende Impulse setzte.

Grundsätzlich war aber das Gebiet des späteren Deutschlands ähnlich wie gegenwärtig ein besonders schwarzes Loch in Europa, in dem sich eine weitgehend ruhige und machtgläubige Bevölkerung das ganze 19 Jahrhundert hindurch seiner Lage ergab. Sie kultivierte diese Haltung sogar buchstäblich, oder kaprizierte sich aufs Auswandern, die Flucht über die Meere. Der Ausnahmen sind wenige, das Hambacher Fest 1832 gut 100 Kilomater südlich von Frankfurt hatte etwas vom Karneval der “Wutbürger” heute, mit etwas mehr Strafdrohung als jetzt, doch auch mit dem Charakter eines einmaligen Ereignisses.

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Der vehemente Aufruf Büchners 1834 rief kein Aufbegehren in Hessen hervor. Erst 14 Jahre später, 1848 zog sich eine Welle von Aufständen durch Europa, die auch in Deutschland, sogar in Frankfurt zu kurzen Strassenkämpfen führte. Der herrschende Adel schlug hart zurück, und in Deutschland blieb es bis zum 1. Weltkrieg weitgehend ruhig. Die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie, eine gewisse, verdeckte Praktizierung von Gesellschaftskritik als organisierte Arbeiterbewegung zeigte im Kontext deutscher Machthingabe wenig Kondition. Zu Beginn des 1. Weltkriegs stellte sie sich bereits vorbehaltlos hinter Kaiser und Vaterland, und schickte Millionen Arbeiterkinder für diese auf die europäischen Schlachtfelder. Diesen “genetischen Fehler” konnte die Sozialdemokratische Partei Deutschland offensichtlich nie mehr loswerden.

Wir sind gegenwärtig in einer Zeit der Restauration, die manche mit der Ära des spießig vernagelten Postnazismus in den 50er und 60er Jahren vergleichen, oder – inzwischen technologisch erheblich aufgerüstet – gar Bedingungen vor über 100 Jahren ähnelt, als sich ein politisch beruhigtes Deutschland zur europäischen Großmacht mit besonderem nationalen Gestus aufschwang, der die Arbeiterschaft einbezog und gleichzeitig erheblichen Druck auf sie ausübte.

Büchner bot einen Aufruf gegen derartige Verhältnisse, und zwar einer Art, die in unseren Tagen – in aktualisierter Form – genauso wie damals staatlich verfolgt würde. Solche Aufrufe haben heute wie ehedem Seltenheitswert, die bei uns im Lande maßgebliche Presse setzt sich ähnlich wie früher von derartig unbootmäßigen Dingen vehement ab.

Mit anderen Worten, Aufbegehren und Courage, besonders in anhaltender, solider, tiefschürfender Form gibt es im schwarzen Loch in der Mitte Europas kaum, und deswegen sei noch einmal auf den ganzen Text der Flugschriften Büchners verwiesen, sowie auf einen kleinen Aktualisierungsversuch, hier nachzulesen.

 


Ein Kommentar zu “Immer wieder aktuell: “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!””

  1. Immer wieder aktuell: “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!” | WIR Der ZeitBote Saarland

    [...] Büchners verwiesen, sowie auf einen kleinen Aktualisierungsversuch, hier nachzulesen. Quelle: Frankfurter Gemein Zeitung Veröffentlicht: 23 Oktober 2013 Author: Michael Posse Gefunden in Abschnitt: * Ausgesuchte [...]

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